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Lawrence Phillips war eines der größten Football-Talente.

Lawrence Phillips

Wenn Football das Gehirn krank macht

Die Karriere des früheren Football-Spielers Lawrence Phillips ist kurz und glanzlos, darauf folgt ein dramatischer Absturz bis hin zum Selbstmord in einer Gefängniszelle. Schuld daran könnte eine Hirnerkrankung sein, die durch Kopfstöße verursacht wird.

Von Sebastian Moll

Als Lawrence Phillips im Frühjahr 1996 seinen ersten Profi-Vertrag als Football-Spieler bei den St. Louis Rams unterschrieb, schien es so, als läge ihm die Welt zu Füßen. Der 21 Jahre junge Mann aus Arkansas wurde als eines der größten Talente der umsatzstärksten Sport-Liga der Welt gelobt, vor ihm lagen Ruhm und Reichtum.

Doch das Leben meinte es anders mit Phillips. Seine Profi-Karriere war kurz und glanzlos, darauf folgte ein dramatischer Absturz. Seine Geschichte endete schließlich an diesem Mittwoch in einer Gefängniszelle, in der Phillips sich offenbar selbst das Leben genommen hatte.

Für Phillips waren die Dinge aussichtslos geworden. Schon in den Wochen vor seinem Tod beschrieb er in Briefen an seine Mutter und an seinen ehemaligen Trainer, dass er kurz davorstehe auszurasten. Die Haftbedingungen mit permanenter Gewalt unter den Häftlingen und dauernder Schikane durch das Wachpersonal waren ihm unerträglich geworden. Seine Perspektive wurde immer düsterer.

Phillips' Schicksal scheint unausweichlich

Phillips saß seit 2005 im Gefängnis. Er wurde wegen häuslicher Gewalt gegen mehrere Frauen zu 31 Jahren Haft verurteilt – lange bevor eine Welle solcher Delikte durch NFL-Spieler im Jahr 2013 Schlagzeilen machte. In einem besonders schweren Fall soll Phillips seine Freundin wegen vermeintlicher Untreue an den Haaren die Treppe heruntergezogen und verprügelt haben.

Nun drohte Phillips’ Lage noch schlimmer zu werden. Im vergangenen Jahr erwürgte Phillips seinen Zellengenossen, wie er behauptete, in Notwehr. In den kommenden Wochen sollte er wegen dieser Tat erneut vor Gericht, bei einer Verurteilung hätte ihm die Todesstrafe gedroht.

Rückblickend liegt in Phillips’ Schicksal eine gewisse Unausweichlichkeit. Er wuchs in Heimen auf und galt schon als Jugendlicher als schwer erziehbar. Während seiner gesamten Sport-Karriere stand er sich mit seiner Neigung zur Gewalt immer wieder selbst im Weg. Er verstrickte sich in Raufereien und wurde noch während seiner Amateurzeit an der Universität von Nebraska mehrfach gesperrt. Seine Profikarriere wurde dann ebenfalls wegen seiner Probleme abseits des Spielfeldes abrupt beendet. Die San Francisco Giants suspendierten ihn, nachdem er verhaftet wurde, weil er eine Freundin geschlagen hatte.

Football schädlicher als Boxen

Das alles kann als Verhalten eines jungen Mannes gelesen werden, der ohne Eltern und in einer rauen Umgebung aufgewachsen ist. Doch der Fall Lawrence Phillips wirft weitere, vielleicht noch düstere Fragen auf.

Noch im vergangenen Jahr wurden Phillips in einer Sammelklage ehemaliger Spieler gegen die Liga 1,4 Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen. Die Liga zahlte insgesamt knapp eine Milliarde Dollar an ehemalige Spieler aus, nachdem der Zusammenhang zwischen den Belastungen des Spieles und einer chronischen Gehirnerkrankung namens CTE festgestellt werden konnte.

Wie der gerade erst in die Kinos gekommene Hollywood Film „Concussion“ zeigt, wird CTE durch die Zehntausenden von Kopfstößen hervorgerufen, die Football-Spieler während ihrer Laufbahn erleiden. Football ist für das Gehirn schädlicher als der Boxsport. Schätzungen über die Rate der Erkrankung reichen bis zu 79 Prozent aller Spieler.

Die Symptome decken sich mit denen von Lawrence Phillips. Die Spieler neigen zu Aggression und Gewalttätigkeit sowie zu Depression. Mehrere Fälle von Selbstmord konnten direkt mit der Erkrankung in Verbindung gebracht werden. So erschoss sich im Dezember 2012 der Linebacker Jovan Belcher, nachdem er seine Frau umgebracht hatte. Eine Autopsie förderte eine starke Degeneration des Gehirns zutage. Kurz zuvor, im Mai hatte sich der Star der San Diego Chargers, Junior Seau, selbst umgebracht. Er schoss sich in die Brust, damit postum sein Gehirn untersucht werden kann. Die Autopsie legte Symptome von CTE offen.

Ein Jahr zuvor hatte sich Dave Duerson von den Chicago Bears auf die gleiche Weise selbst ermordet, auch bei ihm wurde CTE festgestellt. Und im September 2013 erschoss sich Paul Oliver vor seiner Familie. Vorangegangen waren Wutausbrüche, bei denen Oliver ganz gegen seinen Charakter seine Frau verprügelte. Oliver hatte gegenüber seiner Frau zunehmend darüber geklagt, dass er einfach völlig die Kontrolle verloren habe.

Die NFL verschloss lange die Augen vor dem Problem, erst nachdem der Druck durch die Öffentlichkeit wuchs, die sich mehr und mehr von stichhaltigen wissenschaftlichen Untersuchungen überzeugen ließ, willigte die Liga in einen Vergleich ein und führte eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen ein. Für Lawrence Phillips ist das zu spät. Das Einzige worauf seine Angehörigen nun noch hoffen dürfen, ist, dass eine Autopsie ihn rehabilitiert. Oder wenigstens sein tragisches Schicksal erklärt.

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