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Basketballer im Rollstuhl von Takehiko Inoue.

Japan

Wenn der Superheld im Rollstuhl sitzt ...

  • vonFelix Lill
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… ist er wohl auch deswegen ein Superheld. Warum Japans Anime-Figuren mehr draufhaben als westliche Comicstars.

Soll ich ihn kaufen?“, fragt die junge Frau ihren Freund – und blickt schwärmerisch in die Vitrine. Zwischen einem monströsen Humanoiden und einer langbeinigen Krankenschwester ist da ein drahtiger Typ mit silbernem Haar drapiert. „Jean Pierre ist meine absolute Lieblingsfigur“, erklärt sie ihre Begeisterung. „Aber 7350 Yen ist schon teuer“, entgegnet der Freund. Das sind knapp 60 Euro. Andererseits, beteuert die junge Frau: „Ich finde ihn so toll, wie er es im Rollstuhl mit allen Gegnern aufnimmt.“

Diese Szene spielt sich im Obergeschoss eines mehrstöckigen Fangeschäfts ab, von denen es in Tokios Unterhaltungsviertel Akihabara viele gibt. Jean Pierre Polnareff, der da als kleine Plastikfigur ausgestellt ist, gehört zu den beliebtesten Protagonisten der populären Saga „Jojo no kimyou na bouken“ – auf Deutsch: „Jojos bizarre Abenteuer“. „Jojo“, wie die Ladenbesucherin die Serie kennerhaft abkürzt, habe sie jahrelang als Manga gelesen, später als Anime im Fernsehen verfolgt. Und gerade diese Pose des Helden Jean Pierre, der auch im Rollstuhl unbeugsam bleibt, imponiert der Liebhaberin.

Zur Erklärung: In der dritten Episode erleidet der Protagonist in einem wichtigen Kampf eine Verletzung. In der fünften Episode kehrt er im Rollstuhl zurück. Neben Verletzbarkeit und Trauma symbolisiert sein Werdegang Trotz und Zielstrebigkeit. Diese in Japans kulturell extrem einflussreicher Welt der Manga und Anime typische Art der Geschichtenerzählung voller charakterlicher Wendungen ist ein Gegensatz zur westlichen Comic- und Cartoonwelt. Dort sind die besonders ikonischen Heldinnen und Helden – wie Superman oder Batman – eher Figuren, die stets aufs Neue gewinnen.

Viele Mangas arbeiten mit Grautönen, sehen Schwächen eher als Stärken der Erzählung. Und ein Motiv ist dafür besonders beliebt: das der Behinderung. Ähnlich wie Jean Pierre Polnareff nach seiner Verletzung unbeweglicher ist als zuvor, dafür aber noch willensstärker, gibt es viele Beispiele. Etwa das Manga „Real“ von Starautor Takehiko Inoue. Darin geht es um eine Gruppe von Schüler:innen, die sich gegenseitig mobben, bis einer von ihnen durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt – und dann als Rollstuhlbasketballer zum Advokaten der Benachteiligten wird. „Real“ wird auch für das ausländische Publikum übersetzt.

„Persönliche Entwicklungen sind in der japanischen Szene wichtig und typisch, es geht immer wieder um die Herausforderungen im Leben, die einen verändern“, sagt Frédéric Toutlemonde. Der Franzose lebt seit fast 20 Jahren in Tokio und betreibt den Verlag Euromanga, mit dem er europäische Comics in Japan verkaufen will. Er kennt beide Szenen gut. Warum es in Europa kaum Protagonist:innen mit Behinderung gibt, weiß er nicht mit Sicherheit zu beantworten. „Es stimmt, dass es in Europa keine großen Titel gibt, die sich dem Thema widmen.“

In Europa gebe es entsprechende Werke nur vereinzelt, etwa der spanische Comic „Arrugas“ des Zeichners Paco Roca, in dem es um einen Mann mit Alzheimer geht. Das Stück war so erfolgreich, dass es auch für den japanischen Markt ins Gespräch kam. Verschiedene Comics und Zeichentrickformate behandeln soziale Themen wie Migration, Sport oder Krieg. Behinderung aber kommt zu kurz.

3. Dezember

Seit 1993 ist der heutige 3. Dezember der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Dieser Tag soll das Bewusstsein für die Belange der Betroffenen stärken. Er wird weltweit mit Aktionen begleitet. FR

Ein Erklärungsansatz, warum dies in Japan anders ist, sind schlicht die Dimensionen des Geschäfts. Anders als in Europa, wo Comics und Zeichentrick häufig als Hobby für Kinder betrachtet werden, operiert Japans Branche in der Mitte der Gesellschaft. Sie bedient alle Altersklassen und Lebensbereiche: Ältere lesen Mangas über historische Themen, Mädchen und Jungen über Abenteuer, Pubertät und Selbstfindung, Erwachsene über Ökonomie, Politik, Philosophie, Mode oder Porno. Japans Markt ist der größte der Welt.

„Der Unterschied zwischen japanischem und europäischem Zeichentrick ist keiner der Qualität, sondern der Quantität“, sagt auch Toutlemonde. Würde genügend Stoff produziert, könnten auch mehr europäische oder US-amerikanische Comics behinderte Protagonist:innen tragen. Dagegen spricht, dass Zeichner:innen von Anime und Manga kaum vom Verlag unabhängig produzieren, sondern ihnen häufig Themen vorgegeben werden. „In Europa ist dies seltener der Fall“, sagt Toutlemonde. Die Initiative für Inhalte wie Behinderung für den westlichen Markt müsste also von den Autor:innen kommen.

Mit Cosplay in die echte Welt

In Japan ist es zudem typisch, eine Geschichte über mehrere Bände zu erzählen, so dass immer wieder markierende Wendepunkte nötig sind. In westlichen Comics kommt es noch immer vor, dass jede neue Folge wieder von null startet. Die ständig weitererzählten Geschichten aus Anime und Manga transportieren sich auch in die Wirklichkeit. Regelmäßig werden in Japan und weltweit Cosplay-Veranstaltungen organisiert, bei denen die Fans ihre Lieblingscharaktere möglichst originalgetreu kopieren. Eine Art Kostümschaulaufen – ein Riesending für Manga- und Animeverrückte und gleichzeitig wohl die beste Werbung für die Branche.

Auf einer Cosplay-Website fragte vor einigen Jahren ein User: „Wäre es zu viel, sich einen Rollstuhl zu besorgen, wenn ich Tavros (Anm.: aus dem Anime „Tavros Nitram versus The World“) nachahmen will? Glaubt ihr, ich würde irgendjemanden beleidigen, weil ich nicht behindert bin?“ Die Antwort war einstimmig: Es wäre nicht beleidigend, sondern eine gute Sache.

Seit 1993 ist der heutige 3. Dezember der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Dieser Tag soll das Bewusstsein für die Belange der Betroffenen stärken. Er wird weltweit mit Aktionen begleitet. FR

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