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"Es gibt rund 40.000 Zwergwale vor der Küste Islands", sagt Walfänger Gunnar Jónsson.

Island

"Weniger Wale gefangen als erhofft"

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Verantwortungsvoller Walfang gefährdet den Bestand nicht, sagt der Jäger Gunnar Jónsson. Dass weniger Wale gesichtet werden, sei auch die Schuld von "Whale-Watchern".

Herr Jónsson, die Walfangsaison in Island ist gerade zu Ende gegangen. Wie war sie?
Ehrlich gesagt enttäuschend. Wir haben weniger Zwergwale gefangen als erhofft – gerade mal 17. Das Wetter war diesen Sommer nicht auf unserer Seite, es waren weniger Zwergwale in der Faxafloibucht, wo wir ja nur auf Jagd gehen dürfen, und dann hatten wir technische Probleme mit unseren beiden Booten.

Nach der für fünf Jahre ausgestellten Fangquote der Regierung hätten Sie 264 Tiere fangen können. Bedeuten gerade mal 17 Tiere, dass Sie den Bedarf nicht decken können?
Die Quote berücksichtigt nur, was zahlenmäßig verantwortungsvoller Walfang bedeutet, analog zu verantwortungsvoller Fischerei. Wale werden also auch von der Regierung wie Fische betrachtet. Aber die Quote sagt nichts über den angefragten Bedarf an Walfleisch, der sehr viel niedriger ist als 264 Tiere jährlich.

Grundsätzlich verkaufe ich in Island im Jahr locker 50 bis 60 Wale. Wenn die Jagd von Anfang an gut läuft und wir mitten in der Saison schon viele Tiere gefangen haben, warte ich erst einmal ab, wie groß der Markt ist. Ich würde niemals einen Wal fangen, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn verkauft bekomme. Ich will ja nicht auf einem Vorrat sitzen bleiben.

Wäre es nicht verantwortungsvoll, die Wale gar nicht zu fangen?
Es gibt rund 40.000 Zwergwale vor der Küste Islands. Ich denke, wenn wir wie dieses Jahr 17 Tiere – oder wie im letzten Jahr 46 – fangen, schmälert das den Bestand nicht. Und das ist der entscheidende Punkt, nach dem auch die Quoten bemessen werden. Selbst wenn wir die Quote von 264 Tieren im Jahr ausschöpfen würden, würde das den Bestand nicht negativ beeinflussen. Wir würden auch keine bedrohten Tiere fangen.

Sie besitzen eines von zwei Walfangunternehmen in Island. Dagegen gibt es immer mehr Whale-Watching-Anbieter, die bei Touristen dafür werben, Wale zu beobachten statt sie zu essen. Inwiefern beeinflusst das die Nachfrage nach Walfleisch?
Wir verkaufen an Restaurants und Supermärkte immer noch alles, was wir fangen. Außerdem kommt uns der zunehmende Tourismus entgegen, wodurch wir mehr verkaufen. Unterm Strich steigt der Bedarf. Natürlich versuchen die Walfanggegner und Whale-Watching-Betreiber alles, um uns zu stoppen, und wollen dafür auch die Touristen auf ihre Seite ziehen. Ich weiß nicht, was die Touristen denken. Ich weiß aber, dass sie Walfleisch im Restaurant bestellen und in Supermärkten kaufen, weil sie es sonst nirgends bekommen. Also essen sie es hier in Island.

Sie gehen in der gleichen Bucht vor Reykjavik auf Walfang, in der auch Whale-Watching-Boote fahren ...
Das Letzte, was wir machen würden, wäre, die Nähe eines Whale-Watching-Bootes aufzusuchen. Auf die Idee kämen wir gar nicht, das wäre nur dumm von uns. Es ist genau anders herum: Sie streifen unsere Routen. Und warum? Weil sie so Publicity bekommen und sagen können, Touristen könnten wegen uns keine Wale sehen. Und wenn wir über die Zwergwalbestände reden, denke ich, liegt es an dem ausufernden Whale Watching und nicht an unserem Walfang, warum immer weniger Zwergwale in Faxafloi gesichtet werden.

Es gibt fünf Whale-Watching-Unternehmen in Reykjavik, die meisten haben mehrere Boote, die zwei-, drei-, viermal am Tag hinter dem selben Wal her sind, immer und immer wieder. Das ist der wahre Grund, warum wir weniger Zwergwale hier sichten. Ich habe nichts gegen Whale Watching, es ist ein wunderbares Geschäft. Aber zu sagen, dass Whale Watching per se walfreundlich ist und wir die Bösen sind, die deren Routen durchkreuzen, ist einfach falsch.

Sie halten Wale doch auch für wunderbare Tiere. Ist das nicht ein Punkt, der Sie nachdenklich macht?
Wenn es darum geht, wie wunderbar Tiere sind, sehe ich keinen Unterschied zwischen einem Wal und einem kleinen Lamm. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, mein Vater war Schweinewirt. Wenn ich abends schlafen ging, hatte ich ein kleines Schweinchen bei mir mit im Zimmer, weil ich es liebgewonnen hatte. Ich liebe Tiere und finde, alle Tiere haben etwas Wunderbares an sich, ob groß oder klein. Das ist ein Gefühl, das ich gut verstehe. Aber es ist eben auch nur ein Gefühl.

Machen Sie sich Sorgen, dass die Fischereiministerin Thorgerður Katrín Gunnarsdóttir überlegt, Walfang zu verbieten?
Da mache ich mir keine Sorgen, weil sie nach der Wahl am Samstag wohl keine Ministerin mehr sein wird. Es sieht so aus, als würde ihre Partei untergehen. Im Moment haben wir noch die Erlaubnis, auch im nächsten Jahr wieder auf Walfang gehen zu dürfen. Nach der Saison 2018 müssen wir uns um neue Lizenzen kümmern. Warten wir ab, wie die Regierung aussehen und wer ihr Amt beerben wird. Als das Parlament über Walfang diskutierte, haben über 70 Prozent der Abgeordneten für verantwortungsvollen Walfang gestimmt.

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