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Wen sucht das Land?

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Von: Andreas Sieler

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Es böte sich an, den beliebten Titel „Leute der Woche“ aus gegebenem Anlass umzuformulieren. Und zwar in „Leute der vergangenen zwei Jahrzehnte“. Vergeben sollte man ihn an ein Team des TV-Senders RTL, und zwar den Macherinnen und Machern von „Deutschland sucht den Superstar“, kurz DSDS.

Zu würdigen wäre nicht nur, dass sie diese Woche die 20. und letzte (!) Staffel des Formats angekündigt haben, sondern auch, dass sie so lange, so tapfer und unbeirrt nach möglichen Superstars gesucht haben. Denn eines hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gezeigt: Superstars wachsen nicht an Bäumen. Und ohne Titelträger:innen wie Beatrice Egli oder Alexander Klaws zu nahe treten zu wollen – so ganz ist die Show ihrem Titel bislang nicht gerecht geworden.

Als das Format an den Start ging, war die Welt noch eine andere: Gerhard Schröder hatte noch Freunde, Angela Merkel hatte als Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz in die Wüste geschickt, der Euro hieß Teuro und das Internet, glaubten noch viele, würde sich nie durchsetzen.

Während also der Begriff „Superstar“ heute alle umfasst, die bei drei auf der Bühne sind, brauchte es vor 20 Jahren schon auch das gewisse Etwas. In den Charts tummelten sich seinerzeit Ozzy Osbourne („Dreamer“), Las Ketchup („The Ketchup Song“), Robbie Williams („Feel“) und einige Stücke von Herbert Grönemeyers „Mensch“-Album. Okay, Superstars dabei. Florian Silbereisen, der DSDS nun wieder verlässt, wurde eben erst aufs Fernseh-Publikum losgelassen. Helene Fischer war noch Teenagerin.

Doch egal, welche Listen der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Musiker aller Zeiten man durchwälzt, auf den vorderen Rängen sind nur Männer: Grönemeyer, Campino, Maffay, Rammstein, Westernhagen und ja, auch Xavier Naidoo und Michael Wendler. Und diese Männer (Zielpublikum hin oder her) waren vor 20 Jahren schon alle bereits dick im Geschäft. Außer Helene Fischer wurde also genaugenommen in den vergangenen zwei Jahrzehnten kein Superstar in Deutschland entdeckt. Auch bitter für die DSDS-Crew: Die Fischer wurde eh von jemand anderem entdeckt...

Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, haut das DSDS-Team nochmal wirklich alles raus. Und holt rein, was geht. Stichwort Dieter Bohlen. Bohlen, eigentlich DER Erfolgsgarant kommerzieller Massenunterhaltung, kehrt an seine alte Wirkungsstätte zurück. Die Kandidat:innen dürfen schon in Deckung gehen: „Wenn ich nicht der Dieter sein darf, der ich bin, hätte ich nicht zugesagt.“ Und schon vor der letzten Staffel zieht der Pöbel-Juror gewagt Bilanz: „Wir haben geschafft, was keine andere Musik-Castingshow in Deutschland geschafft hat: DSDS gibt es seit 20 Jahren.“ Chapeau! Fehlt eigentlich nur noch ein Superstar. Andreas sieler

Mehr Informationen finden Sie unter www.fr-online.de

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