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Unendliche Weiten für das Wohnzimmer

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Von: Alexander Kraft

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Jahrzehnte lang drehten sich Brettspiele um Historisches: Römer, Ägypter, Mittelalter, Eisenbahnbau. Spätestens 2022 hat sich das komplett geändert. 
Globale Bildunterschrift*
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Jahrzehnte lang drehten sich Brettspiele um Historisches: Römer, Ägypter, Mittelalter, Eisenbahnbau. Spätestens 2022 hat sich das komplett geändert. © Imago/Christian Zappel

Lange galt das All als unbeliebt bei Brettspielfans. Die Neuheiten der Saison steuern jetzt aber mit Warpgeschwindigkeit in die Welt der Sterne, Planeten und Raumschiffe.

Ein Weltraum-Thema? Um Gottes Willen! Können wir nicht was anderes machen? - So oder so ähnlich klang es noch vor wenigen Jahren leicht verzweifelt aus den Marketingabteilungen der Spieleverlage, wenn es um die große Neuheit für den Weihnachtsverkauf ging und der Titel partout nicht ins deutsche Kaufschema passen wollte. Jahrzehnte lang drehten sich Brettspiele um Historisches: Römer, Ägypter, Mittelalter, Eisenbahnbau. Spätestens 2022 hat sich das komplett geändert. Gefühlt die Hälfte der neuen Gesellschaftsspiele schickt die Spielefans ins All. Das geht querbeet und erfasst alle Genres sowie Spiele für jede Altersgruppe.

Take-off für die galaktische Rundreise durch die Spielneuheiten der Saison ist ein Kinderspiel. Cosmic Race ist, der Name verrät es, ein Wettlaufspiel. Bis zu vier Astronaut:innen versuchen, ihr Raumschiff als erste ins Ziel zu steuern. Dabei gilt es, unterwegs Hindernissen auszuweichen und kleine Boni einzusammeln.

Gesteuert wird der Ablauf über ein „Memory“-Element: Neun Plättchen liegen verdeckt im Dreier-Raster aus, darunter verbergen sich Vorgaben. „Fliege geradeaus“ oder „Biege rechts ab“. Aber: Die Plättchen wechseln ihre Position. Da ist ein gutes Gedächtnis gefragt. Sehr hübsch an Cosmic Race ist das schön gestaltete Material mit großen Raumschiffen aus Vollholz.

Cosmic Race (Loki): 
1-4 Spieler:innen, ab 6 Jahren, 
20 Min, ca. 28 Euro.
Cosmic Race (Loki): 1-4 Spieler:innen, ab 6 Jahren, 20 Min, ca. 28 Euro. © Loki

Mit Warp-Speed geht es von den Kleinsten zu dem mit Abstand gewaltigsten Titel. Das Verrückte: Twilight Inscription gehört zum Genre der seit einiger Zeit extrem beliebten Roll&Write- oder Pen&Paper-Spiele. Also so etwas wie „Kniffel“. Aber ein „Kniffel“, bei dem sich Einstein, Mr. Spock und Yoda zusammengetan haben, um es mal so richtig schwer zu machen. Die Spielenden haben je vier etwa DIN A4 große (abwischbare) Tafeln in den Kategorien Navigation, Industrie, Militär und Expansion vor sich. Pro Runde wählt man einen Quadranten für seine Aktion. Mit den leucht-orangenen Faserstiften werden Kringel, Kreuze und Striche eingezeichnet. Das schaltet Ressourcen frei, neue Sternensysteme werden erkundet, oder die Flotte bewaffnet. Der entscheidende Kniff: In jeder Runde werden die sechs Würfel gerollt. Die drei Basiswürfel verwenden alle Spieler:innen. Die drei verschiedenfarbigen Würfel darf nur beanspruchen, wer jeweils den gewählten Sektor dafür freigeschaltet hat. Drei Würfel, vier Sektoren, zwölf mal Arbeit – da raucht der Kopf mehr als das Triebwerk!

Twilight Inscription 
(Fantasy Flight Games/Asmodee): 
 1-8 Spieler:innen, ab 14 Jahren, 
90-120 Minuten, ca. 60 Euro
Twilight Inscription (Fantasy Flight Games/Asmodee): 1-8 Spieler:innen, ab 14 Jahren, 90-120 Minuten, ca. 60 Euro © Fantasy Flight Games/Asmodee

Eine Spielart von Pen&Paper ist das auf Familienniveau angesiedelte Distant Suns. Alle haben ganz klassisch ein Blatt Papier vor sich: Das Weltall. Dessen 128 Hexfelder sollen die Spieler:innen kartographieren. Dort lauern Aliens, es gibt Schätze zu entdecken und hilfreiche Technologien. Um Siegpunkte zu kassieren, versucht man im Laufe der drei Runden, möglichst viele Felder zu erkunden, sprich: abzudecken. Wer am Zug ist, legt an der zentralen Missionskontrolltafel ein zweiteiliges Plättchen an. Das weist einem eine Abdeck-Figur zu, dem Rest der Runde aber - und das ist der Kniff bei Distant Suns - eine Andere. Die Kunst ist, jeweils für sich die passende Figur zu verwenden, in den nächsten Zügen aber flexibel die Vorgaben der Anderen umsetzen zu können.

Woher aber rührt der Drang ins All? Pen&Paper, nur als Beispiel, gab es erst jüngst sehr erfolgreich mit dem Doppelpack „Der Kartograph“/“Die Kartographin“. Der Grund ist sehr einfach: Im Universum umgehen Verlage Themen und Probleme, die bei irdischen Szenarien demselben rasend schnell um die Ohren fliegen (können). Wer im galaktischen Ringen eine Alien-Rasse von Pflanzenwesen ausrottet oder einen Helium-Planeten sprengt – so what? Auf der Erde kann ein thematischer Fehlgriff schnell zum Himmelfahrtskommando werden.


Distant Suns (Iello):
 2-4 Spieler:innen, ab 10 Jahren, 
 25 Min, ca. 18 Euro.
Distant Suns (Iello): 2-4 Spieler:innen, ab 10 Jahren, 25 Min, ca. 18 Euro. © Iello

Prominentes Beispiel dafür ist eines der mit Abstand besten Expertenspiele der letzten zehn Jahre: „Mombasa“. Wurde darin 2014 noch relativ gedankenlos Afrika kolonialisiert, so nennt heute Autor Alexander Pfister das Thema „gruselig“. Das war ihm und dem Verlag beim Feilen an den innovativen Spielmechaniken schlicht durchgerutscht. Neuauflage? Gab’s trotz Nachfrage erst einmal nicht. Bis jetzt! Denn 2022 wurde aus „Mombasa“ Skymines: Die Raketen werden dort auf den Mond geschickt und statt Kaffee, Bananen und Baumwolle werden nun Titan, Kohlenstoff und Mineralien eingesammelt. Und die Spielerinnen und Spieler teilen, wie gehabt, die Landkarte unter sich auf, um sich punkteträchtig bei den vier Explorationskompanien einzukaufen.

Skymines 
(Pegasus Spiele/Deep Print Games):
 1-4 Spieler:innen, ab 12 Jahren, 
75-150 Min, ca. 60 Euro.
Skymines (Pegasus Spiele/Deep Print Games): 1-4 Spieler:innen, ab 12 Jahren, 75-150 Min, ca. 60 Euro. © Pegasus Spiele/Deep Print Games

Die unendlichen Weiten können aber auch in anderer Hinsicht ein willkommener Fluchtort sein. „Pandemie“ dürfte das wohl beliebteste kooperative Spiel überhaupt sein. Beziehungsweise war es – bis Anfang 2020. Wer hat heute noch Spielspaß am Kampf gegen vier sich weltweit rasend schnell ausbreitende Seuchen? Der perfekte Dreh: Man nehme eine hochgradig zugkräftige Marke, zum Beispiel „Star Wars“, und schon prangt auf dem Karton von Star Wars: The Clone Wars der Hinweis „Basiert auf dem Pandemie-System“. Dazu ein paar kleinere Anpassungen der Mechaniken, alles elegant mit Miniaturen versehen – und schon agiert die Runde kooperativ als Anakin Skywalker, Obi-Wan Kenobi und Yoda und weist die sich wie eine Seuche übers All ausbreitenden Horden von Count Dooku in die Schranken.

Star Wars: The Clone Wars 
(Z-Man Games/Asmodee): 
1-5 Spieler:innen, ab 14 Jahren,
 60 Min, ca. 55 Euro.
Star Wars: The Clone Wars (Z-Man Games/Asmodee): 1-5 Spieler:innen, ab 14 Jahren, 60 Min, ca. 55 Euro. © Z-Man Games/Asmodee

Wer nach einem klassischen Strategiespiel mit der ebenfalls seit Jahren beliebten Mechanik Arbeitereinsatz sucht, wird bei Starship Captains fündig. Die bis zu vier Starship-Kommandeurinnen und Kommandeure starten mit kleiner Crew und merklich lädiertem Schiff. Ups! Ja, aber das gehört dazu. So ist es nicht nur der Job, auf dem zentralen Spielbrett viel Flugbewegung zu erzeugen, Piratennester auszuheben und Missionen zu erfüllen. Das eigene Schiff ist ein üppig gestaltetes Tableau. Das muss zwar ständig repariert werden (Piratentreffer!), es lassen sich aber auch viele Verbesserungen für mehr Effektivität einbauen. Das sehr hübsche Steuerelement in diesem quirligen Kennerspiel: 3D-Miniaturen in vier Farben, sprich Crewmitglieder verschiedener Ränge.

Starship Captains 
(Czech Games Edition): 
1-4 Spieler:innen, ab 12 Jahren, 
25-100 Min, ca. 60 Euro.
Starship Captains (Czech Games Edition): 1-4 Spieler:innen, ab 12 Jahren, 25-100 Min, ca. 60 Euro. © Czech Games Edition

Ein strategisches Schwergewicht ist Luna Maris. Bis zu vier Spielerinnen und Spieler schicken ihr Forscherteam zum Vorposten auf dem Mond, um Ressourcen zu produzieren. Das kennt man. Spannend: Luna Maris preist den ökologischen Fußabdruck des eigenen Handelns mit ein. Wer zu viel Müll produziert – kassiert Strafpunkte. Im Spielgeschehen verzahnen sich elegant zahlreiche Mechaniken (Handkartenmanagement, Gebietskontrolle, Entwicklungsleisten, Aufträge erfüllen). Sehr hübsch: Üblicherweise kostet es Energie, eines der zehn Module der Mondstation zu nutzen. Steht da schon die Konkurrenz, ist das kostenlos. Aber: Passt diese Aktion wirklich in die eigene, langfristige Strategie?

Luna Maris (Giant Roc): 
1-4 Spieler:innen, ab 14 Jahren,
 60-120 Min, ca. 50 Euro.
Luna Maris (Giant Roc): 1-4 Spieler:innen, ab 14 Jahren, 60-120 Min, ca. 50 Euro. © Giant Roc

Den Sprung ins All hat der Superklassiker der deutschen Spielewelt, die „Siedler“, schon vor langer Zeit gewagt. Allerdings wurde Catan: Sternenfahrer nie wieder aufgelegt. Die Getränkedosen-großen Raumschiffe hatten ein Qualitätsproblem, die Anbauteile brachen ab. Doch seit kurzem ist nicht nur das Grundspiel, sondern auch die 5er/6er-Erweiterung mit dezenten Regelanpassungen wieder da. Hübsche Fußnote: Der Herr der Inseln, Spielautor Klaus Teuber, hat begonnen, die Geschichte Catans in einem Fantasy-Roman zu verarbeiten. Jüngst auf der Buchmesse stellte er Teil 1 mit 500 Seiten vor.

Catan: Sternenfahrer (Kosmos): Erweiterung für 5-6 Spieler:innen, 
ab 12 Jahren, 150 Min, ca. 40 Euro.
Catan: Sternenfahrer (Kosmos): Erweiterung für 5-6 Spieler:innen, ab 12 Jahren, 150 Min, ca. 40 Euro. © Kosmos

Nun mögen sich Einige fragen: Gibt es denn nichts Neues unter der Sonne? Doch. Council of Shadows etwa. Zehn Galaxien mit 31 Sonnensystemen breiten sich vor den Spielerinnen und Spielern aus. Besiedeln, Ressourcen produzieren, neue Entdeckungen machen. So weit, so bekannt. Doch, und nun wird es anders. Dabei geht es nicht um Siegpunkte. Vielmehr spielt man in diesem Kennerspiel gegen den eigenen Energieverbrauch. Jede Aktion im All treibt den Markierungsstein auf der Energieleiste immer weiter davon. Den muss man auf der zweiten, parallel verlaufenden Energieproduktionsleiste einholen. Wer das drei Mal schafft, löst das Spielende aus und hat beste Chancen auf den Sieg. Diese ganz neue Balancemechanik stellt bekannte Aktionsmuster auf den Kopf und sorgt für ein völlig neues Spielgefühl.

Council of Shadows 
(Alea/Ravensburger): 
1-4 Spieler:innen, ab 14 Jahren, 
60-90 Min, ca. 50 Euro.
Council of Shadows (Alea/Ravensburger): 1-4 Spieler:innen, ab 14 Jahren, 60-90 Min, ca. 50 Euro. © Alea/Ravensburger

Noch viel abgedrehter ist Spaceship Unity. Das ist kein reines (Brett-)Spiel mehr, hier wird die gesamte Wohnung zum Spielort! Als Besatzung der Spaceship Unity erkundet man das All und besteht sozusagen als Schauspielertruppe zahlreiche Weltraumabenteuer. Fünf dicke Storybücher jagen einen durch die Episoden – aber je nach den getroffenen Entscheidungen nimmt die Geschichte unterschiedliche Verläufe. „Aliens greifen an!“ Schutzschilde hoch! Heißt: im Schlafzimmer Rollladen runter! Und zwar dalli! Denn die Sanduhr läuft immer mit. Eine Episode mit Weihnachtsbaum als brennendes Triebwerk ist zwar nicht vorgesehen, doch für Action zwischen den Jahren ist gesorgt.

Spaceship Unity (Pegasus Spiele):
 2-4 Spieler:innen, ab 10 Jahren,
 60-120 Min, ca. 50 Euro.
Spaceship Unity (Pegasus Spiele): 2-4 Spieler:innen, ab 10 Jahren, 60-120 Min, ca. 50 Euro. © Pegasus Spiele

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