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Rund 600 000 Rohingya leben im größten Flüchtlingslager der Welt.
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Rund 600 000 Rohingya leben im größten Flüchtlingslager der Welt.

Kriegsgewalt

Weltflüchtlingstag: Eine von ihnen, eine von uns

  • Tanja Kokoska
    VonTanja Kokoska
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Weltweit sind mehr als 82 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte davon Frauen und Mädchen. Zum Flüchtlingstag der Vereinten Nationen lassen wir ein Bild für sie sprechen.

Wen sehen wir? Wir sehen eine Frau in einem Flüchtlingslager in Bangladesch. Sie ist eine Rohingya, Angehörige einer muslimischen Volksgruppe, die im Nachbarland Myanmar unterdrückt und verfolgt wird. Mehr als 870 000 Menschen sind geflohen, weil sie um ihr Leben fürchten müssen. Fast 600 000 Frauen, Kinder und Männer leben nun in Kutupalong, dem mittlerweile größten Flüchtlingslager der Welt.

Am 20. Juni, dem „Weltflüchtlingstag“, rufen die Vereinten Nationen zur Solidarität mit Geflüchteten auf. Die Hälfte der weltweit 82 Millionen Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, sind Frauen und Mädchen. Sie fliehen vor politischer Verfolgung, vor Bürgerkrieg und Umweltzerstörung, vor Armut und Gewalt, vor der Bedrohung durch „Ehrenmorde“ und Zwangsheirat, vor Genitalverstümmelung und Vergewaltigung. Mehr als 40 Millionen Frauen und Mädchen. Diese Frau auf unserem Bild ist eine von ihnen. Stellen wir uns vor, wenigstens für die Zeit, die es braucht, ein paar Zeilen zu lesen, an ihrer Stelle zu sein.

Flüchtlingstag der Vereinten Nationen: Mehr als 82 Millionen Menschen sind auf der Flucht

Sie schläft in einem Zelt, der Boden ist uneben, sie hat Steine fortgeräumt. Sie liegt auf einer dünnen Matte, es ist heiß, sie schwitzt. Das Zelt bietet kaum Schutz, eine Wand aus Stoff zwischen ihr und der Welt. Wann hat sie sich zuletzt waschen können? Verliert sie irgendwann das Gefühl zu stinken? Wird es ihr gleichgültig? Wie soll sie zur Toilette gehen, vor allem nachts?

Sie muss sich im Dunkeln einen Ort suchen, irgendwo hinter Bergen von Müll, wo sie möglichst unbeobachtet ist. Sie hat Angst. Immer. Womit macht sie sich sauber? Was, wenn sie ihre Periode hat? Vielleicht legt sie Fetzen aus Stoff in die einzige Wäsche, die sie besitzt, und säubert sie in einem Fluss oder in einer Pfütze. Der Stoff ist rau und fleckig, er scheuert auf der Haut. Aber sie hat keine Salbe, und wenn die Krämpfe kommen, gibt es keine Linderung. Sie liegt im Zelt und massiert ihren Bauch und wartet, bis der Schmerz nachlässt. Mücken plagen sie, sie kratzt die Stiche blutig. Ihr Haar ist stumpf. Sie fürchtet sich vor den großen Spinnen, die in ihr Zelt kriechen. Sie hat Durst. Ihr Kind hat Durst. Und da sind die Bilder in ihrem Kopf, die sie nur loslassen, wenn es ihr gelingt zu schlafen. Meist ist sie zu erschöpft, um zu schlafen. Wie lange dauert es, bis sie das Gefühl verliert, eine Frau zu sein?

Wer nimmt sich ihrer an? Wer spricht mit ihr? Wer hilft ihr, verstörende, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten? Wir alle kennen Frauen, die Opfer von Kriegsgewalt wurden und, vielleicht, ein Leben lang davon schwiegen. Es sind unsere Mütter, unsere Großmütter. Es sind die Frauen, die einst im Haus nebenan wohnten und vor politischer Verfolgung flohen. Die Lehrerinnen an der Schule waren, die auch wir besuchten, oder an der Universität unterrichteten, auf die auch wir gingen. Die unseren Müttern Kleider nähten. Oder Brötchen über die Theke reichten. Machen wir uns also bewusst: Wenn wir diese Frau in Bangladesch anschauen, sehen wir nichts anderes als ein uns verflucht vertrautes Schicksal. (Tanja Kokoska)

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