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Wie die Zeit vergeht: Vor zwanzig Jahren eröffnete das Ikea-Möbelhaus im Saalepark Günthersdorf zwischen Leipzig und Halle.

Ikea

Die Welteinrichter

40 Jahre Ikea in Deutschland: Auch die Kritiker können nicht leugnen, dass das schwedische Möbelhaus unsere Wohnkultur mit Billy & Co. nachhaltig verändert hat.

Von Nikolaus Bernau

Köttbullar, ausgesprochen etwa Schöttbulla, diese schwammigen weichen Fleischbällchen in mattgelbem Kartoffelpüree an quietschroter Preiselbeermarmelade, haben inzwischen vier Generationen auf Ikeas Bild vom hohen Norden geprägt: Süß ist’s da, freundlich hell und matschen darf man auch. Wer den Einfluss des größten Möbelhauses der Welt auf unsere Wohn- und Lebenskultur verstehen will, darf das Restaurant nicht übersehen, den Kaffee, den man sich einfach so nachschenkt. 1974, als das erste deutsche Ikea-Haus in Eching im Norden Münchens eröffnete, war eine solch demonstrative Liberalität kaum weniger als eine gesellschaftspolitische Revolution.

Der Aufstieg von Ikea – heute weltweit mit mehr als 20 Milliarden Euro Gewinn der größte Verkäufer von Alltagsgestaltung – ist ein Mythos des modernen Kapitalismus. Möglich war er letztlich nur dank des Verkaufsgenies von Ingvar Kamprad. Von der Idee des Selbermachens beim Möbelbau, den Spielecken, der offenen Lagerhaltung bis hin zu den Restaurants ist Ikea seine Schöpfung. 1943 eröffnete der damals 17-jährige Kamprad seinen ersten Laden, das neutrale Schweden prosperierte dank Waffen- und Erzverkäufen an die Deutschen.

1947 begann er damit, modern gestaltete, aber billige Möbel zu verkaufen, bediente den wachsenden Wohlstand im traditionell armen Smaland. 1951 erschien der erste Katalog, 1958 eröffnete der erste Ikea in Almhuld, 1963 der erste in Norwegen, Deutschland folgte 1974. Zu den bislang 48 Ikea-Häusern sollen hier in den kommenden Jahren 20 hinzukommen, kündigte der Konzern am Dienstag an. Die nördliche Welthalbkugel bis nach China und Japan, Südostasien und Australien hat Ikea fest im Griff, selbst Saudi-Arabien. Auf den Titelblättern werden Frauen dort nicht gezeigt. Ideologie zählte für Kamprad und sein Management nie: Als schwedische Möbelhersteller in den 1960ern versuchten, seinen Aufstieg mit einem Boykott der Holzlieferungen zu behindern, wich er ins sozialistische Polen aus.

Von vornherein setzte Kamprad nicht auf populär-historisierende Formen à la Gelsenkirchner Barock. Er verkaufte erschwingliche Ausgaben jener demonstrativ modern, klar und offen gestalteten Möbel und Ausstattungen, die mit der Stockholmer Avantgarde-Ausstellung von 1930 zum weltweit beachteten Signet des schwedischen Wohlfahrtsstaats geworden waren. Die inzwischen gut 12 000 Produkte umfassende Palette wird dabei gnadenlos gesiebt: So manche schöne Schüssel, die nicht sofort Erfolg bei den Käufern hatte, wurde nach nur einer Saison zum gesuchten Rarität der Antiquitätenmärkte.

In den 2000ern kam sogar ein Fertighaus auf den Markt. Aber in Deutschland floppte das Haus, gerade einmal acht wurden verkauft. So viel Ikea wollten dann doch selbst diejenigen nicht, die ansonsten in Färglav-Wäsche schlafen, sich vor Trensum die Zähne putzen und Bücherwände nur in Billy-Formaten denken können.

Eine winzige Delle in der Ikea-Skandinavien-Begeisterung, deren Wurzeln in der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts und in der Kaiserzeit liegen. Um 1900 machte der schwedische Reformkünstler Carl Larsson mit seinem bis heute als „Blaues Buch“ erhältlichen „Das Haus an der Sonne“ den Grundsatz seiner Landsfrau Ellen Kay „Schönheit für Alle“ populär. Zierliche, leichte, weiße Möbel wurden da gezeigt, in hellen, luftigen Räumen. In den 1950ern schloss in Deutschland die internationale Begeisterung für funktionales skandinavisches Design die Distanzierung vom schweren Heimatstil der Nazis mit ein, Architekten wie Sten Samuelson oder Arne Jacobsen waren die Stars der Internationalen Bauausstellung im Hansaviertel 1957.

Saab oder Volvo und das dänische Teak-Wohnzimmer mit eleganten Handgriffen wurden bis in die USA zum Ausweis liberaler Lehrer und Professoren.

Bis heute steht dieses freundlich unorthodoxe, scheinbar naturverbundene Industriedesign für einen Lebensstil, der den Kapitalismus sozialdemokratisch reformiert, ohne seine kreative Dynamik und Wohlstandsversprechen zu demolieren. Ikea gab uns Massenmoderne mit dem Versprechen der Individualität.

Die Firma hat mit diesem Rezept selbst gigantische Skandale überlebt: Kamprad wurde als Ex-Nazi identifiziert, Kinderarbeit fand sich in Ikea-Läden, die Herkunft vieler Metallwaren aus China ist dubios, Umweltauflagen wurden nicht eingehalten, die Zwangsarbeit von DDR-Häftlingen ist gut belegt. Ikea lässt unsere Idee einer freundlichen Moderne eben ziemlich ruchlos dort produzieren, wo sie am billigsten zu kriegen ist.

Aber wer ist schon bereit, so viel Geld wie die sparsamen Schweden, Finnen und Dänen auszugeben, um gutes Design und lang haltende Waren im Haus zu haben? Lieber glauben wir der Ikea-Legende, es gäbe im Norden eine Jahreszeit namens Knut, in der man sich mal schnell ganz neu einrichtet.

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