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Die Welt feiert 50 Jahre DJ.
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Die Welt feiert 50 Jahre DJ.

50 Jahre Discjockeys

Die Welt ist eine Scheibe

Der erste DJ legte in Aachen auf - vor 50 Jahren in der "Jockey Tanz Bar". Wir stellen ihn und seine Erben vor. Von Michael Ossenkopp und Felix Helbig

Von Michael Ossenkopp und Felix Helbig

50er Jahre: Heinrich der Erste

Seine Karriere beginnt in Aachen. Im Oktober 1959 wird ein Plattenaufleger für die "Jockey Tanz Bar" gesucht. Der Besitzer des Tanzlokals will mehr Schwung in den Laden bringen. Der 19-jährige Klaus Quirini, der sich bald nur noch "Heinrich" nennen wird, bekommt den Job. Dass er den Beruf des DJ kreiert und die Disko-Ära einläutet, weiß er zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

Zumal von anderen Tanzläden, die ihre Bands live auftreten lassen, die Musik aus der Konserve zunächst als "tot" abgetan wird. Eine Fehleinschätzung, wie sich schnell zeigt. Der "Tanzbetrieb mit Schallplatte plus Plattenaufleger" wird ein Erfolg, revolutioniert eine ganze Branche.

Das Publikum in Aachen jubelt, wenn Heinrich zu seinen Moderationen ansetzt. "Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen", ruft er. Bald sind auch Besucher aus den nahen Nachbarländern Holland und Belgien da, die "Heinrich-Nächte" mit Programm bis zum Morgengrauen haben sich über die Grenzen hinaus herumgesprochen. Im Radio gibt es zwar bereits Discjockeys wie Chris Howland, aber der Mix aus Musik und flotten Sprüchen direkt vom Mischpult neben der Tanzfläche macht den einstigen Zeitungsvolontär Quirini zum ersten Discjockey der Welt.

Die "Jockey Tanz Bar" findet schnell Nachahmer, innerhalb weniger Jahre entstehen in Deutschland mehr als 40 Diskotheken. Aber auch in anderen Ländern wird Schwendingers Konzept und sein "DJ Heinrich" kopiert. Die Besucher schätzen die große Auswahl unterschiedlichster Musik und den satten Sound. Nach und nach spezialisieren sich die Macher auf bestimmte Stilrichtungen, überall entstehen neue Clubs. Ende der 60er Jahre ist die Diskoszene, schon sehr vielschichtig, es gibt Beat-, Heavy-Metal-, Pop- und Schlagertreffs. Das Motto für die Nachtschwärmer liefert ab 1971 Ilja Richters Fernseh-Kultsendung "Disco": "Licht aus - Spot an". Erst in jener Zeit schwappt die Diskowelle hinüber in die USA. Zunächst nur in Underground-Schwulenclubs hip, wird die Funk- und Diskobewegung zum Massenphänomen, es entstehen Songs wie "Kung Fu Fighting", "Shame, Shame, Shame" und "You Sexy Thing".

Der Höhepunkt ist 1977 erreicht, als die Bee Gees mit ihren Hits aus dem Film "Saturday Night Fever" mit John Travolta alle Hitparaden stürmen. Die Diskokugel an der Decke und die aufwändige Technik mit Licht- und Lasershows werden zu Standardelementen.

Klaus Quirini, inzwischen 69 Jahre alt, hat es mit dem Verkauf von Diskokugeln, Leuchten und Rauchmaschinen zu Geld gebracht. Was sich geändert hat in den 50 Jahren? "Früher wurde wesentlich mehr getrunken." Auch die Kleiderordnung sei anders, sagt Quirini. In der Jockey-Tanz-Bar in Aachen blitzten Frank Elstner und Udo Lindenberg ab. Die Begründung: Sie trugen keine Krawatte.

60er Jahre: Francis Grosso, der Pausenlose

Francis Grosso, ab 1969 Resident-DJ im "Salvation" an der West 43rd Street in Manhattan, spielte als Erster seiner Zunft nicht einfach auf zwei Plattenspielern abwechselnd Schallplatten hintereinander ab, sondern hielt mit den Fingern die eine Platte solange fest, bis der Beat auf der anderen Platte endete, und sorgte so für verzögerungsfreie Übergänge - das Ende der Stille zwischen zwei Stücken.

Überhaupt darf der Mann als Wegbereiter des reibungsfreien Tanzvergnügens gelten: Grosso schnitt sich Filzmatten zurecht, legte sie zwischen Plattenteller und Vinyl, um die Reibung zu minimieren.

Sein "Slipcueing" beherrscht heute jeder DJ; die "Slipmats" genannten Filzfetzen liegen auf jedem Plattenteller. Der Italo-Amerikaner mischte so Gospelchöre mit Rhythmen oder aktuelle Funkproduktionen von James Brown bis Booker T. Grosso lebte als erster DJ die klassische Star-Nummer vor: Ruhm, Ehre, Frauen, Drogen - wie sich das gehört.

70er Jahre: Frankie Knuckles

Auf den Geschmack kam er durch die Plattensammlung seiner Schwester, zum "Godfather of House" wurde der gebürtige New Yorker beinahe per Zufall. Sein Jugendfreund Larry Levan war es, der 1977 das Angebot erhielt, oberster DJ im heute legendären Chicagoer Club Warehouse zu werden, doch Levin sagte ab und schlug seinen Kumpel Knuckles vor.

Der legte im Warehouse Michael Jackson auf, mischte ordentlich zusätzliche Drums rein und versetzte so an jedem Wochenende hunderte Tanzwütige in Ekstase.

Den Titel "Pionier der elektronischen Tanzmusik" muss er nur mit Levin teilen, der gleichzeitig im Paradise Garage in New York an den Tellern arbeitete. Heute berufen sich Vertreter von mehr als 20 House-Stilrichtungen von Basement Jaxx bis David Guetta auf die beiden Veteranen.

80er Jahre: Grandmaster Flash, der Vorturner

Wenn sich Platten plötzlich rückwärts oder langsamer drehten und die Plattenteller zu eigenen Instrumenten wurden, dann war Grandmaster Flash am Werk. "Backspinning" und "Cutting" waren seine Erfindungen, mit denen er neue Klänge erzeugte.

Ab Mitte der 70er Jahre zählte der auf Barbados geborene Joseph Saddler damit gemeinsam mit Kool DJ Herc und Afrika Bambaataa zu den Pionieren des Hip-Hop.

Die akrobatischsten Techniken aktueller DJs gehen auf ihn zurück, dabei ist das, was seinen Mythos neben dem Evergreen "The Message" am stärksten begründet hat, gar nicht seine Erfindung: Das Scratchen, also das rhythmische Hin- und Herbewegen einer Schallplatte bei aufgelegter Nadel, muss seinem Schüler Grandwizard Theodore zugeschrieben werden. In die "Rock’n’Roll Hall of Fame" schaffte es dennoch nur ein Hip-Hop-DJ: Grandmaster Flash eben.

90er Jahre: Sven Väth, der Rockstar

Im heimischen Frankfurt wird der Vater des deutschen Techno von Szenekundigen zärtlich "Babba" genannt, und tatächlich ist Sven Väth so etwas wie das Oberhaupt der globalen Techno-Gemeinde. Aus seinen ersten Auftritten 1982 als 18-jähriger DJ in der Diskothek Dorian Gray im Frankfurter Flughafen hat Väth ein wirtschaftliches Imperium geschaffen.

Sein Label Cocoon vermarktet er als Partyreihe und Plattenfirma weltweit, er selbst gehörte in den 90er Jahren mit Kollegen wie Carl Cox und Paul van Dyk zu den stilprägenden und teuersten DJs des Planeten.

Als einer der ersten DJs wird Väth von seinen Fans wie ein Rocksänger verehrt, so dass das Publikum stets der DJ-Kanzel zugewandt tanzt - früher beileibe keine Selbstverständlichkeit. 2004 eröffnete Väth seinen Cocoon Club am Rande Frankfurts, seitdem gibt es Reiseveranstalter, die Flüge von Amerika nach Frankfurt anbieten, inklusive Bustransfer zum Club, Eintritt und Drinka. Rückreise am nächsten Morgen. Oder später. Oder auch gar nicht mehr.

"Nuller-Jahre": Ricardo Villalobos, der Minimalist

Ohne sich einem bestimmten Genre innerhalb der elektronischen Tanzmusik zuordnen zu lassen, gehört der gebürtige Chilene Ricardo Villalobos heute zu jener Sorte globetrottender DJs, die schon mal an vier Abenden auf fünf Kontinenten auflegen.

Als er drei Jahre alt war, flüchteten seine Eltern vor der chilenischen Militärdiktatur nach Deutschland und wurden in Darmstadt sesshaft.

Musikalisch bei "Babba" Väth in Frankfurt sozialisiert, setzt Villalobos wie viele aktuelle DJs in der elektronischen Musik auch bei seinen Live-Auftritten verstärkt auf Computer.

Am Laptop mischt er dann elektronische Tracks und Sounds , die deutlich minimalistischer klingen als der fette Tekknosound Väths. Mal mixt er sogar Zitate aktueller Popsongs in seinen Cocktail. Mittlerweile ist er so bekannt, dass er Teil der spektakulären Fernseh-Doku "24h Berlin" wurde, und Regisseur Romuald Karmakar widmete ihm einen ganzen Film: "Villalobos".

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