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Die Welt als Bühnenbild

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Von: Christian Schlüter

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Der Gestaltungswillen des Theatermanns Robert Wilson - kennt keine Grenzen - ob es um seine Bühnenbauten geht oder sein neues Domizil. Christian Schlüter hat Wilsons wundersames Reich besucht.

Wer Robert Wilson in seinem Loft im New Yorker Stadtteil Tribeca besuchte, durfte sich vor allem über die zahllosen Stühle wundern. Den ersten Stuhl bekam er im Alter von zehn Jahren von seinem Onkel geschenkt, so erzählt er, seitdem sammelt er Sitzmöbel aller Art und aus allen Teilen dieser Welt. Einen Teil davon, aber auch Bilder, Fotografien, Masken und einigen Tand hat Wilson kurz vor dem Auszug aus seinem Wohn-Atelier in einem "Loft Sale" verkauft.

Wilson hat bis heute nicht verwunden, aus Tribeca vertrieben worden zu sein. Zwei Monate vor dem Auszug stellte er seinen Schreibtisch um, vor die breite Fensterfront mit Blick auf den Hudson River. Es war seine Art, Abschied zu nehmen von diesem wunderbaren Ort und einer sehr glücklichen Zeit.

Im Nachhinein betrachtet war es Wilsons eigener Fehler, seine Unbedachtheit, die ihn zum Auszug aus diesem Paradies zwang. Er hätte einfach nicht vom achten in den sechsten Stocke umziehen sollen, damals, Ende der 1980er, in einem solchen Stadtteil, der heute zu den gentrifizierten Luxuslagen New Yorks gehört. 1973 war der Theaterregisseur hierher gekommen, in eine hässlich Industriebrache, angelockt durch ein Angebot der Stadt, Künstlern sehr günstig Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung zu stellen. Einzige Auflage: Die Mieter sollten für die Erhaltung der Gebäude sorgen. Dafür gab es einen Mietvertrag auf Lebenszeit, unkündbar.

Wilson teilte sich ein Loft mit anderen Kreativen - bis sich die Chance bot, zwei Etagen weiter unten 500 Quadratmeter ganz allein zu bewohnen. Er kündigte und verlor damit allen Schutz. 2006 kaufte der sich gern als kunstsinnig gebende Immobilien-Tycoon Aby Rosen das Lagerhaus an der Vestry Street 67 und begann, alle Künstler hinauszuwerfen, auch der mittlerweile berühmte Bob Wilson musste gehen. Die Immobilie war mittlerweile etliche Millionen wert und sollte in viele kleine Apartments aufgeteilt werden - ein Riesengeschäft.

Sprunghaftes Naturell

Die New Yorker Episode sagt auch einiges über den Menschen Robert Wilson: Er trifft seine Entscheidungen aus ästhetischen, eher selten aus ökonomischen Gründen. Dazu gehört dann auch ein sprunghaftes Naturell. Ständig fängt Wilson etwas Neues an, gerne auch mehrere Dinge auf einmal. Ein sehr altes und hartnäckig verfolgtes Projekt ist allerdings das Watermill Center. Bereits 1992 gegründet, soll es eine Erprobungsstätte für visuelle Kunst sein. Das Center liegt etwa zwei Autostunden von New York entfernt, in der Nähe von Southampton auf Long Island, ein Ort, an dem sich vor allem reiche New Yorker eine Art dörfliche Idylle gebastelt haben; hier gibt es sogar eine kleine Konditorei mit erlesenen Köstlichkeiten. Traumhaft schön ist auch der von einigen Luxusvillen gesäumte Strand.

Nicht weit von hier hat es Robert Wilson hingezogen. Und irgendwie passt er auch in diese Traumidylle, in diesen Kulissenwelt. Nach seinen Entwürfen sollte das Watermill Center ein repräsentatives Anwesen werden. Es ist vor einigen Jahren und nach einer ungewöhnlich langen Bauzeit dann sogar fertig geworden.

Immer wieder unterbrochen werden musste die Bauarbeiten nicht nur wegen finanzieller Engpässe, sondern vor allem wegen Wilsons kaum zu bremsenden Gestaltungswillen. In den zwei Treppenhäusern des Center sollten beispielsweise unbedingt New Yorker U-Bahn-Kacheln verbaut werden. Nur schwer zu bekommen und gar nicht billig, blieb das Porzellan erst nach einigen kostspieligen Versuchen an den Wänden kleben.

Auch sonst sind hier nur beste und teuerste Materialien verbaut worden. Untergebracht und ausgestellt ist hier übrigens auch in Teil seiner Kunstsammlung aus dem New Yorker Loft - zu der immerhin Arbeiten von Andy Warhol, Jasper Johns, Man Ray, Frank Gehry oder Richard Serra gehören. In Watermill gibt sich Wilson etwas sentimental, er will hier auch Liebgewordenes sehen. Wobei: Wer das Center durch den Haupteingang betritt und in der hohen, mit Stein verkleideten Empfangshalle steht, der muss den Eindruck haben, in einer Art Mausoleum zu stehen.

Robert Wilsons ästhetischer Blick ist unerbittlich und sehr leicht zu stören. Er sieht die Welt als Theaterkulisse, die er nach seinen Vorstellungen formt. Geld oder andere außerästhetischen Argumente zählen dabei kaum. Watermill drohte deshalb, eine Art Ruine nicht zu Ende geführter Ideen zu werden. Eine von Wilsons letzten Einfällen betraf eine ganz bestimmte Blickflucht von einem der Fenster des Centers. Er war nicht davon abzubringen, in dem großen Garten 27 Kiefern entweder um wenige Zentimeter versetzen oder etwas um die eigene Achse drehen zu lassen. Sie standen seinem Raumempfinden im Wege, die Naturkulisse sollte perfekt sein. Wilson duldet keine Kompromisse.

Ideal einer Einheit von Leben und Arbeiten

Wer das Watermill Center im Rohbau kennt, hätte kaum gedacht, dass es noch einmal fertig würde. Immerhin, lange Zeit haben dort nur einige Holzbaracken gestanden, und auch dort war es möglich, Workshops abzuhalten sowie dem propagierten Ideal einer Einheit von Leben und Arbeiten zu frönen.

Jetzt aber entsprechen sogar der Garten und die im dazugehörenden Wald verteilten Artefakte Wilsons Vorstellung - bis auf den nächsten Widerruf.

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