Adventskalender

Wellness für die Würfel

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FR-Adventskalender, 19.12.: Hinter Türchen Nummer 19 findet sich ein Klassiker, "Mensch ärgere dich nicht".

Es fing langsam an, wir waren mal ganz normale „Mensch ärgere Dich nicht“- Spieler. Solche, die vor einem alles entscheidenden Wurf bibbern, höchstens im hilflosen Zustand der Hochspannung mantramäßig die Zahl aufsagen, die man sich vom Würfel so sehnlich wünscht. Mehr nicht. Als die Kinder klein und die Großeltern alt waren, verband das Brettspiel, das jeder kennt, die Generationen am Tisch. Es ließ sich zu sechst spielen, war einfach zu begreifen und hatte sogar einen pädagogischen Nutzen: Den Rauswurf auszuhalten, schult die Frustrationstoleranz. Das ist immer nützlich.

Irgendwann spielten Oma und Opa nicht mehr mit, komplexere Brettspiele wurden beliebter, „Mensch ärgere Dich nicht“ geriet als Langweiler ins Abseits. Erst Jahre später, als die älteren Geschwister ausgezogen waren, erlebte der Klassiker in unserem Haushalt ein erstaunliches Comeback. Warum, weiß ich nicht mehr. Wir hätten zu zweit ja auch Halma, Schach, oder Patiencen perfektionieren können. Aber die Jüngste, inzwischen längst ein Teenager, und ich lieferten uns Duelle auf dem Männchen-Brett. Ich meistens schwarz, sie rot. Hatten wir viel Zeit, führte jeder zwei Teams. Der Schlagzwang galt trotzdem, was neben dem üblichen Ärger nach einem Rauswurf noch mehr Nervenkitzel garantierte: Das Adrenalin, wenn man sich selbst kurz vorm Loch mit seiner zweiten Farbe rausschmeißen muss, ist für beide Spieler nicht zu verachten.

Es muss so ein Wurf gewesen sein, der Sieg oder Niederlage besiegelt. Meine Tochter, die meistens unglaublich gut würfelte, war ins Hintertreffen geraten und ich hoffte auf einen meiner seltenen Triumphe. Da kam sie auf die Idee, ihrem Würfel nicht nur gut zuzureden, sondern ihn mit einer kleinen Kur zu stärken. Sie streichelte ihn zart, reichte ihm die Teetasse und ließ ihn an den Keksen knabbern. Es funktionierte, ich verlor.

Ein paar Spiele später war ich auch so weit, die Würfel – selbstverständlich hatte jeder inzwischen seinen Liebling – führten bald ein Eigenleben und wurden eifersüchtig bewacht. Wir ernannten Vertreter, die auf der Ersatzbank saßen. Wenn die Erschöpfung zum Beispiel in einer Reihe von Einsen deutlich zum Vorschein kam, durften sie Pause machen und wir überboten uns gegenseitig mit unseren Wohlfühlangeboten. Selbstverständlich passierte die Würfelwellness unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Zuschauer hätten unsere Gespräche und Handlungen ja merkwürdig finden können.

Neulich sind auch diese Hemmungen gefallen. Ich übernachtete in vertrauter Gesellschaft auf einer Almhütte, in der es kein Wlan, nur zerfledderte Kartenspiele und ein halbwegs brauchbares „Mensch ärgere Dich nicht“ gab. Wir spielten, ich gewann mehrmals, was ich mir nur mit den nicht zu verachtenden Mengen an Weißbier erklären kann, die ich meinem Würfel im Lauf des Abends diskret zukommen ließ.

Meiner Tochter habe ich von diesem Wundermittel bisher noch nichts erzählt.

„Mensch ärgere dich nicht“ geht zurück auf das indische Spiel „Pachisi“. In seiner heutigen Form hat es der Gründer von Schmidt Spiele, Josef Friedrich Schmidt, in seiner Münchner Werkstatt erfunden. Bei dem Hersteller kostet das Spiel rund 20 Euro.

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