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Für Deutsche bloß "the same procedure as every year" - für Briten jetzt neu zu Silvester: "Dinner for One"

Dinner for One

Welcome, Miss Sophie!

Erstmals strahlt das britische Fernsehen zu Silvester "Dinner for One" aus ? 55 Jahre nach der Erstsendung.

Es soll zuweilen vorkommen, dass sich auf der Insel Deutsche und Briten am Tresen treffen. Wo sonst, darf man angesichts der sorgsam gepflegten Trinkkultur im Königreich anmerken, als im Pub könnten sich biererprobte Deutsche und nicht minder geübte Briten annähern?

Manchmal aber, sozusagen ausgerechnet zum Höhepunkt – jenem Moment des Anstoßens – kommt es zu einem großen Missverständnis. Es folgt dem Muster kultureller Differenzen. Die Szene jedenfalls läuft typischerweise so ab: „Cheers“, sagt der Brite. „Cheerio“, sagt der Deutsche und prostet arglos, unschuldig fast, in die Runde. Der Brite findet das eigentlich irritierend, wird aber natürlich nie meckern, weil er zurückhaltend und freundlich und höflich ist – englisch eben.

Insgeheim aber fragt er sich doch, warum der Deutsche zum Zuprosten sich mit einem etwas altbackenen „Cheerio“ aus der Runde scheinbar verabschiedet. Die Antwort findet sich im Silvesterklassiker „Dinner for One“ – allein, die Briten wissen nichts von dem, sie kennen Butler James nicht, der die tiefe Stimme von Sir Toby imitiert und der älteren Dame krächzend „Cheerio, Miss Sophie!“ ins vornehme Antlitz lallt.

Ab 1972 wird „Diner for One“ zum Silvester-Pflichttermin

Während der Schwarzweiß-Sketch in Deutschland Kultstatus genießt, ist er im Vereinigten Königreich bestenfalls obskur. Bis jetzt zumindest. Erstmals werden am 31. Dezember die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Miss Sophie auch im Fernsehen auf der Insel übertragen. Damit hinken die Briten den Deutschen läppische 55 Jahre hinterher. 1963 wurde das Stück für den NDR aufgezeichnet. Zwar soll das Originaldrehbuch von Lauri Wylie erstmals in den 40er Jahren im London Varieté uraufgeführt worden sein. Doch der Exporterfolg folgte erst später und begann mit einem Zufall: Als im Sommer 1962 May Warden, die Miss Sophie spielt, und Butler-Darsteller Freddie Frinton im englischen Städtchen Blackpool das Theaterstück zeigten, saßen der bekannte deutsche Entertainer Peter Frankenfeld sowie Regisseur Heinz Dunkhase im Publikum. Diese entschlossen sich, den Sketch im Hamburger Theater am Besenbinderhof vor einem Live-Publikum zu verfilmen. Der Rest ist Geschichte.

Ab 1972 etwa wurde die Sendung zum Pflichttermin an Silvester. Mittlerweile dient die Show außerdem als beliebtes Trinkspiel. 1988 schaffte es „Dinner for One“ sogar als „weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion“ ins Guinness-Buch der Rekorde. Bei vielen Menschen in Zentraleuropa, in Norwegen, Finnland und Dänemark sowie in einigen baltischen Ländern gehört der Sketch ebenfalls zum Silvesterbrauchtum.

Nur die Briten, sie ließen sich nicht überzeugen vom eigenen Humor aus den 40er Jahren, vom Witz über Alterssex und Klassenunterschiede, vom Stolpern über den ausgestopften Tigerkopf und Gästen, die abwesend, weil tot sind. Die BBC lehnte eine Ausstrahlung stets ab. Dabei, so ist zu beobachten, findet die exotische Spezies der „Dinner-for-One“-Eingeweihten auf der Insel in der Regel Gefallen an dem Slapstick, auch wenn große Verwunderung darüber herrscht, wie das zu einer Institution in der Bundesrepublik avancieren konnte.

Wer überhaupt versteht Sir Toby, Mr Pommeroy, Admiral von Schneider und insbesondere Mr Winterbottom aus der Grafschaft Yorkshire mit seinem breiten nordenglischen Akzent? Geschenkt. Es kommt doch ohnehin auf „The same procedure as every year“ an.

Etwas Erstaunen klingt auch durch, wenn es zum Essen kommt. Wer, fragt ein Engländer, kennt in Deutschland denn bitte das Entrée mit dem schönen Namen Mulligatawny Soup? Niemand wahrscheinlich. Es handelt sich übrigens um eine scharfe Curry-Suppe, die auf einem indischen Rezept basiert und – ein kulinarisches Hoch auf das British Empire – seit dem 19. Jahrhundert auch zur traditionell meist gewürzfreien englischen Küche gehört. Wie auch der Alkohol wichtiger Teil der Alltagskultur ist – will man zumindest meinen. Denn ausgerechnet Freddie Frinton, der besoffene Butler, der bereits 1968 im Alter von 53 Jahren starb, hielt sich im echten Leben tatsächlich vom Trinken fern.

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