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Weißer geht’s nicht

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Mit weiß liegt der modebewusste Mensch in diesem Sommer richtig.
Mit weiß liegt der modebewusste Mensch in diesem Sommer richtig. © imago stock&people

Designervision oder Chemielabor? Wer diese Nichtfarbe von Kopf bis Fuß trägt, liegt jetzt im Trend. Oder komplett daneben. Eine Stilkritik.

Von Alex Bohn

Bis vor kurzem war der New Yorker Designer Francisco Costa aus dem Hause Calvin Klein einer der wenigen, der in fast jeder Kollektion auf weiße Komplettlooks setzte. In dieser Frühjahr/Sommer-Saison ist er einer unter vielen: Jil Sander zeigt knielange Kleider und Kombinationen aus Hemd und Rock, alles aus gestärkter weißer Baumwolle – mal mit metallisch irisierenden Applikationen, mal ganz ohne Schmuck. Alexander Wang – der New Yorker mit chinesischen Wurzeln, der Nicolas Ghesquière bei Balenciaga beerbt hat – führt eine fast gänzlich weiße Kollektion vor, geprägt von scharfen Lasercuts, Schlitzen und Materialkombinationen. Tomas Maier präsentiert bei Bottega Veneta unterschiedliche Weißtöne gepaart mit Perlenstickerei, Clare Waight Keller entwirft zum 60. Jubiläum des französischen Hauses Chloé weiße, weit schwingende Röcke und Kleider in A-Linie mit überdimensionalen Rüschen. Die Farbe Weiß ist natürlich nie aus der Mode gekommen. Aber diesmal geht es ums Ganze – um Weiß von Kopf bis Fuß.

Und nicht nur die High Fashion setzt auf Weiß: Auch im Online-Shop der H&M-Marke COS ist über die Hälfte aller Neuheiten weiß – von der Jeans im Marlene-Stil über das schlichte kurzärmelige Baumwollhemd bis hin zum gerafften Kleid.

Es könnte also ein einfacher Sommer werden, in modischer Hinsicht. Kein Vergleich mit den Trends der vergangenen Saison – wilde Muster, schwere Brokatstickereien oder grellbunte Farben. Theoretisch ist Weiß von Kopf bis Fuß der schlichteste und einfachste Trend der Welt. Und ein weißes T-Shirt und eine weiße Jeans hat auch fast jeder im Schrank. Praktisch betrachtet ist Weiß von Kopf bis Fuß eher ein Problemfall.

Vom Stein der Weisen zur Lotusblüte

Zunächst einmal trägt Weiß als Komplettlook fürchterlich auf; es hat einen ähnlichen Effekt wie Fernsehkameras, die jeden Menschen fünf bis zehn Kilo schwerer aussehen lassen, als er wirklich ist.

Außerdem erinnert Weiß an die Berufskleidung von Ärzten, Arzthelfern, Chemielaboranten und Bäckern. Ein hochmodischer Laufsteglook sieht anders aus.

Dabei wird der Farbe fast ausschließlich Gutes zugeschrieben. Das medizinische Personal und die Arbeiter in der Lebensmittelindustrie kleiden sich ganz in Weiß, weil man die Farbe mit Sauberkeit und Hygiene assoziiert. Der katholische Pfarrer trägt am Ostersonntag eine weiße Soutane; schließlich ist Weiß die ranghöchste liturgische Farbe der katholischen Kirche und steht für Erlösung und Auferstehung. In der griechischen Mythologie ist das weiße Ei ein Sinnbild der Schöpfung, der Stein der Weisen ist weiß, die Lotusblüte, die den Buddhisten den Eintritt ins Nirwana verheißt, ebenfalls.

Zur wichtigsten Farbe der Mode erklärten die Europäerinnen Weiß zum ersten Mal nach dem Ende der Französischen Revolution. Sie trugen das sogenannte Chemisenkleid, aus zartem Musselin oder Batist, das unter der Brust im Empire-Stil abgeteilt war und ansonsten gerade geschnitten war. Das Model Kristen McMenamy, eine der Ikonen des Grunge, führte genau so ein Kleid in der Kollektion des britischen Designers Giles Deacon vor – für den kommenden Winter.

Überhaupt begann das Weiß-Revival mit einem Kleid. Genauer gesagt, mit dem LWD – dem Little White Dress –, der vor zwei Jahren plötzlich als ernstzunehmende Alternative zum LBD – Little Black Dress, dem Kleinen Schwarzen – gefeiert wurde. Das italienische Designer-Duo Dolce & Gabbana hatte anlässlich seines 25-jährigen Bestehens eine fast gänzlich weiße Kollektion gezeigt – mit funkelnden Strasssteinen verzierte Baumwollkleider mit Eieruhr-Silhouette. Die Botschaft war deutlich: Das kleine Weiße war nicht länger nur ein Alltagskleid für heiße Sommernachmittage, es war abendfein und gesellschaftstauglich. Die Italiener hatten den richtigen Riecher: Fortan spazierten Hollywood-Erscheinungen wie Angelina Jolie, Tilda Swinton, Emma Stone oder auch die Stylistin Rachel Zoe am liebsten ganz in Weiß gehüllt über den roten Teppich. Seither ist Weiß überall.

Das Kleid als weißer Komplettlook ist wohl auch die tragbarste Variante des Trends. Auf Mini- oder halber Länge bleibt genug Bein als Kontrast zur Nichtfarbe, andersfarbige Schuhe sind nicht nur hilfreich, sondern ein Muss. Außerdem bieten Designer wie Prabal Gurung und Alexander Wang in ihren Kollektionen Kleider, die zwar reinweiß strahlen, aber durch die Kombination von unterschiedlichen Materialien wie Seidenchiffon, Organza, Musselin oder grobem Baumwollstrick nicht klinisch wirken. Grundsätzlich gilt noch mehr als bei bunten Farben oder Schwarz: Weiß zeichnet, wenn es eng anliegt, jede Silhouette unbarmherzig nach. Ob man sich wie das Model Miranda Kerr oder das Reality-TV-Starlet Kim Kardashian für einen weißen Bandage Dress entscheidet– ein Kleid, das aussieht wie ein gut gewickelter Stretchverband –, sollte man sich also überlegen.

Trendkombi Schwarz-Weiß

Weiß verzeiht wenig, auch wenn Schmutzflecken oder Gebrauchsspuren heute als Patina und Zeichen von Lässigkeit durchgehen, genau wie Knitterfalten und offene Säume. Ein Jersey-Top gepaart mit einem Jersey-Rock hingegen sieht allerdings schnell einfach nur billig aus – Materialkontraste funktionieren besser. Beispielsweise passt eine Seidenbluse zur Jeans, ein Baumwollhemd zur Wollhose oder ein Strickpulli zum Rock aus Wäschespitze.

Grundsätzlich tragen sich gebrochene Weißtöne – sogenannte Offwhites – leichter als Persilweiß. Alternativ kann man auf eine Weiß-Variante des vergangenen Winters und Frühlings setzen: die Kombination mit Schwarz. Bei Calvin Klein sind die weißen Complets mit zarten schwarzen Säumen versehen, die Schattenkanten ähneln. Bei Louis Vuitton erinnern die Entwürfe in Schwarz und Weiß an die Op-Art der Sechzigerjahre, und bei Marc Jacobs zieren Schachbrettmuster Kleider und Hosen-Ensembles.

Wer sich für Weiß von Kopf bis Fuß entscheidet, sollte sich auf dumme Sprüche gefasst machen – es mag Trend sein, aber den Mainstream hat diese Erkenntnis noch nicht erreicht. Entweder man tröstet sich dann mit Goethe, der Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner Farbenlehre schrieb, dass „gebildete Menschen einige Abneigung vor Farben haben“, und fühlt sich überlegen, oder man besinnt sich auf einen anderen Klassiker: das weiße T-Shirt. Das verleiht genauso einen frischen Teint wie Weiß komplett, lässt sich aber deutlich einfacher kombinieren.

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