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Mehr als hundert Jahre lang waren die Minen in den Ortschaften Thetford Mines und Asbestos die größten Arbeitgeber.

Umwelt

Das weiße Erbe

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Bis vor sieben Jahren wurde in der kanadischen Provinz Québec noch Asbest abgebaut, Ende 2018 wurde die weiße Faser in Kanada verboten. Jetzt wollen Firmen aus den Abraumhalden Magnesium extrahieren. Umweltexperten sind besorgt.

Das ist nicht Tschernobyl hier“, sagt Nicolas Lambert und lächelt. Er ist in Thetford Mines aufgewachsen, einer von zwei Städten, in der bis 2012 noch Asbest abgebaut und exportiert wurde. Der 19-Jährige, der am Wochenende durch das Bergbaumuseum in Thetford Mines führt, versteht die ganze Aufregung nicht. „Wenn Asbest so schlimm wäre, dann wären wir hier alle doch schon längst tot. Oder mindestens schwer krank.“ Jérome Turcotte sieht das ähnlich. „In unserer Jugend sind wir immer Motocrossrennen in der Abraumhalde gefahren. Wir leben noch.“ Als Krankenpfleger arbeitet der 27-Jährige im städtischen Hospital. „Besonders viele Lungenkranke haben wir nicht und wenn, dann sind das oft Raucher.“

„Sicher“, gibt Nicolas zu. „In den Anfangszeiten des Minenabbaus waren die Menschen dem Staub massiv ausgesetzt.“ Die Arbeiter in der Asbestmühle hätten die Hand vor Augen nicht gesehen. „Manchmal merkten sie erst nach Monaten, dass sie direkt neben ihrem Nachbarn oder einem Freund sitzen.“ In diesen Zeiten sei es sicherlich gefährlich gewesen, in der Branche zu arbeiten. Aber ob das am Asbest liege? „Staub, in großen Mengen eingeatmet, ist immer schädlich für die Lunge“, sagt der junge Museumsführer. „Zu viel davon kann sie eben nicht abbauen. Der Staub von Quarzfaser und Fiberglas verursacht übrigens genau die gleichen Symptome wie Asbest“, ist er überzeugt.

Die jungen Männer stehen für die meisten Menschen in der Region und ihre absolute Gelassenheit dem weißen Werkstoff gegenüber. Die Faser gehört zu ihrem Leben, ist wichtiger Teil der Geschichte ihrer Familien, ihrer Heimat. Mehr als hundert Jahre lang waren die Minen in den Ortschaften Thetford Mines und Asbestos die größten Arbeitgeber, die Jeffrey Mine war einst die größte der Welt. In Bestzeiten deckte sie 40 Prozent des weltweiten Bedarfs ab. Die Menschen, die in der Branche arbeiteten, konnten ihre Familien ernähren und nicht nur das, den Leuten ging es richtig gut. Ein Haus, alle zwei Jahre ein neues Auto, die Studiengebühren für die Kinder – das war durchaus drin.

Dann, 1975, der große Streik der Minenarbeiter. „Wissenschaftler hatten Studien veröffentlicht, in denen stand, wie gefährlich Asbest ist“, erklärt Nicolas. Fünf Monate lang hätten die Angestellten die Arbeit niedergelegt. Sie hätten bessere Arbeitsbedingungen gefordert.

Eine Grafik an der Wand des Museums zeigt, dass die Produktion der Minen in diesem Jahr massiv einbrach. „Um die Arbeiter zu besänftigen, hat man die Bedingungen verbessert.“ Der Student deutet auf einen weißen Schlauch, der von der Decke hängt, eine Art Riesenstaubsauger. „Der gehörte auch zu den Maßnahmen, mit ihm wurden seit dem Streik permanent die Asbestpartikel aus der Luft gesaugt.“ Auch die Produktionsprozesse seien damals umgestellt worden: „Was früher von Hand erledigt wurde, geschah seitdem automatisch im Inneren von Maschinen.“

Doch 1975 war nicht nur das Jahr, nachdem sich die Bedingungen für die Minenarbeiter verbesserten. Es markierte zugleich das Ende der staubigen Industrie. „Sie wurde zum slowly dying horse, zu einem langsam absterbenden Industriezweig“, sagt Nicolas. „Nach Veröffentlichung der Studien sank weltweit die Nachfrage nach Asbest.“ Seit 1995 etwa ist das Material in Deutschland verboten, seit 2005 in der EU.

Thetford Mines, dessen Existenzberechtigung einst auf diesem Wirtschaftszweig aufbaute, hatte in den vergangenen Jahrzehnten genug Zeit, nach neuen Einkommensquellen zu suchen. Heute sind ein großes Krankenhaus sowie ein Bildungszentrum für angehende Studenten die Haupteinkommensquellen. Und da wäre noch der Tourismus: Das 26 000-Einwohner-Städtchen ist umgeben von Skigebieten und Wäldern. Ein hübscher Ort, umgeben von üppiger Natur. Doch mittendrin: die Mondlandschaft der ehemaligen Minen, die Nicolas zufolge Menschen aus aller Welt anzieht. „Sie kommen hierher, um sich Krater und Halden anzuschauen.“ Aus dem Tourbus aussteigen dürften die Besucher allerdings nicht mehr. Auf die Frage nach dem „Warum“ zögert er ein wenig. „Nun, manche der Gebäude der alten Mine sind mittlerweile einsturzgefährdet.“ Außerdem habe das Land angeordnet, dass die Touristen das Gebiet nicht betreten dürfen.

Hinter diesem Verbot steckt Dr. Philippe Lessard, einer der verantwortlichen Regionaldirektoren für Gesundheitswesen in Québec. Und diese Maßnahme hätte ihn fast das Amt gekostet, der amtierende Bürgermeister von Thetford Mines, Marc-Alexandre Brousseau, forderte damals deswegen seinen Rücktritt. Wie Nicolas Lambert kann auch er nicht verstehen, dass sein Städtchen permanent angegriffen wird. In einem Interview mit der Zeitung „Montréal Gazette“ sagte er: „Menschen, die hierherkommen, müssen sich dessen bewusst sein, dass es hier bis heute von Asbestfasern nur so wimmelt. Sie sind überall – unter den Autoreifen, auf unseren Auffahrten, in unseren Terrassen. Mein Sandkasten war voll davon; wir leben damit!“

Dennoch beobachtet Brousseaus Gegenspieler Lessard die Minen bis heute kritisch – und vor allem die jüngsten Pläne einiger Firmen, aus den Asbesthalden Magnesium zu extrahieren. Eine dieser Firmen ist die Alliance Magnesium Incorporated (AMI). Ihr Plan: Die sandartigen Halden nach und nach abbauen und mit Hilfe von Elektrolyse und Hydrometallurgie, also der Metallgewinnung aus Metallsalzlösungen, Magnesium gewinnen. Der „Montréal Gazette“ gegenüber beschrieb AMI-Gründer Joël Fournier den Prozess wie folgt: „Der Abraum wird in Säure aufgelöst, und im Übrigen auch die darin noch enthaltenen Asbestfasern.“ Außerdem entstehe bei dieser Methode amorphe Kieselerde, die sich an die Bauindustrie verkaufen ließe – als Stabilisator für Beton. Der gesamte Prozess sei nahezu abfallfrei.

Es ist dem Unternehmen wichtig zu betonen, wie grün es ist: „Wir beseitigen die Halden und extrahieren ein Metall, das hilft, die Treibhausgase zu reduzieren“, sagt Fournier. Was er damit meint, ist die Tatsache, dass die Automobilindustrie der Zukunft verstärkt Magnesium einsetzen wird, um leichte Modelle zu bauen, die weniger Kraftstoff verbrauchen. Auf ihrer Firmen-Website weist AMI etwa darauf hin, dass alleine die US-amerikanische Automobilindustrie bis 2020 die Komponenten Stahl und Aluminium zu einem großen Teil durch den Werkstoff Magnesium ersetzen wird. Verschärfte Richtlinien zur Reduktion von Treibhausgasemissionen machten dies notwendig.

Dabei sieht sich AMI als Magnesiumlieferant, der in der Zukunft durchaus mit den großen Anbieterfirmen Chinas konkurrieren könne. Zum einen nutzt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge eine neuere und effizientere Technologie als die Chinesen. Zum anderen profitiert es vom Stromüberfluss Québecs, der noch dazu aus Wasserkraft gewonnen wird – Ökostrom also.

Doch Leute wie Lessard oder auch der Toxikologe Daniel Green sehen die Tatsache, dass die Halden erneut angefasst werden, kritisch. Mittlerweile hat sich der „Montréal Gazette“ zufolge auf den rund 800 Millionen Tonnen Abraumhalde in Québec eine Kruste gebildet. Nur bei Sturm oder wenn Jugendliche mit ihren Motorrädern im Gebiet unterwegs seien, werde mitunter asbestbelasteter Staub aufgewirbelt.

Wieviel Asbest darin noch enthalten ist, darüber sind sich die Experten uneinig. Im vergangenen Jahr hat Toxikologe Daniel Green im weißen Schutzanzug den Halden der Jeffrey Mine Proben entnommen. Er kam zu dem Ergebnis, dass ihr Asbestanteil noch bei 20 bis 25 Prozent liegt. Das Umweltressort der Provinz Québec hat teils sogar höhere Werte ermittelt: In einer Studie ist von einem noch vorhandenen Asbestanteil zwischen einem und 40 Prozent die Rede – je nachdem, wo gemessen wurde. Doch AMI bezweifelt die Richtigkeit dieser Angaben. So sagte Joël Fournier: „40 Prozent ist noch nicht mal im Ursprungsgestein vorgekommen, das ist unmöglich.“ Dennoch verspricht der Elektrochemiker, man werde beim Abtragen der Halden Wasserstrahler einsetzen, um das Staubaufkommen zu reduzieren.

In diesem Zusammenhang weist Dr. Philippe Lessard darauf hin, dass man nicht nur an die Gesundheit der Arbeiter denken dürfe, sondern auch an die der Anwohner. „Ich bin nicht per se gegen die Gewinnung des Magnesiums“, betont er. „Wichtig ist aber, dass die Unternehmen die nötigen Sicherheitsvorkehrungen treffen und transparent agieren.“

Noch hat Alliance Magnesium mit dem Abtragen der Halden nicht begonnen. Zuvor nämlich muss noch das Umweltministerium der Provinz Québec grünes Licht geben, heißt es in der „Montréal Gazette“. Außerdem könnte es zu einer öffentlichen Anhörung kommen. Doch wie der Website von AMI zu entnehmen ist, hat die Regierung schon kräftig in das Unternehmen investiert. Mehr als 40 Millionen kanadische Dollar sind bereits geflossen.

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