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Weide statt Wüste: Wie eine alte Methode Äcker im Niger wieder fruchtbar macht

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Von: Tobias Schwab

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Männer und Frauen legen im Niger sogenannte Halbmond-Felder an. In den mit einem kleinen Damm geschützten Senken kann sich Wasser sammeln. wfp/Evelyn Fey
Männer und Frauen legen im Niger sogenannte Halbmond-Felder an. In den mit einem kleinen Damm geschützten Senken kann sich Wasser sammeln. wfp/Evelyn Fey © © WFP/Evelyn Fey

Im westafrikanischen Niger trocknet der Klimawandel die Böden aus. Mit der „Halbmond“-Technik erobern sich die Menschen fruchtbares Land zurück

Es ist ganz schön was los auf dem Gelände der Schule von Rafa. Die Kleinsten wuseln um die Lehmmauern ihres Unterrichtsgebäudes herum, gegenüber bereiten Frauen in großen metallenen Töpfen über offenem Feuer schon das Mittagessen für die Kinder vor. Und eine Gruppe älterer Schüler:innen marschiert in Zweierreihen in den Gemüsegarten. Für Sahiba und ihre Mitschülerinnen steht Gärtnern auf dem Stundenplan. Mit bloßen Händen wühlt die 13-Jährige im Feld und holt eine fette Süßkartoffel aus der Erde. Ein bisschen stolz zeigt das Mädchen im roten Umhang die Knolle ihren Freundinnen, die mit ihr auf der Parzelle unter sengender Sonne ernten.

Im Dorf Rafa, im Süden des westafrikanischen Landes Niger gelegen, ist der Schulgarten seit 2019 so etwas wie eine kleine grüne Oase inmitten sandig-staubiger Landschaft. Gerade läuft auch der Wassertank voll, befüllt von einer Pumpe, für die Solarpanels die Energie liefern. In Kleingruppen müssen die Jungen und Mädchen mehrmals wöchentlich ein paar Stunden ran – sie säen, pflanzen, jäten und wässern, erklärt Rektor Bachir Ali. „Gedüngt wird mit Kompost, den wir aus organischen Abfällen gewinnen.“

Hunger und Trockenheit in der Sahelregion: Die Halbmond-Methode macht Hoffnung

Ein Unterrichtsprogramm, das Früchte trägt und ein Hoffnungszeichen ist in einem Land, dessen Lage der aktuelle Global Hunger Index (GHI) als „ernst“ einstuft. Fast 20 Prozent der Menschen im Niger sind unterernährt. Acht von 100 Kindern sterben vor ihrem fünften Geburtstag. Und 44 Prozent der Jungen und Mädchen entwickeln sich nicht altersgemäß, bleiben aufgrund chronischer Mangelversorgung mit Nährstoffen zu klein und untergewichtig. Die sogenannte Stunting-Rate ist laut GHI weltweit nur im Jemen, Burundi und Timor-Leste noch höher.

Wie in allen Hungerländern gibt es dafür nicht nur eine einzige Ursache. Im Niger aber spielen vor allem die Geografie und die Folgen des Klimawandels eine zentrale Rolle. Das Land liegt im Sahel – eine semiaride Zone zwischen der Sahara im Norden und der Trockensavanne im Süden, die sich vom Atlantik bis zum Roten Meer zieht. Typisch für diese Region sind schwere Dürren, die regelmäßig zu Hungersnöten führen.

Prachtknolle: Sahiba erntet im Schulgarten eine fette Süßkartoffel. t. Schwab
Prachtknolle: Sahiba erntet im Schulgarten eine fette Süßkartoffel. t. Schwab © Tobias Schwab

Gerade leiden die Menschen im Niger wieder unter einer extremen Trockenheit, wie sie das Land lange nicht mehr erlebt hat. In vielen Regionen sind mehrere Regenzeiten einfach ausgeblieben. Auf die Niederschlagsmuster ist schon lange kein Verlass mehr. Während in vielen Gegenden die Böden unter der brennenden Sonne aufreißen und kaum noch etwas hergeben, stürzen in anderen Teilen des Landes plötzlich Wassermassen vom Himmel und überfluten ganze Landstriche. In der Region Maradi, wo auch das Dorf Rafa liegt, kamen Ende August vergangenen Jahres mindestens 75 Menschen bei Überschwemmungen ums Leben.

Ibrahim Abdou, Generalsekretär im nigrischen Umweltministerium, weiß um die Dramatik dieser Entwicklung. Ein Mann in Militäruniform, der die Gäste in seinem Büro in Niamey überaus freundlich empfängt, aber kein Blatt vor den Mund nimmt. Staaten wie der Niger, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen hätten, müssten nun den höchsten Preis zahlen, sagt Abdou. Beschleunigt durch die Erderwärmung verliert der Niger, eines der ärmsten Länder der Welt, jährlich rund 100 000 Hektar an fruchtbaren Böden. Die Sahara frisst sich immer weiter ins Land hinein und nimmt den Menschen Lebensraum. Für den Niger, dessen Bevölkerung mit durchschnittlich 6,8 Geburten pro Frau so rasant wächst, wie in keinem anderen Land der Welt, ist das eine katastrophale Bilanz. Bis 2040 könnte sich die Zahl der Menschen von knapp 25 Millionen auf 50 Millionen verdoppeln.

Ehrgeizige Ziele für Landwirtschaftsprojekte im Niger

Die Regierung des im Februar 2021 demokratisch gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum setzt alles daran, das Bevölkerungswachstum zu bremsen – vor allem mit dem Ausbau des Bildungssystems und Angeboten für Mädchen. Bleiben sie länger in den Schulen und werden besser ausgebildet, sinkt die Geburtenrate automatisch, weil sie dann später heiraten und weniger Kinder kriegen.

Ehrgeizig sind auch die Ziele im Kampf gegen die fortschreitende Wüstenbildung. 200 000 Hektar Land will Bazoums Regierung pro Jahr wieder rehabilitieren und als Acker- oder Weideland zurückgewinnen, wie Ibrahim Abdou im Umweltministerium erklärt.

Bauer Mahaman Dan Jimma ist einer, der den Kampf gegen die Wüstenbildung schon erfolgreich aufgenommen hat. Jimma ist Präsident eines Komitees, das sieben Dörfer in der Region Maradi repräsentiert. Der Landwirt mit grauem Bart und traditioneller nigrischer Kopfbedeckung steht vor einer Art Scheune mit Blechdach, in der Heu lagert, und zeigt mit ausladender Geste auf die Flächen der Umgebung. Dort steht kniehoch das Gras, wachsen Büsche und Akazienbäume. „Alle in den Dörfern, die jünger als 30 sind, sehen hier jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben etwas wachsen“, sagt Jimma, um das Vegetationswunder begreiflich zu machen. Knochentrocken und unfruchtbar sei das Land gewesen – selbst das Vieh habe auf den Flächen kaum noch etwas zu beißen gefunden.

Es wächst wieder was: Luftaufnahme von rehabilitierten Flächen in der Region Rafa. wfp
Es wächst wieder was: Luftaufnahme von rehabilitierten Flächen in der Region Rafa. wfp © © WFP/Evelyn Fey

Zu verdanken haben die Bauern und Bäuerinnen das ihrer Arbeit und einer alten landwirtschaftlichen Methode, die Mitte der 1990er Jahr in Westafrika weiterentwickelt wurde und nun als „Halbmond“-Technik auch vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) propagiert wird. Mit dessen Unterstützung haben Jimma und gut 500 weitere Bäuerinnen und Bauern mit Spitzhacken und Schaufeln sichelförmige Becken in den ausgemergelten Boden gegraben und den Aushub im Halbrund zu einem kleinen Wall aufgeschichtet. In den auch mit Dung gefüllten Senken von drei bis vier Metern Durchmesser kann sich nun Regenwasser sammeln und langsam versickern. „Früher“, erzählt Jimma, „konnte das Erdreich das Wasser gar nicht mehr aufnehmen, so trocken war es.“

Krisenregion

Der Niger ist eines der wärmsten Länder der Erde und hat mit 6,8 Geburten pro Frau das höchste Bevölkerungswachstum weltweit. Im Human Development Index der UN belegt das Land mit rund 25 Millionen Menschen aufgrund der großen Armut einen der hintersten Plätze. Die Folgen des Klimawandels, ein hohes Maß an Ernährungs- unsicherheit, aber auch zunehmend islamistischer Terror, der aus Nachbarstaaten übergreift und Menschen zur Flucht im eigenen Land zwingt, machen dem Niger schwer zu schaffen.

Die Europäische Union will die Regierung des Nigers, die sich als guter Partner im Sahel erwiesen hat, im Kampf gegen die Dschihadisten unterstützen und so die Region stabilisieren. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der westlichen Einsatzkräfte nach Streitigkeiten mit den Militärmachthabern in Mali nun in das politisch stabile Nachbarland. Die im vergangenen Dezember beschlossene Militärmission EUMPM Niger ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Auch Deutschland ist mit Soldaten beteiligt. Zuvor bereits war die Bundesrepublik mit der Ausbildungsmission „Gazelle“ im Niger vertreten und hatte Spezialkräfte für den Kampf gegen Terroristen ausgebildet. tos

Auf etwa 42 Hektar haben die Bauern und Bäuerinnen der sieben Dörfer bereits Hunderte „Halbmonde“ angelegt, in ihre Mitte jeweils einen Baum gesetzt und an den Rändern Gräser und Kräuter gesät.

Ein strategischer Plan zur Begrünung des Sahel, der offenbar aufgeht, wie Satellitenbilder zeigen. Hochauflösende Aufnahmen aus dem All, die die US-Behörde für internationale Entwicklung und das Nasa Marshall Space Flight Center geliefert haben, belegen einen signifikanten Effekt in den „Halbmond“-Regionen. „Die Vegetationsindizes liegen nun um 55 Prozent höher als in den Jahren vor der Intervention im Süden des Nigers“, fasst Nasa-Forscher Vikalp Mishra die Ergebnisse zusammen.

Für Mahaman Dan Jimma und die Menschen in der Region Maradi hätte es dieses Beweises nicht bedurft. Sie spüren es tagtäglich am eigenen Leib, wie die Begrünung ihr Leben verändert. „Unsere Tiere finden jetzt wieder genügend Futter“, sagt Jimma. Das entschärft auch Konflikte zwischen Bauernfamilien und Viehhirten, die um die fruchtbaren Flächen konkurrieren. Was das Land nun hergibt, reicht sogar aus, um einen Vorrat zu schaffen. „Wir können einen Teil der Heuernte lagern und verkaufen, um damit Einnahmen zu erzielen.“

Halbmond-Offensive im Sahel: Satellitenbilder zeigen Erfolge bei der Ernte

Auch Assama Laouali und ihre Nachbarinnen wissen die Erfolge der „Halbmond“-Offensive zu schätzen. Die 35-Jährige zieht auf akkurat angelegten Feldern jetzt Tomaten, Karotten, Zwiebeln und Gurken. Auf einer Parzelle hat sie gerade Samen eingebracht und deckt das Erdreich nun mit Zweigen ab, um es vor der Austrocknung zu schützen. Nebenan liegt schon der Kompost, den die Frauen für ihre Gemüsebeete selbst produziert haben. „Meine neun Kinder kann ich nun gesünder ernähren – und sie werden vor allen Dingen satt“, sagt Laouali und lacht. Und um Viehfutter zu kaufen, müsse sie jetzt nicht mehr weite Wege in eines der nächsten Dorf zurücklegen.

Schulspeisung: Mütter haben Hirsebrei mit Moringa-Gemüse zubereitet. T. schwab
Schulspeisung: Mütter haben Hirsebrei mit Moringa-Gemüse zubereitet. T. schwab © Tobias Schwab

Hapsou Raky, die in Rafa bei der Begrünung Hand angelegt hat, erzählt davon, dass der Wasserspiegel in den Dörfern nun wieder gestiegen sei. Büsche und Bäume, verhinderten, dass der Wind Erde einfach hinwegfege, und spendeten Schatten. „Das ist jetzt ein ganz anderes Klima hier“, sagt die 48-Jährige. „Und sogar einige Tierarten wie Affen, die wir viele Jahre lang nicht mehr gesehen haben, sind zurückgekehrt.“

Der Chef des WFP-Programms in Niger, Jean-Noel Gentile, sieht solche Effekte für Vegetation, Biodiversität und den sozialen Zusammenhalt als Beleg für den Erfolg der „integrierten Resilienzstrategie“, die das Welternährungsprogramm verfolgt. Ziel sei es dabei, nicht erst auf Katastrophen zu reagieren, sondern die Menschen widerstandsfähiger gegen externe Schocks zu machen. Deshalb begleitet das WFP die Dorfgemeinschaften nicht nur dabei, Böden zu rehabilitieren, sondern organisiert Schulspeisungen, unterstützt den Aufbau von Lehrgärten, berät Mütter zur gesünderen Ernährung ihrer Kinder und versucht Wertschöpfungsketten aufzubauen, um damit Jobs zu schaffen.

Das alles soll möglichst partizipativ geschehen. Nichtregierungsorganisationen und Partner vor Ort werden eingebunden – vor allem aber die betroffenen Menschen selbst sollen Verantwortung übernehmen und die Initiative ergreifen. „Food Assistance for Assets“ heißt das im Programmsprech des WFP. Es gibt also Geld für diejenigen, die sich beim Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur engagieren. Jimma und seine Mitstreiter:innen, die sich daran beteiligt haben, „Halbmonde“ anzulegen, wurden beispielsweise mit umgerechnet zwei Euro am Tage entlohnt – Geld, das auch aus dem Etat des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kommt.

Die Region Maradi im Süden des Landes.
Die Region Maradi im Süden des Landes. © FR

Was die Menschen in Rafa stärkt und widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels macht, trägt auch in rund 840 weiteren Dörfern, in denen das WFP mit lokalen Partnern und der Bevölkerung an der Begrünung arbeitet. Trotz der schweren Dürre hätten im vergangenen Jahr 80 Prozent der involvierten Gemeinden keine Nahrungsmittelhilfe in Anspruch nehmen müssen, bilanziert Raffaella Policastro, die das Resilienz-Programm des WFP im Niger leitet.

Zu diesem Erfolg tragen auch die Mütter und Großmütter bei, die an der Schule von Rafa täglich für alle Mädchen und Jungen eine warme Mahlzeit zubereiten – und damit auch einen zusätzlichen Anreiz für die Eltern schaffen, ihre Kinder zum Unterricht zu schicken. In den Töpfen auf dem Schulhof dampft an diesem Morgen Hirsebrei mit Moringa – ein nährstoffreiches lokales Gemüse.

Die Süßkartoffeln, die Sahiba und ihre Freundinnen im Schulgarten geerntet haben, stehen dann bestimmt an einem der folgenden Tage auf dem Speiseplan.

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