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Antonia Edgeworth (links): „Erkennbar als obdachlose Frau bin ich noch häufiger Zielscheibe der Wut der Leute.“

Auf der Straße

Weiblich, irisch, wohnungslos

  • vonMareike Graepel
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Die Lebensläufe derer, die auf den Straßen Dublins leben, sind sehr individuell. Deutlich häufiger als im restlichen Europa allerdings sind sie weiblich.

Die irische obdachlose Frau kann um die 20 sein, betrunken, und mit Resten von Erbrochenem im Gesicht lallend nach einem Schlafsack fragen. Sie kann aber auch eine teure Outdoor-Jacke tragen, als eines der wenigen Dinge, die sie noch besitzt, und um ein Stück Pizza bei der Suppenküche bitten. Sie steht zwischen Männern in der Schlange und hält sich aus den Gesprächen raus, spricht mit niemandem. Ob aus Scham oder Schüchternheit, das ist nicht zu erkennen. Vorsichtig sind alle hier, Frauen wie Männer.

„Gut, dass wir mit unserem Service immer an einem Dienstag hier sind und nicht an einem Wochenendabend, da kommt es vor, dass Leute aus den Pubs strömen und aggressiv auftreten“, erklärt Denise Carroll von „The Homeless Street Café“. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen versorgt sie bis zu 300 Menschen mit warmen Speisen, Kleidung, Binden, Tampons, Shampoo, Zuspruch und Haarschnitten. Wie die 41-jährige Antonia Edgeworth, die sich die Haare von Friseurin Geraldine Collins machen lässt. Sie sitzt auf einem Klappstuhl und sagt: „Bitte, Geraldine, sei vorsichtig hier oben, da habe ich eine kahle Stelle von dem Vorfall letztens.“

Denn „die irische obdachlose Frau“ kann auch – wie Antonia Edgeworth – mit Raucherstimme beschreiben, warum ihr Haare auf dem Kopf fehlen: Weil Passantinnen oder Passanten sie brutal zusammengetreten haben. „Meistens verkleide ich mich wie ein Typ, drehe die Haare hoch unter einer Kappe. Erkennbar als obdachlose Frau bin ich noch häufiger Zielscheibe der Wut der Leute. Dann bin ich ein Symbol für etwas, was sie nicht ertragen können: Eine erkrankte Gesellschaft.“ Sie schläft lieber draußen, lieber „rough“, als in einer Notunterkunft – so kann sie sich aussuchen, mit wem sie sich zusammentut.

Heute ist es ihr Kumpel Dominic, kurz „Domo“ genannt. Viele der „rough sleepers“ sind untereinander vernetzt, geben sich Tipps für ruhige Ecken und sichere Schlafplätze. Und gehen so auch den Problemen aus dem Weg, die in Obdachlosenunterkünften die Organisationen ebenso wie die Hilfesuchenden beschäftigen: Drogen und Alkohol sind nicht erlaubt, aber schwer zu kontrollieren. Antonia Edgeworth hat eine 13-jährige Tochter, mit der sie zwar Kontakt hat, die aber bei einer Pflegefamilie lebt. Da gehe es ihr besser, meint die obdachlose Mutter.

Viel häufiger als diese, in der Öffentlichkeit sichtbaren und daher als Stereotypen empfundenen Beispiele gibt es die irische, obdachlose Frau, die ihre Kinder nicht abgeben will, mit ihnen in einem leerstehenden Hotel oder einem Auto am Straßenrand lebt. Oder die im strömenden Regen stundenlang an einer Bushaltestelle wartet, bis ihre Tochter aus der Schule kommt, weil sie sich das Hin- und Herfahren nicht leisten kann.

Im April 2020 waren knapp 9000 Menschen in Irland offiziell wohnungslos, 41 Prozent davon Frauen. Je nach Land sind das acht bis elf Prozent mehr als im Rest von Europa – in Deutschland sind etwa 30 Prozent der Obdachlosen weiblich. „Das sind aber ‚nur‘ die offiziellen Zahlen“, erklärt Paula Mayock, Assistenz-Professorin am Trinity College und Co-Autorin von „Women’s Homelessness in Europe“. „Nicht mit eingerechnet sind die Frauen, die durchs statistische Raster fallen, sich nicht melden und verheimlichen, dass sie obdachlos sind.“ Viele von ihnen ziehen – auch mit Kindern – von der einen Freundin zur nächsten, so lange es geht, oder leben eben in einem Auto.

„Frauen fürchten sich mehr als Männer vor dem Stigma, vor den unbekannten Umständen in den Notunterkünften, sind dort oft verwundbar und wollen sich und ihren Nachwuchs nicht in Gefahr bringen.“ Hinzu kommt, dass Frauen, die es vermeintlich selbst verschuldet nicht schaffen, in einer Wohnung oder einem Haus wohnen bleiben zu können, dem traditionellen Bild der „guten irischen Hausfrau“ nicht mehr entsprechen. „Wir haben für unsere Studien mit Hunderten von Frauen und Jugendlichen ohne feste Bleibe gesprochen und wissen: Nie ist Obdachlosigkeit selbstgewählt.“ Derzeit sind auf der Grünen Insel mehr als 1200 Familien mit mehr als doppelt so vielen Kindern obdachlos. Seit 2015 sind diese Zahlen um 166 Prozent gestiegen.

Die Gründe für diese hohen Prozentzahlen? Komplex. Strukturelle Faktoren wie Mangel an bezahlbarem Wohnraum, Arbeitslosigkeit, Armut, unzureichende mentale Gesundheitsversorgung oder persönliche Faktoren wie Sucht, psychische Probleme oder ein Zusammenbruch der Familie können jeweils eine Rolle spielen. Der derzeitige Anstieg der familiären Obdachlosigkeit wird in erster Linie durch wirtschaftliche Faktoren verursacht. Laut „Focus Ireland“, einer Organisation, die sich speziell um Frauen und Familien ohne feste Bleibe kümmert, hatte die überwältigende Zahl der obdachlos gewordenen Familien ihr letztes stabiles Zuhause im privaten Mietsektor.

Dort sorgt aber die Wirtschaftssituation in Irland – nach der Wirtschaftskrise 2008 hat sich auf dem Wohnungsmarkt keine langfristige grundlegende Besserung eingestellt – dafür, dass viele Vermieterinnen und Vermieter verkaufen oder die Immobilien an die Banken überschreiben müssen. Das verursacht einen Mangel an zu vermietenden Immobilien. Ingesamt akzeptieren zu wenige Vermieterinnen und Vermieter staatliche Mietzuschläge oder Wohnungsgeld, und verlangen besonders in großen Städten hohe Summen.

Eine Wohnung mit einem Schlafzimmer in Dublins Stadtmitte zum Beispiel kostet um die 1700 Euro Miete. Zum Vergleich: In Köln kostet eine Wohnung mit 60 Quadratmetern etwa 1000 Euro weniger. Airbnb-Vermietungen bringen Immobilienbesitzerinnen und -besitzer noch mehr ein und sorgen so zusätzlich dafür, dass bezahlbarer Wohnraum knapp ist.

Ob hier jemand wohnt? Straßenkunst an vernagelten Fenstern im teuren Dublin.

In Irland gilt wie in vielen Ländern: Ohne Adresse kein Job und ohne Job keine Adresse. Scheidungen, Trennungen und häusliche Gewalt spielen in der Vorgeschichte oft mit in die Situation hinein. „Es sind hier fast immer die Frauen, die nach einer Trennung vom Partner als alleinerziehende Berufstätige alles stemmen müssen und oft nicht in der Lage sind, Kinderbetreuung und Miete zu stemmen“, so die Sprecherin der „Dublin Simon Community“, einer der großen Organisationen in Irland, die Notunterkünfte und medizinische Versorgung für Menschen ohne feste Bleibe bereitstellen.

„Bei den irischen Lebenshaltungskosten ist das Einkommen einer Alleinverdienerin nie ausreichend“, sagt die Sprecherin. Im Schnitt benötigt eine alleinstehende Person in Irland mehr als 890 Euro zum Leben – ohne Miete. In Deutschland sind das durchschnittlich 850 Euro, inklusive Miete. Die meisten Expertinnen und Experten sind sich einig: Es muss sich viel ändern, und das am besten schnell. Aber damit ist im Moment nicht zu rechnen.

Denn die Situation wird bislang konsequent vonseiten der Politik ignoriert – zum Vorteil von Sinn Féin, der lange durch die Verbindung zur IRA kontrovers gesehenen irisch-republikanischen Partei: Sie gewann bei der letzten Volksabstimmung mit 24,5 Prozent der Erststimmen. Der Grund: Wählerinnen und Wählern gefiel es, dass sie sich Themen wie Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und Gesundheitsfürsorge annahm. In die Regierungskoalition schafften sie es aber nicht.

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