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Megan Rapinoe bejubelt ein Tor gegen Spanien.

Fußball-WM der Frauen

Klare Kante gegen Trump: US-Spielerin Megan Rapinoe will nicht ins „beschissene Weiße Haus“ gehen

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Bei der Frauen-WM in Frankreich treten die Fußballerinnen offen für ihre Überzeugungen ein – dabei geht es oft um Wichtigeres als nur den Sport.

Beinahe jede Pore zoomt die hochauflösende Fernsehkamera heran, wenn bei der Frauen-WM das Abspielen der Nationalhymne bevorsteht. Niemand bringt in diesem Moment dann mehr Pathos ins Spiel als die US-Amerikanerinnen. Stramm in Reih und Glied stellt sich der Rekordweltmeister auf, zuerst erscheint die ganz außen stehende Crystal Dunn. Die Linksverteidigerin ist meist die einzige dunkelhäutige Spielerin in der Startaufstellung. Ihre Hand liegt auf der Brust, und sie singt kräftig mit. Dann wandert das Bild weiter, von Samantha Mewis über Alex Morgan, einem Superstar des amerikanischen Sports, bis zur Torhüterin Alyssa Naeher.

Bis dahin hat die Regie, die für alle Fernsehsender das Weltbild erstellt, auch Fans auf der Tribüne eingeblendet. In derselben Haltung. Mit derselben Leidenschaft. Patriotismus gehört für viele zum amerikanischen Lebensgefühl. Nur wenn Megan Rapinoe als letzte erscheint, verändert sich vieles: Statt einem rosafarbenen Haarband trägt sie lila getönte Haare. Ihre Lippen sind schmal wie ein Strich. Die Kapitänin singt nicht. Mit Absicht.

Megan Rapinoe protestiert gegen Donald Trump

Zuletzt hat der Reporter des französischen Senders „TF1“ das politische Statement wiederholt, das die 156-fache Nationalspielerin vor jeder Partie aussendet: Protest gegen die Politik des US-Präsidenten Donald Trump, der jene Werte mit Füßen tritt, für die eine der besten Fußballerinnen der Welt einsteht.

Bevor sie noch mal ihre Stimme zum Singen erhebt, müsse einiges passieren, sagte Rapinoe: das Strafrecht reformiert, die Rechte der Lesben und Schwulen gestärkt werden. Erst am Dienstagabend hatte das US-Fußballmagazin „Eight by Eight“ das Video eines Interviews mit Rapinoe online gestellt, in dem sie klare Kante zeigte. Auf die Frage, ob sie sich nach einem möglichen WM-Titel über eine Einladung von US-Präsident Trump freuen würde, antwortete Rapinoe, sie werde ganz sicher „nicht in das beschissene Weiße Haus gehen“.

Das Aufbegehren von Rapinoe, die zwei Tage vor dem WM-Finale ihren 34. Geburtstag feiert, ist deshalb so mutig, weil anders als in Europa die Spielerinnen nicht von den Vereinen bezahlt werden, sondern vom US-Fußballverband (USSF). Für ihren Kampf hat die Powerfrau vom linken Flügel also ihre Karriere aufs Spiel gesetzt, denn zeitweise drohte ihr der Rauswurf. Aber sie steht dazu. „Als ich älter geworden bin, habe ich erkannt, wie mächtig eine Stimme sein kann – meine Stimme, und die Stimme der Mannschaft.“ 

Sie ist eine von fünf Spielerinnen, die die USSF wegen Geschlechterdiskriminierung verklagt haben. Als ihnen von einem Bundesgericht das Recht zugesprochen wurde, gegen die schlechtere Bezahlung im Vergleich zu den männlichen Kollegen vorzugehen, schlossen sich alle Mitspielerinnen an. Wenn Trainerin Jill Ellis immer sagt, ihr Team sei in Frankreich auf einer Mission, dann stimmt das mehr denn je. Rapinoe hat gerade erst mit zwei Elfmetertoren den Rekordweltmeister ins Viertelfinale geschossen. Danach hat sie ausführlich über sportliche Ambitionen gesprochen, aber die übergeordneten Statements schwingen immer mit.

Marta appelliert an die Frauen Brasiliens: „Wollt mehr!“

Die mit einer Basketballspielerin zusammenlebende Rapinoe ist längst nicht mehr die Einzige, die ein zweites Spielfeld entdeckt hat. Während im zunehmend überdrehten Betrieb der Männer bei einer WM überwiegend unpolitische Marionetten gegen den Ball treten, denen die Maximierung des persönlichen Marktwerts und der nächste Millionenvertrag am wichtigsten erscheinen, hat dieses Turnier der Frauen eine neue Dimension erreicht. Die achte Auflage wird schon jetzt als der große Kampf starker Frauen in die Geschichte eingehen.

Die sechsmalige Weltfußballerin Marta verabschiedete sich nach dem verlorenen Viertelfinale von Brasilien gegen den Gastgeber Frankreich (1:2 n.V.) mit einer flammenden Rede. Sie sprach vor laufender Kamera mit feuchten Augen und geschminkten Lippen an die Mädchen in der Heimat. Und viele in Brasilien sagten danach, dass dieser Moment dem Land ganz viel Gänsehaut gegeben habe, schließlich hatten bei den Frauen so viele am Fernseher zugeschaut wie bei den Männern, die gerade die Copa América spielen. „Queram mais!“, rief sie. „Wollt mehr!“ Oder auch: Verlangt mehr! Oder: Verlangt das, was euch zusteht! Marta hatte ja mitbekommen, dass die vom Mediengiganten Globo gezeigten Spiele in Brasilien überragende Quoten erzielten. Weil viele von den Eskapaden des kindischen Neymar die Schnauze voll hatten, sahen sie lieber der aufrichtigen Marta zu.

Mit zwei weiteren (Elfmeter-)Toren hat die 33-Jährige jetzt Miroslav Klose als besten WM-Torschützen aller Zeiten abgelöst. Dass der ZDF-Reporter Tibor Meingast diesen Vergleich nicht abfragte, darauf wies Marta selber hin, als sie nach dem Interview noch einmal umdrehte und Begleitmann Henner Janzen übersetzen ließ. Auch da blieben viele verdutzte Gesichter zurück. Die Frauen trauen sich viel mehr als früher. Spät, aber nicht zu spät ist die bei Orlando Pride in den USA spielende Ikone des Frauenfußballs zu einer der Lautesten im Kampf um Gerechtigkeit geworden. „Gerade durchbrechen wir Barrieren. Mein Rekord gehört nicht mir, sondern uns allen, ich teile ihn mit jedem, der für mehr Gerechtigkeit kämpft.“

Endler stellt sich gegen Südamerikas „Machismo“

Aber es sind nicht nur die Weltstars, die ihre Strahlkraft nutzen. Neuerdings mucken auch jene auf, die auf dem Sprung zur Weltklasse sind. So wie die Torfrau Christiane Endler von Chile, die so prächtige Paraden gezeigt hat, dass Manuel Neuer ihr Bruder sein müsste. Dabei hat die 27-Jährige aus Santiago nur einen deutschen Vater. Gegen das Topteam USA verloren die Südamerikanerinnen deshalb nur mit 0:3, weil Endler sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte. Nicht die US-Weltmeisterin Carli Lloyd als zweifache Torschützin, sondern Chiles Torhüterin saß danach auf der Pressekonferenz als Spielerin des Spiels. Endler sagte: „Wir zeigen, dass man professionell spielen kann, dass es Orte gibt, wo Frauenfußball wertgeschätzt wird. Und wir arbeiten, dass wir einen höheren Stellenwert bekommen.“ Die Aussage richtete sich gegen das von „Machismo“ geprägte Südamerika, denn Endler spielt längst in Europa bei Paris St. Germain.

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Natürlich geht es bei dem Kampf um Gerechtigkeit und Gleichbehandlung oft auch ums Geld. Die Matildas, so wird das australische Nationalteam genannt, haben sich deswegen sogar mit dem Weltverband Fifa angelegt. Der hat zwar die Prämien auf 30 Millionen Dollar verdoppelt und angekündigt, 500 Millionen Dollar in den Frauenfußball zu investieren, aber Kapitänin Sam Kerr und Co. reicht das nicht. Sie finden, sie haben noch mehr verdient.

Weltstar Ada Hegerberg fühlt sich in ihrem Boykott bestätigt

Olympique Lyon ist diesbezüglich der Vorzeigeklub, der Männern und Frauen dieselbe Wertschätzung vermittelt. Topspielerinnen wie Wendie Renard oder Amandine Henry verdienen bereits rund 30 000 Euro im Monat. Präsident Jean-Michel Aulas ist es ein wichtiges Anliegen, beide Bereiche hochprofessionell zu behandeln. Ständig gibt es Berührungspunkte zwischen den Teams. Und doch besteht ein großer Unterschied: Die Frauen von Lyonnais sind erfolgreicher, haben viermal in Folge die Women’s Champions League gewonnen. Im diesjährigen Finale traf nicht nur die deutsche Nationalspielerin Dzsenifer Marozsan, sondern dreimal Ada Hegerberg. Die norwegische Torjägerin gewann 2018 erstmals den Ballon d’Or, doch wenn am heutigen Donnerstag das erste WM-Viertelfinale zwischen Norwegen und England angepfiffen wird, fehlt die 23-jährige, die nach der EM 2017 aus dem Nationalteam zurückgetreten ist. Sie hat die Benachteiligung gegenüber den Männern beklagt. Und es geht um mangelnden Respekt, der selbst ihr ständig begegne.

Bei der Ehrungsveranstaltung zur besten Fußballerin der Welt in Paris forderte sie der Moderator tatsächlich auf, sie solle doch „twerken“, also mit dem Po wackeln. Hegerberg verneinte. In ihrem Boykott fühlt sie sich bis heute bestätigt. „Ich bin bereit, das auszuhalten, um für meine Werte und Überzeugungen einzustehen.“ Ganz hat sie der Frauen-WM nicht den Rücken gekehrt: Sie steht als Expertin fürs französische Fernsehen am Spielfeldrand.

Aus den USA schaut übrigens auch Trump zu, obwohl er sich wohl allein für die Spiele der US-Girls interessiert. Er sagt: „Sie sind wirklich talentiert.“ Der Präsident wünscht sich nur, dass Rapinoe ihren Protest einstellen und die Hymne mitsingen solle. Das wird diese aber nicht tun. Schon am Freitag, wenn sich im Pariser Prinzenpark Gastgeber Frankreich und USA im vorweggenommenen WM-Finale begegnen, wird die starke Frau wieder ganz leise sein, wenn sie als letzte ins Bild kommt.

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