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Das Dorf Keyenberg soll dem RWE-Tagebau Garzweiler weichen.

Tagebau Garzweiler

Protest gegen Braunkohle-Tagebau in NRW durch Corona-Pandemie erschwert

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Auflagen und Verbote gestalten den Protest gegen den Tagebau Garzweiler schwierig – doch die Anwohner kämpfen weiter für den Klimaschutz und den Erhalt ihrer Orte.

  • Der Protest gegen den rheinischen Tagebau Garzweiler gestaltet sich in Zeiten der Corona-Pandemie schwierig.
  • Anwohner der am Rande des Tagebaus gelegenen Dörfer werfen RWE die Ausnutzung der Corona-Krise vor.
  • Sie kämpfen mit kreativen Ideen weiter für den Klimaschutz und den Erhalt ihrer Orte.

Höchstens 50 Teilnehmer, Sicherheitsabstand, Mundschutz – unter solchen und ähnlichen Auflagen haben die Behörden in Nordrhein-Westfalen eine ganze Reihe kleinerer Kundgebungen zum Maifeiertag genehmigt. Verboten wurde dagegen eine Menschenkette, mit der die Anwohner mehrerer Dörfer am Rand des rheinischen Tagebaus Garzweiler darauf aufmerksam machen wollten, dass der Braunkohlekonzern RWE ihrer Meinung nach die Corona-Krise nutzt, um während des Wartens auf das Kohleausstiegsgesetz vor Ort Fakten zu schaffen.

„Wir können es hier nur falsch machen“, so David Dresen aus dem von der Abbaggerung bedrohten Örtchen Kuckum. Der 29-Jährige spricht für das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“, das die Versammlung angemeldet hatte. „Tragen wir Masken, so gilt das als Vermummung. Tragen wir keine, verletzen wir die Corona-Bestimmungen. Spannen wir Bänder zwischen uns, wirft man uns vor, damit könnten wir die Einhaltung der Abstandsregelungen nicht garantieren. Würden wir Zollstöcke benutzen, wäre das passive Bewaffnung …“

Corona-Krise: Auflagen und Verbote gestalten den Protest gegen den Tagebau Garzweiler schwierig

So greifen die Familien, die für den Erhalt ihrer Dörfer auf die Straße gehen wollten, am letzten Aprilnachmittag trotzig zu Plan B: Mit gelben Kreuzen, Symbole des Widerstands seit den Tagen der AKW-Bewegung im Wendland, gelben Abstandsbändern und gelben Schirmen stellen sie sich vor ihre Häuser, in denen sie gern „zu Hause bleiben“ möchten, während ein Kamerateam im strömenden Regen eine Route entlang der Grube fährt und die widerständischen Nachbarn für ein Protestvideo filmt.

Als Polizei und Ordnungsamt alarmiert erscheinen, ist der Spuk bereits vorbei. Der Schaufelradbagger vor den Toren der 1200 Jahre alten Ortschaft Keyenberg steht allein im Wolkenbruch.

Nur wenige Minuten hat es gedauert, bis der gelb beschirmte Flashmob wieder von den Straßen verschwunden war, doch allein die gemeinsame Vorbereitung hat Bewegung in die Corona-Starre der rheinischen Klimastreiter gebracht.

Helmut Kehrmann: „Selbst den Toten lassen sie keine Ruhe.“

„Obwohl wir nicht demonstrieren durften, waren wir mal wieder in der Öffentlichkeit präsent. Ich habe im Moment den Eindruck, alles dreht sich nur um Corona und ans Klima denkt keiner mehr.“ Auf dem Papier haben Helmut Kehrmann und seine Frau gerade mit Keyenberg abgeschlossen und ihr Haus an den Konzern verkauft – doch der Kampf um den Erhalt des Ortes bleibt für ihn Herzenssache. „Dieses hügelige Ländchen, die alten Bäume, der gute Boden für die Landwirtschaft – das ist doch meine Heimat“, sagt er.

Proteste gegen Tagebau in NRW - Bewegt sich jetzt etwas im Klimaschutz?

Rheinischer Tagebau Garzweiler: Umbettung von Toten

„Und doch ist es zunehmend trostlos hier. Auf dem Friedhof betten sie jetzt die Toten um. Das macht vor allem die Alten hier ganz schön fertig. Uns selber rückt der Bagger immer näher und raubt uns die Lebensqualität, aber worüber niemand spricht, selbst den Toten lassen sie keine Ruhe.“

Klima, Heimat, Menschenwürde – der Konflikt im Rheinischen Braunkohlerevier hat viele Aspekte. Damit er im Schatten von Corona nicht in Vergessenheit gerät, wollen die Aktivisten „zeitnah“ einen neuen Versuch starten, ihre Menschenkette anzumelden. Daraus schöpft auch Helmut Kehrmann wieder Trost: „Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, du fängst mit 66 an zu demonstrieren, den hätte ich für verrückt erklärt. Jetzt haben wir hier diese wunderbare Gruppe, die so klein ist und schon so viel bewegt hat. Das zumindest nimmt uns keiner mehr.“

von Barbara Schnell

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