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Stolz und Wärme: Eine Kuna-Frau in ihrer traditionellen Tracht in der Gemeinde Daggargunyala in Panamá-Stadt.

Klimawandel

Vom Wasser verdrängt

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Das indigene Volk der Kuna lebt auf kleinen Inseln vor der Küste Panamas. Weil der Meeresspiegel steigt, werden sie aufs Festland umsiedeln müssen - und fürchten neben dem Verlust der Heimat vor allem den Verlust ihrer Kultur.

Ernesto Perez ist ein kleiner hagerer Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist. Ihn danach zu fragen, verbietet die Höflichkeit. Die 60 wird er schon überschritten haben. Die Schwielen an seinen Händen zeugen von harter Arbeit. Ihm fehlt eine Reihe von Zähnen, aber das nimmt ihm nichts von seiner Würde. Die medizinische Versorgung ist schlecht auf den San Blas-Inseln vor der panamaischen Atlantikküste, und dem Saila, dem Dorfältesten, geht es in dieser Hinsicht nicht besser als den rund tausend anderen Bewohnern.

Bis eben hat er in seiner Hängematte gelegen und gedöst, jetzt nimmt er Platz in der ersten Reihe der großen Versammlungshütte, um mit seinen Helfern den „Congreso“ vorzubereiten, die allabendlich stattfindende Runde, auf der alles besprochen wird, was für das Dorfleben wichtig ist. Der Saila und seine beiden Stellvertreter sind die höchsten Vertreter von Gesetz, Religion, Kultur und Politik. Sie bestimmen letztlich alles, was auf der Insel passiert. Sie legen zum Beispiel fest, welche Familie als nächste dran ist mit der Betreuung der Kokospalmen auf einer der unbewohnten Nachbarinseln. Zu seiner schwarzen Amtstracht gehört ein Hut, den er auch bei den Sitzungen aufbehält. Perez genießt sichtlich die Ehrerbietung, die ihm entgegengebracht wird, als ihm zwei Mappen vorgelegt werden, in denen sich Dokumente zum Unterschreiben befinden. Die Schreiben werden per Boten aufs Festland gebracht, das ist sicherer, weil der Strom immer wieder ausfällt auf Gardi Sugdupu. 

Trügerische Idylle 

Das winzige, total überbevölkerte Eiland gehört zu etwa 365 Koralleninseln und Inselchen des Guna Yala Archipels im Norden Panamas. Nur etwa 50 davon sind bewohnt. Menschenleere weiße Strände, türkisblau schimmerndes Meer. Ein Paradies. Eigentlich. Der stetig steigende Meeresspiegel zwingt die Menschen, die in Hütten mit meist nur einem Zimmer für eine Großfamilie hausen, rüber aufs Festland ziehen. Doch bislang bleibt die von der Zentralregierung in Panama-City zugesagte Hilfe in Höhe von neun Millionen Dollar weitgehend aus. Auf 17 Hektar Land, das ihnen gehört und das weder verkauft noch verpachtet werden darf, sollen im küstennahen Regenwald neue Häuser entstehen.

„Die Regierung hält ihre Versprechen nicht ein, es fehlt der politische Wille“, sagt der gewählte Dorfälteste und richtet sich in seinem Stuhl auf, so als wolle er seinen Worten dadurch Nachdruck verleihen. Wie viele Stammesführer in der Karibik versteht und spricht er kaum Spanisch, alles muss für ihn übersetzt werden. Seine Sprache ist die der Ureinwohner, und dass er das Spanische verweigert, ist auch Ausdruck der Eigenständigkeit, auf die die Kuna pochen. Jeder Großfamilie mit durchschnittlich zehn Personen sollen 200 Quadratmeter zustehen, 160 Quadratmeter Wohnfläche und 40 für einen kleinen Gemüsegarten. Die Umsiedler werden ihre mit Palmblättern gedeckten Holzhütten gegen Steinhäuser mit Wellblech- oder Zinkdach eintauschen.

„Wir sind Pioniere“, sagt der Saila stolz und wischt sich Schweiß von der Stirn. Vormittags war es erträglich unter dem Strohdach des Saales. Doch jetzt in der Mittagszeit, wenn die karibische Sonne unbarmherzig auf die Inseln niederbrennt, wird es heiß und stickig. Der Häuptling erzählt, dass die Alten im Dorf sich schwer tun, die Insel zu verlassen, die die aus Kolumbien eingewanderten Kuna 150 Jahre lang bewohnt haben. Mit Fischfang sorgen sie für ihr bescheidenes Auskommen, manche bewirtschaften ein kleines Stück Land im Regenwald entlang der Küste, auf dem sie Maniok oder Ananas anbauen. Wer ein kleines Motorboot hat, muss nicht mühsam im schmalen Einbaum hinüberrudern.

Angst vor der Malaria

Das sei doch überall auf der Welt so, dass die Jungen offen seien für Neues und die Älteren Veränderungen misstrauten. Längst gibt es im Congreso für den Umzug nicht nur ein Baukomitee, sondern auch ein Friedhofskomitee. „Wir müssen an alles denken, denn irgendwann lebt hier niemand mehr.“ Dabei lächelt er, aber der Bürgermeister als höchste moralische Instanz weiß auch, dass er noch viele Widerstände überwinden muss in seinem traditionsbewussten Volk. Neben der Sorge vor einer ungewissen, wenn vermutlich auch besseren Zukunft treibt die Insulaner die Angst vor der Malaria um. Die Ansteckungsgefahr im Küstenstreifen des Festlands ist wegen der Moskitoschwärme erheblich höher.

Der Umzug wird sich allenfalls verzögern, aufzuhalten er ist nicht. Wie dramatisch die Situation auf Gardi Sugdupu durch den Klimawandel mittlerweile ist, erleben wir in der schmalen Hütte , in der die 32-jährige Yunica, ihr Mann und die achtjährige Tochter Yineth leben. Bis auf Weiteres. Alle drei sind auf der Insel geboren und dort verwurzelt, aber sie wissen, dass die Zeit drängt. „Das Wasser kommt näher“, sagt die junge Kuna-Frau, die in Panama-City Abitur gemacht hat, und führt uns in ihre winzige Küche. „Gestern ist es bei der Flut bis hierhin gelaufen.“

Weil alles schrecklich beengt ist, hat sie – wie die meisten ihrer Nachbarn – ihre Wohnung kurzerhand um zwei Meter auf den Holzsteg Richtung Meer verlängert. Irgendwann hat es hier mal einen kleinen Strand gegeben, aber den hat das Wasser längst weggespült. Wissenschaftler eines Tropen-Forschungsinstituts in Panama-Stadt haben herausgefunden, dass der Meeresspiegel rund um die Inseln jährlich um 3,1 Millimeter steigt, vor zwei Jahren waren es noch zwei Millimeter.

Beide, Mutter und Tochter, tragen die bunte Kuna-Tracht. Dazu gehören farbenfrohe Blusen und handgestickte Tücher, die Molas. In jüngster Zeit fallen manchmal Touristen von einem der großen Kreuzfahrtschiffe für einen Schnupperbesuch auf der Insel ein und kaufen den Kuna-Frauen für ein paar Dollar Molas und handgefertigten Schmuck als Mitbringsel ab. Kunstvoll und individuell sind auch die Beinbinden aus Perlschnüren mit geometrischen Mustern. Typisch der Wickelrock und das rote Kopftuch.

Yuica zupft an Yineths Schürze. Warum hängt sie so an der Tracht? Aus Tradition? Aus Selbstbewusstsein? Aus Trotz gegen das Unvermeidliche? Die zierliche Frau mit pechschwarzem Haar lächelt verlegen und sagt, sie sorge sich nicht nur um den Untergang ihrer Insel, sondern auch, fast mehr noch, „um den Untergang unserer Kultur“. Immerhin hat es kürzlich ein Kuna-Mädchen von den Inseln zur panamaischen Schönheitskönigin geschafft, erzählt sie stolz. Solche kleinen Fortschritte sind es, die ihrer Generation Mut machen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Gegen die Wahl hat es erheblichen Widerstand der weißen Bevölkerung gegeben, nach dem Motto „So eine vertritt Panama“.

Ein kleines Land voller Widersprüche, zu dem die Wolkenkratzer der internationalen Banken und glitzernden Fassaden der Anwaltskanzleien in der Metropole ebenso gehören wie die Elendsquartiere neben einem Gewirr von Schnellstraßen. „Hier gibt es ein geduldetes alltägliches Rassismus-Problem“, sagt Inés Klissenbauer, Mittelamerika-Referentin des katholischen Hilfswerks Adveniat. Die Herkunft spiele bei der Diskriminierung mittlerweile eine größere Rolle als die Hautfarbe. Etwa die Zugehörigkeit zum indigenen Kuna-Volk. Bei der diesjährigen Weihnachtsaktion von Adveniat , die am Sonntag, 2. Dezember, in Wiesbaden eröffnet wird, stehen die Probleme der Kuna im Mittelpunkt. In Panama engagiert sich die Aktion der deutschen Bischöfe schon seit Jahren. Die Projektarbeit zielt darauf ab, vor allem junge Kuna, die ihre angestammte Heimat auf den Inseln verlassen haben, zu ermutigen, ihre Wurzeln nicht zu vergessen und sich ihrer Identität bewusst zu bleiben.

Sonntagsgottesdienst in einer Kuna-Gemeinde am Rande von Panama-City. Fünfzehn- und sechzehnjährige Jugendliche mit Panflöten und Kastagnetten begleiten die liturgischen Tänze ihrer Altersgenossen. In einer garagenartigen kleinen Halle stimmt Padre Felix de Lama in die Messe ein. Seit mehr als 40 Jahren lebt der Spanier in Panama, 27 davon auf der Insel Playón Chico. Er ist ein ausgezeichneter Kenner und Interpret der Kuna-Kultur. Kuna-Mythologie und die biblische Botschaft von Wunderheilungen sind für ihn keine Gegensätze. In seiner Predigt verschweigt er nicht die Sünden der Kirche, spricht von der blutigen Spur, die die Missionierung in Lateinamerika hinterlassen habe. Der Pater trifft die Gefühlswelt der Jugendlichen, wenn er sie ermuntert, von ihrer alltäglichen Zurücksetzung zu berichten. „Wer bestreitet, dass wir diskriminiert werden, sagt die Unwahrheit“, ruft ein Mädchen ins Mikrofon.

Die Panflöten und die Rasseln sollen also keine heile Welt vorgaukeln, weder hier noch in der Hafenstadt Colon. Colon am Atlantik-Ende des Panamakanals gilt wegen rivalisierender Jugendbanden als krimineller Hotspot, und Reiseführer überbieten sich mit Warnhinweisen. Die Kirche begleitet dort ein gigantisches staatliches Umsiedlungsprogramm. Familien werden aus heruntergekommenen Häusern in ein Neubauviertel verfrachtet, in dem es keinerlei Infrastruktur gibt. Ohne die Angebote der Kirche würden die Jugendlichen in diesem trostlosen Getto vermutlich sofort wieder auf die schiefe Bahn geraten. Den Verantwortlichen scheint das bewusst zu sein, denn als erstes wurde kürzlich eine hochmoderne Polizeistation eröffnet, und im Zehn-Minuten-Takt fahren gepanzerte Mannschaftswagen Streife. 

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