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Was wusste die Klinikleitung?

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In Oldenburg beginnt heute ein Prozess, der klären soll, warumKrankenpfleger Niels H. so lange unbemerkt töten konnte

Konnte Niels H. auch deshalb so viele Menschen töten, weil die Leitung der Kliniken zu lange untätig geblieben war? Diese ist eine von vielen Fragen, denen sich die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Oldenburg in einem Prozess annehmen wird, der am heutigen Donnerstag beginnt. Im Zusammenhang mit den Taten des ehemaligen Krankenpflegers, der im Juni 2019 wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg Anklage gegen ehemalige führende Angestellte des Klinikums Oldenburg und des ehemaligen St.-Josef-Stifts erhoben. Angesetzt sind für das Verfahren zunächst 42 Verhandlungstage.

Auf Oldenburger Seite müssen sich der damalige Geschäftsführer des Klinikums, ein früherer ärztlicher Leiter sowie ein Pflegedienstleiter der kardio-chirurgischen Intensivstation und eine ehemalige Pflegedirektorin verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Beihilfe zur Tötung durch Unterlassen in drei Fällen vor. Auf Delmenhorster Seite nehmen zwei Oberärzte und eine stellvertretende Leiterin der Intensivstation auf der Anklagebank Platz. Für die beiden Oberärzte geht es um jeweils ein Tötungsdelikt. Bei der stellvertretenden Intensivstations-Pflegeleiterin kommt die Staatsanwaltschaft auf fünf Tötungen, zwei als Versuch.

Ursprünglich war auch der ehemalige Stationsleiter Pflege angeklagt. Dessen Verfahren hat die Schwurgerichtskammer abgetrennt, weil der Mann wegen einer Erkrankung „für die nächsten drei bis sechs Monate nicht verhandlungsfähig“ sei, teilt das Landgericht mit. Zudem hat sich der Angehörige einer Verstorbenen dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen.

Taten sind teils 20 Jahre her

Die Vorkommnisse liegen zum Teil mehr als 20 Jahre zurück. So sollen sich die drei Tötungen durch Niels H. während seiner Tätigkeit im Klinikum Oldenburg im November 2001 zugetragen haben. Für Delmenhorst gehen die Staatsanwaltschaft und die Ermittler vom Tatzeitraum Mai und Juni 2005 aus. In den Fokus geriet das alles erst 2015 im Zuge der Ermittlungen gegen H.

Die Kriminalbeamt:innen der schon 2014 gebildeten Sonderkommission (Soko) „Kardio“ befragten zahlreiche Zeug:innen, ließen mehrere Leichen exhumieren und nahmen Medikamentenproben. Dabei waren die Ermittler:innen vor allem auf die Angaben von Niels H. angewiesen, den sie in diesem Fall als Zeugen befragten. Nicht alle Toten konnten indes exhumiert werden, weil einige eingeäschert worden waren.

Bis in die Gegenwart scheinen die Vorkommnisse nicht zu strahlen. So seien etwa die Oldenburger Angeklagten nicht mehr am Klinikum beschäftigt, sagt Sprecherin Sigrid Juergensmann. Die heutigen Mitarbeitenden seien keinen Vorwürfen ausgesetzt. Sollte es doch dazu kommen, sei das Krankenhaus vorbereitet.

Mit Spannung richtet auch das Personal in Delmenhorst den Blick in Richtung Oldenburg. Für sie sowie ihre Kolleginnen und Kollegen ist die Situation eine andere als für das Klinikum Oldenburg. Sprecherin Tomke Tammerl schreibt auf Nachfrage in einer E-Mail: „Das Klinikum Delmenhorst, das Schauplatz dieser Verbrechen war, gibt es in dieser Form schon lange nicht mehr. Es fusionierte 2016 mit dem St.-Josef-Stift.“

Auswirkungen haben H.s Morde auf die Politik: Um solche Taten zu verhindern, gilt seit dem 1. Januar 2019 das überarbeitete Niedersächsische Krankenhausgesetz. Zu den „Rechtspflichten“ gehören unter anderem die Einführung eines anonymen Fehlermeldesystems sowie regelmäßige sogenannte Mortalitäts- und Morbiditätskonferenzen. Seit Januar 2022 muss es darüber hinaus in jeder Klinik Stationsapothekerinnen oder -apotheker geben.

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