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Das Protestlager: Aktivisten gehen auch juristisch gegen den Bau vor.

Protest in Australien

„Was sind zwei Minuten im Vergleich zu Hunderten von Jahren?“

Um die Fahrzeit zwischen Melbourne und Adelaide zu minimieren, soll eine Straße in Australien ausgebaut werden. Dafür müssten 1350 Bäume gefällt werden, darunter auch einige, die die indigenen Djab-Wurrung als heilig verehren. Um einen 6000 Jahre alten Baum ist nun ein Protestcamp entstanden.

Auf den ersten Blick ist es ein Baum wie jeder andere. Ein Roter Eukalyptus, mächtig zwar, mit einem sieben Meter dicken Stamm, mit riesigen Ästen und mehr als 30 Meter hoch. Aber solche Exemplare gibt es in Australien nunmal viele. Nur wer genauer hinschaut, sieht den Hohlraum im Inneren des Stamms und die Markierungen dort. Hier haben Aborigines-Frauen, Ureinwohnerinnen des fünften Kontinents, im Laufe der Jahrhunderte wohl schon viele Tausend Kinder zur Welt gebracht.

Der Eukalyptus ist ein sogenannter Geburtenbaum, mehr als 600 Jahre alt. Im Boden drumherum haben viele Generationen Aborigines nach Entbindungen die Plazenta vergraben, den Mutterkuchen. Für den Stamm der Djab Wurrung, der hier schon zu Hause war, lange bevor die Weißen kamen, ist der Baum heilig und die Erde auch. „Diese Bäume haben dieselbe DNA wie wir. Wir haben sie gepflanzt. Sie gehören zu uns. Wir gehören zu ihnen“, sagt einer der Männer, Zellanach Djab Mara.

Die Djab Wurrung sind ein Aboriginies-Stamm in Australien. Ihr ursprünglicher Lebensraum sind die vulkanischen Ebenen im Zentrum des Bundesstaates Victoria. Seit rund 40 000 Jahren sollen sie hier siedeln. Ein erster Kontakt zu europäischen Kolonialmächten wird auf 1836 datiert. Zwei Jahre später begannen Kolonialherren erstmals Ländereien des Stammes zu besetzen, zwischen 1840 und 1859 kam es zu 35 Massentötungen indigener Menschen im Gebiet. Mit dem Goldrausch begannen einige Menschen der Djab Wurrung in den Mienen der Gegend zu arbeiten.

Jetzt allerdings soll der Geburtenbaum abgeholzt werden, damit der Western Highway – die Straße zwischen den Großstädten Melbourne und Adelaide – zwei Spuren breiter gemacht werden kann. 420 Millionen Euro soll das kosten. Auf einer Strecke von zwölfeinhalb Kilometern in der Nähe der Stadt Ararat sollen insgesamt mehr als 1350 Bäume fallen. Doch inzwischen ist der Protest so groß, dass alle noch stehen. Der Beginn der Bauarbeiten musste mehrfach verschoben werden.

Rund um den Red Gum Tree kampieren seit Monaten mehrere Dutzend Leute: einige Aborigines sind darunter , aber noch mehr Weiße, sogar ganze Familien protestieren hier. Ihr Dorf haben sie zur „Botschaft der Djab Wurrung“ erklärt - exterritoriales Gelände, wo die Polizei nichts zu suchen habe. Wenn es wieder einmal Gerüchte über eine Räumung gibt, eilen Leute herbei. Auch Prominenz wie der australische Hollywood-Star Russell Crowe unterstützt die Bewegung.

Der „Birthing Tree“ ist denn auch zu einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung geworden. Viele sehen darin einen weiteren Beweis, wie wenig Rücksicht Australiens weiße Mehrheit immer noch auf die Ureinwohner nimmt. Tatsächlich sind die etwa 700 000 Aborigines in sehr vielen Belangen benachteiligt. Ihre Lebenserwartung liegt zehn Jahre niedriger als die der anderen insgesamt 24 Millionen Australier. Zugleich machen sie 27 Prozent der Gefängnis-Insassen aus.

Nayuka Gorrie, eine Djab-Wurrung-Frau begründete die Proteste in einem Artikel so: „Kein Siedler in Australien hat eine Blutsverbindung, die mehr als einige wenige Generationen zurückreicht. Die können nicht verstehen, was das Blut in meinem Körper mit dem Blut meiner Vorfahren in diesem alten Boden und diesen alten Bäumen verbindet.“ Und: Durch die neue Straße würden zwei Minuten Fahrtzeit gewonnen. „Doch was sind schon zwei Minuten im Vergleich zu Hunderten von Jahren?“

Der Geburtenbaum: Viele Tausend Kinder sind hier bereits zur Welt gekommen.

Geleitet wird das Protestcamp von Djab Mara, ein zorniger Mann von 33 Jahren. Er redet von „Völkermord“. „Die Welt kümmert sich nicht um uns“, sagt er. Den Baum vergleicht er mit der Kathedrale Notre-Dame in Paris, die ebenfalls mehr als 600 Jahre alt ist und deren Brand im Frühjahr überall Schlagzeilen machte. „Ich kann auch nicht einfach in eure Kirche gehen, die Stühle herausnehmen, weil ich da einen Highway durchbauen will, und sagen: ‚Das Gebäude bleibt ja stehen.‘ So darf das auch hier nicht sein“, sagt Mara.

Die Aboriginies generell haben noch immer mit Diskriminierung und Ausgrenzung zu kämpfen. Sie gehören zum ärmsten Teil der australischen Gesellschaft, verfügen oft über eine geringere Bildung , ihre Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent. Ferner liegt ihre Lebenserwartung im Durchschnitt zehn Jahre unter jener der weißen Bevölkerung, die Kindersterblichkeit ist doppelt so hoch. Ein Mangel an Arbeit und Krankenvorsorge in ländlichen Gebieten, sowie der Verlust funktionierender sozialer Strukturen durch Assimilationspolitik wird dafür verantwortlich gemacht.

Die meiste Zeit waren die Proteste bisher friedlich. Inzwischen kommt es vermehrt zu Handgreiflichkeiten. Viele haben Verständnis für die Leute im Camp, aber es gibt auch andere Stimmen. Die „New York Times“, die auch schon berichtete, zitierte eine Frau aus Ararat, Pauline Roberts, 75 Jahre alt, mit den Worten: „Wenn ich meinen Camper dort abgestellt hätte, hätten die mich schon längst weggebracht.“

Die zuständige Regierung des Bundesstaats Victoria beharrt auf dem Projekt. Sie begründet die Pläne mit der Bedeutung der Straße für die gesamte Region und auch mit der Sicherheit. Auf dem viel befahrenen Highway gab es seit 2014 mindestens zwölf Verkehrstote. Zudem verweist die Regierung darauf, dass das Projekt von zwei Aborigines-Verbänden abgesegnet wurde.

Das erkennen die Leute im Camp jedoch nicht an. Sie wollen das Vorhaben auch durch die Justiz zu Fall bringen. Im November ist der Termin. Einstweilen hat die Straßenbaubehörde VicRoads den Baubeginn ausgesetzt. Zwei Jahre ist man schon in Verzug. Hinter den Kulissen gibt es nun Gespräche zwischen Straßenplanern und Stammesälteren.

Inzwischen gibt es vonseiten des Staates auch das Angebot, einen kleinen Teil der Bäume wegen deren kultureller Bedeutung zu verschonen: 15 von mehr als 1350. Dazu würde dann auch der Geburtenbaum gehören. Djab Mara sagt jedoch: „Man kann nicht nur Teile der Kirche anerkennen. Man muss die ganze Kirche anerkennen.“ (Christoph Sator, dpa)

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