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„Es ist das Prinzip der hemmungslosen Gewinnmaximierung, das die Urlauber steuert und zur einheitlichen Masse macht.“
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„Es ist das Prinzip der hemmungslosen Gewinnmaximierung, das die Urlauber steuert und zur einheitlichen Masse macht.“

Bildband

Was Après so geht

  • vonPatrick Guyton
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Der Fotograf Lois Hechenblaikner zeigt, warum Ischgl auch der „Ballermann der Alpen“ genannt wird.

In Ischgl ist jetzt, in diesen Weihnachtsferien, nichts los. Wegen des Corona-Shutdowns in Österreich haben sie alle geschlossen – das Kitzloch, die Champagnerhütte und der Après-Ski-Kuhstall. Was sich normalerweise in dem Party- und Ski-Ort in der Hochsaison abspielt, das zeigt der Fotograf Lois Hechenblaikner. Und zwar so, dass es schmerzt. Seit 26 Jahren ist der Tiroler mit der Kamera in seiner Heimat unterwegs.

Hechenblaikner dokumentiert den ungehemmten Massentourismus und dessen Folgen – für die Umwelt, aber auch die psychische und körperliche Verfasstheit der Urlauber. Da sitzen Männer auf einem Berg leerer Metall-Bierfässer, einer streckt die Zunge raus. Beim Après-Ski werfen Frauen ihre BHs und Männer die Unterhosen weg. Gruppen posieren in Indianer-Kostümen, andere präsentieren sich lächelnd in T-Shirts mit der Aufschrift „Fotzen – Ischgl – wo“. Und immer ist Alkohol dabei – Bier, Sekt, Schnaps.

Ischgl ist weltbekannt. Im März 2020 war der Ort Hotspot, das Corona-Virus hatte sich von dort ausgebreitet, weil niemand rechtzeitig das Feiern stoppte. Es kam zu tausenden Infektionen, 25 Menschen sollen in deren Folge gestorben sein. Doch schon zuvor hatte der Name der Gemeinde im Paznaun eine klare Bedeutung – Ischgl steht für den „Ballermann der Alpen“. Seit Beginn der 1990er-Jahre wurde der Ort für den Massentourismus getrimmt, zugerichtet wie kaum ein anderer.

Lois Hechenblaikner: Ischgl

Hechenblaikner fotografiert in Farbe. Die realistische Art der Abbildungen verstärkt ihre Wirkung. Für die etwa 200 Fotos in dem Band konnte er aus einem Fundus von 9000 auswählen. In großen Teilen seiner Heimat ist der Künstler, wie man sich denken kann, nicht beliebt. Bestenfalls wird er dort ignoriert. Er zeigt, was ist: die von der Tourismus-Industrie inszenierte kollektive Enthemmung, der sexualisierte Overkill. Die Fotografien sind schnörkellos – und vielleicht gerade deswegen relevante und zugleich erschütternde zeitgeschichtliche Dokumente.

„Beim Après-Ski werfen Frauen ihre BHs und Männer die Unterhosen weg.“

Frauen fassen da Männern in den Schritt, schütten Sekt in die geöffnete Lederhose. Männer mimen Kopulationsbewegungen. Eine Frau steckt einer fleischfarben-nackten Aufblaspuppe eine Flasche in den Anus. Ein Mann klatscht einer jungen Frau auf den Hintern, sie trägt eine an der entsprechenden Stelle von Urin durchnässte Jeans. Viele machen sich gern zum Affen.

„Und immer ist Alkohol dabei – Bier, Sekt, Schnaps.“

Ischgl war einst ein armes Bergbauerndorf. Es liegt auf 1377 Metern Höhe und hat nur 1600 Einwohner. Von diesen waren laut der Volkszählung vor 20 Jahren 1448 katholisch, sechs protestantisch und 14 ohne Bekenntnis. Ohne Corona gibt es 1,4 Millionen Übernachtungen jährlich und einen Umsatz von 250 Millionen Euro.

Lois Hechenblaikner hat auch den Pfarrer fotografiert, wie er die Seilbahnstation des Skigebietes Silvretta-Arena weiht. Und er hat ein Holz-Kruzifix abgelichtet, neben dem eine schäumende Sektflasche steht.

In seinem sehr lesenswerten Nachwort schreibt der Wiener Journalist Stefan Gmünder von einem einflussreichen Ischgler, der einst die Devise ausgegeben haben soll, man solle die Entwicklung des Ski-Tourismus „mit dem Penis denken“. Gmünder berichtet auch vom Versuch in einem Lokal, mit einem brennenden Golfschläger eine Champagner-Flasche zu köpfen. Die Folgen waren ein Feuer und eine schwere Verletzung.

Es ist das Prinzip der hemmungslosen Gewinnmaximierung, das die Urlauber steuert und zur einheitlichen Masse macht. Zu sehen sind Menschen jungen bis mittleren Alters, Mittelschicht und ein bisschen drüber, triebfixiert. Zwischen die Bilder mit all den Pinkelnden, den Bierkisten und den Alkoholleichen im Schnee streut Hechenblaikner immer wieder andere Fotos: weiße Berglandschaften von ganz oben gesehen, unten die Menschen als schwarze Punkte, die Tragpfeiler der Seilbahnen wie im Miniatur-Spielzeugland. Diese Aufnahmen spenden ein wenig Trost inmitten all des Elends. Und sie erinnern an die wirklichen Größenverhältnisse von Berg und Mensch.

Am Ende dann das Bild mit den drei Plastik-Spritzen. Verbraucht liegen sie auf dem Boden, auf ihnen steht: „R(h)hein-Spritzer“. Drin war Himbeerlikör. Der Fotograf zeigt eine schon surreale Trostlosigkeit. Ischgl steht am Pranger, doch es gibt weitere ähnliche Orte. Journalist Gmünder zitiert Hechenblaikner mit der ihm so wichtigen Frage: „Was fehlt euch?“

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