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Petra Schumann präsentiert 1969 den "Swinging Bird" von Heinz Oestergaard.

Berlin Fashion Week

Warum Mode kein deutsches Thema ist

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Heute beginnt die Modewoche in Berlin. Warum interessiert das kaum? Mode gilt als Frauenthema - oder auch verächtlich "Weiberkram".

„Wie sehen Sie denn aus?“ – wer sich in Deutschland modisch etwas traut, fällt zwangsläufig aus der Rolle. Gut beraten scheint, wer sich schlicht und unaufdringlich kleidet, auf der Straße dominiert grauwollener Einheitsbrei. Von der Politik erhält der kreative Zweig der Branche auch wenig Rückenwind, als ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor wird deutsche Mode kaum begriffen. Es fehlt an Verständnis, Förderung, Mut. Kurzum: Mode ist kein deutsches Thema.

„Als Stadt mit der größten internationalen Strahlkraft wird Berlin nur mit Streetwear und nicht mit Designermode in Verbindung gebracht“, sagt Claudia Skoda. „Streetwear gibt es aber auf der ganzen Welt, das ist kein spezifisch deutscher Stil.“

Skoda führt eine Marke unter eigenem Namen, seit fast 50 Jahren macht sie Mode in der Hauptstadt. Ihre Kunden kommen von überall her – nur aus Deutschland kaum. Sie verkaufe eher an Briten, Amerikaner, Asiaten, Australier. Kunden eben, die sich an ihre farbintensiven, extravaganten Strickentwürfe herantrauen. „In den Köpfen der Deutschen ist noch immer der Glaube verankert, dass man es nicht nötig hat, sich auffällig zu kleiden, wenn man ein wirklich guter Mensch ist“, glaubt Modetheoretikerin Diana Weis. „Das macht man nur, wenn man einen schlechten Charakter zu verdecken oder sonst nichts zu bieten hat.“

Mode in die Schmuddelecke

Weis lehrt Modesoziologie und Ästhetik in Berlin und Hamburg, hat ein Buch über Jugendkulturen und ihre Dissertation über plastische Chirurgie geschrieben. Mit ihrer Modevortrags-Reihe „Inventur“ gastiert sie im April im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Regelrecht festgesetzt habe sich speziell in deutschen Köpfen die Idee, dass beides nicht zusammen geht: Interessant sein und gut aussehen.

Laut Weis hat diese fatale Annahme, die Modeinteressierte in die Schmuddelecke und Intellektuelle in den Schlabberpulli drängt, seinen Ursprung im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution erzwang den Übergang der höfischen Kleiderregeln des Rokoko zu einer bürgerlichen Mode, die Kleider und Kosmetik mit moralischen Werten belegte.

„Und die deutschen Dichter und Denker haben das total überhöht“, sagt Weis. „Das macht gerade das Genre des bürgerlichen Trauerspiels deutlich: Da spielen immer die ganz aufrichtigen Menschen eine Rolle, naive Frauenfiguren, die überhaupt nicht eitel und immer ganz schlicht sind. Die bösen, verachtenswerten Frauen hingegen sind geschminkt und parfümiert, die Verführerinnen.“ Auch deswegen haben später manche Ideale des Nationalsozialismus greifen können. „‚Die deutsche Frau schminkt sich nicht‘ – diese Ideen gab es schon im 19. Jahrhundert“, sagt Weis. Schon damals hätten Benimmbücher und Frauenzeitschriften von Auffälligkeiten abgeraten.

Auch wirtschaftlich setzte der Nationalsozialismus einer aufkeimenden deutschen Modebranche ein Ende. Hauptsächlich immigrierte Juden aus Galizien und Russland produzierten Ende des 19. Jahrhunderts Kleider in Berlin und anderen Großstädten: Ohne Bürgerrecht blieb ihnen nur der Verkauf ihrer Handarbeiten von Tür zu Tür. Später entwickelten sich daraus Nähateliers, deren Mode weit über die deutschen Grenzen bekannt wurde – bis die jüdischen Geschäftsleute und Modemacher vor den Nazis flohen, enteignet oder deportiert wurden.

Die Mauer teilt auch die deutsche Modeszene

„Für die Branche und das Modeverständnis in Deutschland spielt heute noch immer eine Rolle, dass die Modeszene, die es vor dem zweiten Weltkrieg durchaus gab, nie wieder auf die Füße gekommen ist“, sagt Weis. Zwar zehrten vom Wirtschaftswunder der 1950er auch Berliner Couturiers wie Uli Richter oder Heinz Oestergaard, die sogar Modenschauen in New York veranstalteten. Dass die Kreativen aber damals im Westen und die Nähereien im Osten saßen, führte später abermals zum Bruch.

Skoda, die Frau mit den bunten Strickentwürfen, kann sich noch genau an den Mauerbau erinnern. Auf einem Ausflug an den Teltowkanal bei Berlin habe sie beobachtet, wie Menschen vom Osten ans westliche Ufer schwammen. Ab 1961 frisst sich die Mauer durch Berlin und seine Szene, die Teilung der Republik macht auch in Restdeutschland eine größere gemeinsame Designszene unmöglich. Ausgerechnet im für die Mode wichtigsten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts: Während in Paris die Prêt-à-porter entsteht, die Kleidung von der Stange, während in London eine neue Avantgarde aufregende Entwürfe produziert, regt sich in der deutschen Modeszene kaum noch was.

Bis Skoda 1973 ihr Label gründet: „Natürlich haben mir viele geraten nach Paris zu gehen, aber das kam mir nicht so frei vor wie Berlin“, sagt sie heute. Legendär wurde ihre ausgebaute Kreuzberger Fabriketage, in der sie arbeitete und lebte, mit Dauergästen wie Martin Kippenberger, Iggy Pop und David Bowie. Skoda winkt bloß ab: „Alle wollen mit mir über David sprechen, dabei habe ich doch selbst auch so viel gemacht“, sagt sie. Einfach war das Mode machen im geteilten Berlin allerdings nicht. „Ich habe hauptsächlich mit Garnen gearbeitet, die es in Berlin gar nicht gab. Und Material aus einer eingezäunten Stadt heraus zu besorgen, war schwierig.“ Dafür konnte sich Skoda ihrer deutschen Kunden noch sicher sein. „Das Reisen war aufwendiger wegen der Grenzen, außerdem gab es längst noch keine Billigflieger“, erzählt sie. „Die Leute sind nicht nach Paris geflogen, um shoppen zu gehen, sondern haben in Berlin eingekauft.“

Abwertung der Mode zum frivolen Frauenthema

Dann kam der Mauerfall, „die Aufbruchsstimmung war sehr spannend, jeden Tag passierte etwas Neues“, so Skoda. Doch haben es abermals die kleinen, instabilen Modeszenen des Ostens und des Westens besonders schwer gehabt: „Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt. Gerade in der Mode sind viele den Bach runtergegangen. Aber es kamen auch einige hinzu.“ Heute sei das Angebot in Berlin unüberschaubar, viele neue Namen gebe es, talentierte und weniger talentierte. „Schwer haben es alle“, so Skoda.

Aufstrebende Modelabels werden in Deutschland eben nicht ernst genommen. Wieder ist die Aufklärung des 18. Jahrhunderts entscheidend: „Da hat das mit der generellen Schmähung der Mode angefangen“, sagt Modetheoretikerin Weis. Mode sei zum frivolen Frauenthema gemacht worden, unwichtig, „Weiberkram“ eben. „Das ist eine regelrechte Abwertung der Mode und eine Abwertung der Frau“, so Weis. Themenfelder für „echte Kerle“, Sport und Autos, haben indes ihren festen Platz in einer bereiten Öffentlichkeit, werden von Wirtschaft und Politik unterstützt. Die deutsche Mode, die einen kulturellen Beitrag und Arbeitsplätze sichern kann, hat keine Lobby.

Politiker fürchten, sich verdächtig zu machen, lächerlich sogar, wenn sie sich für das Thema einsetzen. Gerhard Schröders Vorliebe für Maßanzüge wurde mit dem Spitznamen „Der Kaschmir-Kanzler“ quittiert, Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit für seine Besuche auf Modenschauen und -messen als unseriös belächelt. Doch es tut sich was: Im vergangenen Jahr eröffnete erstmals Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries die Modemesse Premium, auch für diese Woche hat sich die SPD-Politikerin auf der Modewoche angemeldet.

„Heute habe ich im Radio die Frage gehört, warum nicht Frau Merkel mal auf der Fashion Week vorbeikommt, ein Zeichen für die Branche setzt“, so Weis. „Das ist ja nicht so weit vom Kanzleramt, da könnte man mal für eine halbe Stunde rüberfahren.“ Zu Fußballspielen schafft sie es ja bekanntlich auch immer mal.

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