+
Die Gelüste der Isländer nach Walfleisch sind wenig ausgeprägt.

Island

Wale sterben vor allem für Touristen

  • schließen

Viele Touristen reisen nach Island, um Wale zu beobachten. Gleichzeitig ist die Insel eines von drei Ländern, in denen die Tiere getötet werden - offenbar überwiegend für Touristen.

Zwischen Leben und Tod“ stehe sie hier, sagt Maria Gunnarsdottir von Icewhale, dem Dachverband der meisten isländischen Whale-Watching-Anbieter. Linkerhand das Leben – die weißen Boote von Islands ältestem Whale-Watching-Betreiber Elding; rechterhand der Tod – die zwei schwarzen Schiffe der Walfangflotte des einflussreichen Familienunternehmens Hvalur. In zweiter Generation führt der 74-jährige Kristjan Loftssonin das Unternehmen.

Verbandssprecherin Gunnarsdottir ist nicht als einzige unglücklich über den prominenten Hafenparkplatz, an dem die beiden Hvalur-Schiffe liegen. „Aber der Hafenmeister kann ihm nicht einfach kündigen, weil Loftsson hier seinen fast schon historischen Platz hat. Außerdem zahlt er regelmäßig seine Gebühren, warum also intervenieren?“ – natürlich eine rhetorische Frage. Sigursteinn Masson vom International Fund for Animal Welfare (IFAW), der eng mit Icewhale kooperiert, mag die meisten Argumente bringen können, warum Loftsson seinen Parkplatz im Hafen nicht nur räumen, sondern gleich seinen ganzen Betrieb einstellen sollte.

An erster Stelle steht für ihn das Wohl der Tiere: „Warum erlauben wir auf dem Wasser, was wir auf dem Land niemals akzeptieren würden?“, fragt er. Beim Walfang werden die Tiere mit dynamitbestückten Harpunen beschossen. Wenn der Sprengstoff in den Tieren explodiert, führt das nicht immer zum sofortigen Tod. Bis die Tiere verblutet seien, könne der Todeskampf der Wale schon mal 45 Minuten dauern, beklagt Masson, der einzige hauptamtliche Walschutzaktivist der 300.000-Einwohner-Insel.

Hinzu komme, dass die Isländer gar keinen sonderlichen Appetit auf Wal hätten. Das sagen zumindest die Umfragen, die Masson regelmäßig in Auftrag gibt. Gerade mal 1,5 Prozent der befragten Isländer haben im letzten Jahr angegeben, regelmäßig Walfleisch zu essen. Den Bedarf trieben vor allem die Touristen in die Höhe –aus Kuriositätsgründen oder im falschen Glauben, Walfleisch sei die traditionelle Leibspeise der Isländer. Dabei sind Einheimische erst im 20. Jahrhundert zum ersten Mal auf Walfang gegangen, vor allem aus ökonomischen Erwägungen der beteiligten Fischer. Davor war Wal in der isländischen Küche zwar nicht unbekannt, aber selten. Man bediente sich lediglich gestrandeter Kadaver.

Entsprechend wenig ausgeprägt sind daher die Gelüste der Isländer nach Walfleisch. Deshalb versucht Masson auch Touristen davon zu überzeugen, Wale lieber lebendig zu genießen als auf dem Teller. Seine jährliche Kampagne heißt „Meet us, don’t eat us“ – kennenlernen soll man die Wale, nicht essen. Jedes Jahr sensibilisiert er mit freiwilligen Volontären aus aller Welt in der Walfangsaison – zugleich die Hochsaison für das Whale-Watching – Touristen in den Straßen Reykjaviks für sein Anliegen. Auch einheimische Restaurants will er mit ins Boot holen: Sie sollen Wal von der Karte nehmen und einen Sticker in ihre Eingangstüre kleben: „Wir bieten kein Walfleisch an.“

Im Reykjaviker Restaurant Thrir Frakkar hängt kein Sticker. „Das beste Fleisch der Welt – keine Hormone“, sagt Koch Ulfar Eysteinsson. Walfleisch müsse hier schon wegen des Restaurantkonzepts auf der Karte stehen. „Weil wir alles haben, was die Insel Tierisches zu bieten hat.“ Das Walcarpaccio auf der Karte führt preislich vor Papageientaucherbrust die Vorspeisenliste an. Unter den Hauptspeisen ist das Walsteak dagegen günstiger als Lammfilet und Pferdebraten. Für das Walfleisch kämen einige Gäste gezielt ins Thrir Frakkar, „weil wir eines der wenigen Restaurants sind, die noch Walfleisch anbieten“, sagt der Juniorkoch. Er schneidet zwei dünne Scheiben von einem großen Stück tiefroten Walfleischs ab, zieht sie durch eine Schale Pfeffermarinade und brät sie wenige Sekunden von beiden Seiten an.

Der frische Fleischbrocken in Eysteinssons Kühlung ist Zwergwal, gefangen und verkauft von Gunnar Bergmann Jonnson, der zweite noch in See stechende Walfangunternehmer Islands. Er hat sich auf die bis zu zehn Meter langen Meeressäuger spezialisiert. International steht allerdings Kristjan Loftsson stärker in der Kritik: Er ist weltweit der letzte kommerzielle Finnwalfänger. Die zweitgrößten Meeressäuger der Erde stehen – anders als Zwergwale – auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

Viele der Produkte werden nach Japan exportiert

Finnwal gibt es normalerweise auch im Thrir Frakkar, aber Eysteinsson könne von Loftsson derzeit nur „alte Vorräte“ bekommen. Zuletzt sei er 2015 in See gestochen. „Es ist ein schwieriger Markt für Kristjan“, erzählt Eysteinsson über den befreundeten Walfleischlieferanten.

Da sei zunächst der internationale Gegenwind derer, die Finnwale vor dem Aussterben bewahren wollen. Dabei zählten Biologen, so Loftssons Gegenargument, rund 40.000 Exemplare in den nordatlantischen Gewässern. Der Bestand vor Island sei damit vergleichsweise sicher. Die Quote von 154 Finnwalen, die ihm Islands Regierung zum jährlichen Fang freigibt, taste deren Bestand nicht an – auch nicht, wenn er mal einen mehr als erlaubt erlege, wie in seiner letzten aktiven Walfangsaison 2015.

Seine Vorräte von damals verkauft er hauptsächlich nach Japan – neben Norwegen das dritte Land, in dem kommerzieller Walfang trotz eines 1986 beschlossenen internationalen Abkommens noch betrieben wird. Obwohl auch die Japaner keine Jagd mehr auf die bedrohten Meeressäuger machen, nehmen sie die Finnwalprodukte aus Island noch entgegen – wie zuletzt im August, als Loftsson zum ersten Mal mit altem Finnwalfleisch nach Japan schipperte.

Mit Blick auf den Bedarf im eigenen Land haben selbst Restaurants wie das Thrir Frakkar Verständnis dafür, dass Loftsson schon ein zweites Mal in Folge kein Frischfleisch liefern konnte: „Über das Jahr bräuchten wir vielleicht einen Finnwal für unsere Gäste“, sagt Eysteinsson, der derweil mit dem frischen Zwergwalfleisch von Gunnar Bergmann Jonsson vorlieb nimmt.
Innerhalb von Island ist dessen Walfang das größere Problem, genauer gesagt in Reykjavik. Denn die Faxafloi-Bucht vor Islands Hauptstadt ist das Gebiet, auf das die Regierung den Walfang beschränkt hat. Zugleich stechen hier täglich dutzende Whale-Watching-Boote in See, denen Jonssons Walfang-Crew die Tour zu vermasseln droht.

Sigurstein Masson klärt Touristen auch darüber auf, dass sie beim Whale Watching auch Zeugen einer Walfangszene werden könnten: „Das allein schon zu wissen, geht jedem Walfan nahe.“ Er bittet Touristen dann um eine Unterschrift für seine Petition: Die Faxafloi-Bucht soll ein Walschutzgebiet werden. Dann würde das Gebiet für Jonsson zur Sperrzone – „und der Walfang endlich beendet“, sagt Masson. Allerdings: „Zumindest dann, wenn Loftsson nicht wieder rausfährt, denn der fängt sehr viel weiter draußen. Aber selbst die Fischereiministerin hat erkannt, dass der Walfang ein Problem für Island ist.“

Bei der am Wochenende anstehenden Parlamentswahl in Island macht Masson deshalb auch das Kreuz bei der liberalen Partei von Ministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir. Er hofft, dass die von der Regierung bis einschließlich 2018 ausgestellten Walfangquoten nicht neu ausgehandelt, sondern eingestellt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion