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Waldbaden? Oder lieber Holz machen?

Wald(schadens)bericht

Vor lauter Bäumen …

  • vonJörg Kallmeyer
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… sehen manche nicht, dass der Wald für alle da ist. Als Erholungsort und Wirtschaftsfläche. Und auch wenn sich nicht alle grün sind, die ihn nutzen: Es ist höchste Zeit, den Wald zum Gesellschaftsprojekt zu erklären.

Manche können einfach nicht genug davon bekommen. Vom Blätterrauschen im Sommerwind, vom Rascheln des Herbstlaubes unter den Füßen, vom Knacken der Bäume bei Frost. Und vom Frühjahrsgrün natürlich, das in diesem Jahr so gut getan hat wie schon lange nicht mehr.

Süchtig nach Wald? Es gibt Schlimmeres in diesem Corona-Jahr, das die Menschen in Scharen ins Grüne getrieben hat. Die Natur ist schließlich der einzige Raum, der von Beschränkungen verschont geblieben ist. Keine Masken weit und breit, keine Abstandsregeln.

Viele Deutsche haben den Wald als Rückzugsraum schätzen gelernt, als in den Städten nicht mehr viel ging. Wo sonst auch sollte Distanz besser möglich sein? Immerhin ist Deutschland zu gut einem Drittel mit Wald bedeckt, das ist eine Fläche von mehr als 100 000 Quadratkilometern – Tendenz (neuerdings wieder): wachsend.

Die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz

Gut die Hälfte des deutschen Waldes wird unter staatlicher Regie bewirtschaftet, die andere Hälfte ist in Privatbesitz. In der Regel aber sind dies keine Einzelpersonen, sondern Genossenschaften, Stiftungen oder Kirchen. Den Übergang zwischen einem Staatsforst und einem Genossenschaftswald wird kein Wanderer bemerken – Privatwald muss in Deutschland in der Regel frei zugänglich sein. Anders als etwa in den USA gilt in Deutschland das freie Betretungsrecht: Besucher dürfen zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Wald gehen, die Wege nutzen und auch querfeldein stöbern. Besondere Regeln gelten nur in Naturschutzgebieten oder in den Nationalparks.

Der Wald sollte also genug Platz für Menschen bieten, die in der Natur auftanken wollen. Und doch kann ein Tag im Forst einen Stresstest der besonderen Art bieten – gesellschaftliche Konflikte sind längst auch dort angekommen, wo sich eigentlich Fuchs und Hase gute Nacht sagen sollen.

Auf beliebten Routen tobt seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen Wanderern und Mountainbikern. Seit der Elektroantrieb auch bei sportlichen Fahrrädern immer beliebter wird, begegnen sich Biker und Wanderer an Stellen, die früher den besonders Fitten vorbehalten waren. Das Ergebnis ist die Sperrung von ganzen Wegstrecken etwa im Allgäu, das in diesem Corona-Sommer von Besuchern buchstäblich überrannt wurde.

Tierschützer und Jäger im Clinch

Tierschützer und Jäger liegen ebenfalls seit einiger Zeit im Clinch, das gegenseitige Verständnis wird zunehmend schwächer, die Aggressivität wächst. Jäger loben hohe Belohnungen aus, um Tätern auf die Spur zu kommen, die Hochsitze ansägen und damit schwere Unfälle verursachen können. Naturfreunde dagegen ärgern sich, dass die „Heger“ jeden Abend mit dem SUV durch den Wald walzen und bis knapp unter den Hochsitz fahren. Viele Hundefreunde bringen auf der anderen Seite die Jäger zur Verzweiflung. Die Hunde werden – man ist ja im Wald – gern von der Leine gelassen und jagen Rehe bis in den Tod. Höfliche Bitten, so beklagen Förster und Jäger, finden bei den Hundebesitzern immer seltener Gehör.

Vor allem jene Menschen, denen der Wald schon lange vertraut ist oder die von der Forstwirtschaft leben, blicken zunehmend irritiert auf die Freizeitwelle, die da an schönen Sonnentagen auf sie zurollt. Sie finden es schön, dass das Sachbuch eines früheren Forstwirts monatelang die Bestsellerlisten anführt. Aber muss man wirklich darüber philosophieren, ob Bäume in einer geheimen Sprache miteinander kommunizieren?

Jede Urlaubsregion, die eine größere Anzahl von Bäumen aufzuweisen hat, wirbt inzwischen mit unwiderstehlichen Walderlebnissen, und jeder Kurort, der etwas auf sich hält, hat inzwischen ein Angebot zum Waldbaden im Wochenprogramm.

Waldbaden? Der Trend kommt aus Japan und verspricht eine heilende Wirkung des Waldes. Dass dieser den Menschen guttut, ist unbestritten. Aber helfen Buchen und Birken wirklich auch bei Krankheiten? Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich erforschen inzwischen das Phänomen. Annette Bernjus, Deutschlands prominenteste Waldbademeisterin, gibt in ihrem Anleitungsbuch.

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