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Schleswig-Holstein: Das deutsche Bild und dessen politische Wirklichkeit

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Von: Peter Rutkowski

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Das Bild von Schleswig-Holstein ist durchsetzt von Klischees: Unendliche See, Ewiger Himmel und Dünen und Strand. Aber ist das alles Wissenswerte über Schleswig-Holstein?

Kiel – Das Frankfurter Kabarett-Genie Matthias Beltz brachte es dereinst auf den norddeutschen Punkt, obwohl er gar nicht von Schleswig-Holstein schrieb: Die Hessen hätten „keinen direkten Zugang zum Meer, zu den Alpen und zum Ausland und daher auch keinen Kontakt zur Freiheit“. Böse sei der deutsche Humor, gut und wahr.

Wahr ist nämlich einerseits, dass Beltz’ Definition des hessischen Wesens auch auf eine ganze Reihe anderer deutscher Völkchen aufs Gemeinste zutrifft (Hallo, Thüringen!). Und andererseits ist es wahr, dass die gemeinen Binnen-Deutschen nicht erst gestern einen Sehnsuchtsort für ihren Drang nach Freiheit fanden: das Meer. Wofür es einen Zugang zu selbigem braucht. Beltz. Genie halt.

Klischees ohne Ende bestimmen das Bild von Schleswig-Holstein.
Klischees ohne Ende bestimmen das Bild von Schleswig-Holstein. © S. Ziese/imago

Schleswig-Holstein: Ein Bundesland, scheinbar am Reißbrett entworfen

Der Zugang ist Schleswig-Holstein, das scheinbar am Reißbrett entworfene Bundesland für maximalen Freiheitsdrang. Weil Zugang zu gleich zwei Meeren: Nordsee und Ostsee. Und mittenmang prangen noch Hamburg und Bremen/Bremerhaven als Sehnsuchtsorte zum Ein- und Ausschiffen: Joseph Conrad, B. Traven und so weiter, Freiheit satt also im Norden. Tor zur Welt.

Ewiger Himmel, unendliche See, massig Möwen über Watt, Wasser, Dünen und Strand, stille Störche auf Reetdächern, Backstein, Halligen, Inseln, Flens, Klarer...: Klischees ohne Ende und ohne, dass man ihrer müde wird. Aber ist das alles Wissenswerte über Schleswig-Holstein?

Die Landtagswahl in Schleswig-Holstein live

Am 08. Mai findet die Landtagswahl in Schleswig-Holstein statt. Alle aktuellen Hochrechnungen im News-Ticker.

Schleswig-Holstein: Die frühe NSDAP-Hochburg war Standort zahlreicher Konzentrationslager

Entstanden aus zwei Herzogtümern des Mittelalters, dem eher dänischen Schleswig und dem eher deutschen Holstein, verleibt Bismarck beide mittels Dänisch-deutschem Krieg 1864 dem Königreich Preußen als Provinz ein. Was tut man nicht alles für die deutsche Einigung? Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt das dann auch so. Nur 1920 wird durch handfestes Einwirken der siegreichen Alliierten eine seit 43 Jahren anhängige Volksabstimmung durchgesetzt, bei der sich die Menschen in Schleswig zwischen dänisch und deutsch sein entscheiden dürfen. Der Norden wird dänisch, der Süden deutsch. Danach beginnen sich lange braune Schatten durchs flache Land zu ziehen. Die sich auch nie recht verziehen werden.

Die frühe NSDAP-Hochburg Schleswig-Holstein wird Standort zahlreicher Konzentrationslager. Und als die Briten zwecks Demobilisierung deutscher Truppen der letzten „Reichsregierung“ Mürwik als Herrschaftsbereich belassen, setzen sich dorthin zig Nazis ab, die dann ohne viel Federlesens von 1946 an in den politischen Strukturen des neuen Landes Schleswig-Holstein unterkommen – und über Jahrzehnte die Landespolitik mitbestimmten. Von 1950 bis 1987 regiert die CDU. Unter tätiger Komplizenschaft der reaktionären Vertriebenenverbände.

Schleswig-Holstein
Fläche:15.763 km²
Bevölkerung2,897 Millionen (2019)
Hauptstadt:Kiel
Weitere StädteLübeck, Flensburg, Neumünster
Wahlberechtigte bei der Landtagswahl 20222,317 Millionen

Schleswig-Holstein: 2017 „rettet“ Daniel Günther das grundkonservative Land

Es muss erst das Flüchtlingskind Uwe Barschel kommen und seinem SPD-Konkurrenten Björn Engholm im Landtagswahlkampf 1987 – mutmaßlich – allerlei unterstellen (Steuerhinterziehung, Aids, „rot-grünes Chaos“…), damit das grundschwarze Schleswig-Holstein mal Farbe bekennt. Der „Spiegel“ enthüllt zig CDU-Schweinereien, Barschel gibt medienwirksam sein „Ehrenwort“, dass er unschuldig sei, tritt schließlich zurück und wird dann in einer Genfer Hotelbadewanne tot aufgefunden.

Bundes-SPD-Hoffnungsträger und Ministerpräsident Engholm flunkert dann im Barschel-Untersuchungsausschuss – voilà, Mitte der 90er Jahre reicht das für das schmähliche Ende einer Politkarriere. Immerhin folgt die erste Ministerpräsidentin der Bundesrepublik, Heide Simonis von der SPD. Die scheitert dann aber krachend bei ihrer Wiederwahl an einer Abgeordnetenstimme - dem „Heide-Mörder“. Die SPD kann das. Es folgt ihr der farblose CDU-Agraringenieur Peter Harry Carstensen, Mitglied einer schlagenden „Höhlenmenschen“-Verbindung der Uni Kiel – echt jetzt! Fünf Jahre später installiert der mindestens so farblose Thorsten Albig von der SPD endlich das lang erwartete „rot-grüne Chaos“, gestützt von der dänischen Landtagsminderheit. Chaos bleibt aus, die Landesregierung macht ihren Job. 2017 „rettet“ Daniel Günther das grundkonservative Schleswig-Holstein dann vor dem „rot-grünen“ Chaos – auch wenn das Land bei der Europawahl 2019 mehrheitlich grün stimmt. Halt ein Sehnsuchtsort. (Peter Rutkowski)

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