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„Gutes zu tun ist ein gutes Geschäft“, sagt die Chefin.

Beatriz Fernández

Waffeln, Crêpes – und das Gesetz der Liebe

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Beatriz Fernández gründete vor fast 40 Jahren die kolumbianische Restaurantkette „Crepes & Waffles“. Von den 6100 Angestellten sind 90 Prozent Frauen – die meisten Alleinerziehende.

Lorena Amparo, die ihren echten Namen nicht öffentlich lesen möchte, lebt mit ihren beiden Kindern in einem Vorort von Medellín. Ihr einstöckiges Haus sieht schon von außen schmucker aus als die Nachbarhäuser in dem bescheidenen Viertel. Amparo bedient seit etwa 15 Jahren in einem „Crepes & Waffles“-Restaurant. Als sie anfing, hatte die Mutter von zwei Kindern einen Mann, aber der hatte keine Arbeit.

Längst sind die beiden getrennt. Wohnzimmermöbel und moderne Elektrogeräte belegen, dass die 50-Jährige seit Jahren ein sicheres Einkommen hat, was in Kolumbien durchaus eine Seltenheit ist. Das Haus ist aufgeräumt und fast schon penibel sauber. „Wenn du eine Mutter ausbildest, bildest du eine ganze Familie“, sagt es & Waffles“-Firmengründerin Beatriz Fernández dazu.

Zum Geburtstag, Mittagsimbiss mit den Kollegen, vor dem Kino oder sonntags zum Familienessen – wer in Kolumbien in einer Stadt wohnt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit schon einmal in einem Lokal von „Crepes & Waffles“ gegessen.

Filialen gibt es in größeren Einkaufszentren und an strategisch günstigen Orten – und sie sind nie leer. Die Speisen sind gemüselastiger als bei den meisten kolumbianischen Ketten und verbinden einheimische Zutaten mit internationaler Küche. Was den meisten Gästen noch spontan einfällt: Das sind doch die mit den alleinerziehenden Müttern!

Ihren Stil bezeichnet Fernández als „emotionale Führung mit künstlerischem Schwerpunkt“.

Daran ist Gründerin Fernández schuld. Als sie 1980 mit ihrem späteren Mann Eduardo Macía das erste Lokal in der Hauptstadt Bogotá eröffnete, arbeitete sie Seite an Seite mit den Angestellten. „So lernte ich eine Seite dieses Landes kennen, die ich vorher nicht aus der Nähe kannte“, sagt Fernández. Und das waren die Folgen des jahrzehntelangen Kriegs zwischen Staat, Farc-Guerilla und anderen Rebellen, paramilitärischen Gruppen und Drogenbanden sowie eines tiefen Sexismus.

Ihre Mitarbeiterinnen, alles Frauen, hatten eine Familie zu ernähren, waren alleinerziehend, oft mit Kindern von mehreren Männern. Sie waren vor dem bewaffneten Konflikt vom Land in die Stadt geflohen. Dort erlebten sie weiter Gewalt. Manche wurden im Bus auf dem Weg zur Arbeit vergewaltigt. Wurden sie krank, warteten sie Wochen auf einen Arzttermin.

Fernández und ihr Partner beschlossen zu helfen. Über die Jahre hinweg wuchs ein Angebot für ihre Angestellten, das in Kolumbien immer noch ungewöhnlich ist. Die Förderung reicht von der Privatkrankenversicherung und zinslosen Krediten für Bildung, Gesundheit, Hilfe in Notsituationen und beim Wohnungsbau bis hin zu Schulungen im Umgang mit Geld – und sogar Kunstkursen. Ein logischer Schritt für Fernández, die Poesie, schreiben, tanzen, singen und komponieren liebt und glaubt, dass in jedem Menschen eine künstlerische Seite steckt.

Wenn sie über ihre Firma spricht, verwendet die zierliche Frau Wörter, die auf Deutsch ungewohnt blumig klingen. Die Firmenstrategie lautet: das Gesetz der Liebe anwenden. Viele hätten das als romantische Liebe missverstanden. „Liebe ist für mich aber die Fähigkeit, das Potenzial zu entwickeln, das wir in uns tragen“, sagt Beatriz Fernández. Wobei sich herausgestellt hat: „Gutes zu tun ist ein gutes Geschäft“. Denn „Crepes & Waffles“ ist inzwischen die erfolgreichste Restaurantkette des Landes.

Crepes & Waffles

Die Restaurantkette ist heute ein Unternehmen mit 6100 Mitarbeitern und 133 Filialen in Kolumbien – davon 93 Restaurants und 40 Eisdielen – sowie 600 Beschäftigten in 26 Filialen in Mexiko, Ecuador, Chile, Panama und Spanien. „Crepes & Waffles“ war im Gastronomie-Sektor im Jahr 2017 die erfolgreichste Unternehmensgruppe Kolumbiens mit einem Umsatz von umgerechnet 141 Millionen Euro. Sie gehört bis heute der Familie: den seit 2014 geschiedenen Eltern Beatriz Fernández und Eduardo Macía und ihren drei Kindern Paola, Natalia und Felipe, die alle dort arbeiten. Im Gastronomie-Sektor ist „Crepes & Waffles“ auch das Unternehmen mit dem zufriedensten Personal, lautete das Ergebnis der Studie „Merco Talento“ aus 2019. Männer werden bei Stellenausschreibungen nicht ausgeschlossen, trotzdem sind 90 Prozent des Personals Frauen, 75 Prozent Alleinerziehende. 

Fernández selbst wuchs in privilegierten Verhältnissen mit drei Geschwistern in Bogotá auf. Ihr Vater war Importeur von ausländischen Spirituosen und Lebensmitteln. So probierten schon die Kinder daheim Exotisches wie dänischen Lachs, Pistazien aus dem Iran und französischen Käse, was für die meisten Kolumbianer unerreichbar war. Beim Auslandsstudium lernten Fernández und ihr späterer Mann Crêpes und Waffeln kennen und eröffneten später als Studienprojekt im Fach Betriebswirtschaft einen Laden für das damals in Kolumbien noch unbekannte Gebäck.

Die Arbeitsteilung war von Anfang an klar. Während sich ihr Mann um das Geschäftliche und Strategische kümmert, ist Fernández bis heute das Gesicht der Firma und die Kreative, die jedes Gericht in ihrer Küche komponiert. Wenn man unter dem Begriff Unternehmerin jemanden verstehe, der eine strenge Struktur habe, dann sei sie das nicht, sagt sie.

Ihren Führungsstil bezeichnet Fernández als „emotionale Führung mit künstlerischem Schwerpunkt“. Als nach ihrer Scheidung das Gerücht aufkam, dass die Familie die Firma verkaufen würde, veröffentlichte sie ein Musikvideo. Im Refrain rappte sie: „Sie machen die Nachrichten, schaffen die Nachrichten, sie lügen die Lügen und verkaufen uns.“ Die Reaktionen waren durchwachsen, aber es ging sofort viral.

„Crepes & Waffles“ zahlt nach eigenen Angaben fünf Prozent mehr als den gesetzlichen kolumbianischen Mindestlohn von umgerechnet knapp 240 Euro im Monat. Hinzu kommen Trinkgeld und Überstunden. Servicekraft Amparo ist in der Regel 60 Stunden pro Woche im Restaurant: Also die kolumbianische gesetzliche Arbeitszeit von 48 Stunden mit einem freien Tag – plus freiwillig zwölf bezahlte Überstunden.

Während der Arbeit bekommt sie Mittagessen, mit Trinkgeldanteil und einem Sonntagszuschlag komme sie auf einen Monatslohn von 486 Euro. „Die Arbeit ist hart, aber sie bringt gutes Geld“, sagt Amparo. Sie hat nach der achten Klasse die Schule abgebrochen, weil sie Geld verdienen musste. Kaum eine ihrer Kolleginnen habe einen Schulabschluss. Die meisten würden unter diesen Voraussetzungen weniger verdienen.

Amparo sagt aber auch: „Wir haben Geld, aber keine Zeit. Wir verlieren Sozialleben.“ Auf ihre Kinder passten früher Verwandte auf. Sie sah sie selten. Teilzeitmodelle gibt es bei „Crepes & Waffles“ nicht und sind laut Fernández kaum nachgefragt, weil die Frauen auf das Geld angewiesen sind.

Mit den Angeboten für die Mitarbeiterinnen sei das Unternehmen in Kolumbien Vorreiter gewesen, als noch niemand von sozialer Verantwortung sprach, sagt Nathalia Franco vom Interdisziplinären Zentrum für Entwicklungsstudien an der Universidad de los Andes in Bogotá. Beim Thema Nachhaltigkeit hätten kleine und jüngere Unternehmen wie Wok und Mini-Mal „Crepes & Waffles“ aber überholt.

Diese hätten von Anfang an versucht, ihre Gäste zu verantwortungsvollen Konsumenten zu erziehen. Sie informierten sie zum Beispiel über die Geschichten ihres Personals, darüber, woher sie ihre Produkte bezogen, wie sie damit nachhaltige Fischerei unterstützten und weshalb daher manche Fische nicht auf dem Teller landeten.

Das sei sehr wichtig, denn den Konsumenten sei in Kolumbien immer noch die Qualität und vor allem der Preis wichtig – und kaum, ob ein Unternehmen sozial oder nachhaltig für die Umwelt arbeite. Bei „Crepes & Waffles“ wurde Nachhaltigkeit erst 2012 groß, als Sohn Felipe Macía als Direktor für Nachhaltigkeit ins Familienunternehmen einstieg. Er baute ein direktes Einkaufsmodell auf, bei dem das Unternehmen Kleinbauernfamilien auf dem Land bei biologischer Landwirtschaft unterstützt.

Das tut es in Gegenden, die unter den Folgen des Kriegs gelitten haben, wo der Wald abgeholzt wurde und Flächen wieder nutzbar gemacht, illegale Anbauflächen für Drogen durch Alternativen ersetzt werden müssen. Durch solche Maßnahmen versucht das Unternehmen seiner sozialen Verantwortung stärker gerecht zu werden. Es geht also nicht mehr nur um das Personal, sondern um das große Ganze.

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