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Jesus' Beschneidung

Die Vorhaut des Erlösers

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Das Abschneiden der Vorhaut eines Babys mag ein barbarischer Akt sein. Doch die Gedanken, die sich die Menschheit darüber machte, sind immer wieder nicht weniger verrückt gewesen. Das zeigt die Geschichte von den Vorhäuten Christi und den Ringen des Saturn.

Wer mag, kann sich einen Henkelbecher kaufen, auf dem Bellinis Bild von der Beschneidung Christi zu sehen ist. Das kostbare Stück kostet 11,99 Euro. Es wird ihn täglich daran erinnern, dass der erste und der einzig wahre Christ beschnitten war.

In der theologischen Tradition spielte die Beschneidung des Jesusknaben eine wichtige Rolle. Erstens belegte sie, dass Jesus ein Mensch wie alle anderen war. Zweitens zeigte sie, dass er, obwohl er keine Schuld hatte, sich dennoch dem Gesetz unterwarf, und drittens war die Beschneidung das erste Opfer dieses Haupts voll Blut und Wunden.

Christus ist gen Himmel gefahren

Die Kirche beging lange den achten Tag nach Weihnachten, an dem heute in der römisch-katholischen Kirche das Hochfest der Gottesmutter Maria gefeiert wird, als den Tag der Beschneidung des Herrn. So kann man zum Beispiel auch Luthers Predigten für diesen Tag im Kirchenjahr nachlesen. Es sind Überlegungen, bei denen der Übergang vom realen Eingriff zum symbolischen, der Übergang von der Beschneidung zur Taufe, natürlich eine zentrale Rolle einnimmt. Seltener wird der Weg zurück, der vom Symbolischen zum Realen beschrieben. Und doch scheint die Praxis des Glaubens immer wieder genau darauf angewiesen zu sein. Auch bei der Beschneidung.

Christus ist gen Himmel gefahren. Leibhaftig. Also mit seinem ganzen Leib. Mit zwei Ausnahmen: die Nabelschnur und die Vorhaut. Sie blieben auf der Erde zurück. Sie waren Relikte und wurden zu Reliquien. Zu Gegenständen gläubiger Verehrung.

Interessanterweise erregte die Vorhaut deutlich mehr Interesse und genoss größere Verehrung als die Nabelschnur. Man kann das schon daran sehen, dass es mehr Vorhaut-Reliquien gibt oder gab als Nabelschnur-Reliquien. Berühmt ist die Geschichte der Heiligen Katharina von Siena. Während einer Ekstase soll ihr Jesus als Vermählungsring seine Vorhaut geschenkt haben. Dieser Ring, den angeblich nur Katharina selbst hatte sehen können, ziert noch immer den Fingerknochen der Heiligen, der zusammen mit ihrem Kopf in S. Domenico zu Siena verehrt wird.

1983 die letzte Vorhaut-Prozession

Die große Zeit der christlichen Vorhaut-Verehrung scheint freilich vorbei. Wer heute eine Vorhaut-Prozession besuchen möchte, wird enttäuscht sein zu hören, dass er zu spät kommt. Die letzte fand 1983 – das ist kein Druckfehler – statt. Das war in Calcata, einem winzigen Dorf auf einem Hügel in der Provinz Latium. Dorthin war das Reliquiar mit der Vorhaut Christi beim Sacco di Roma im Mai 1527 von einem deutschen Landsknecht verschleppt worden.

Dort wurde es 30 Jahre später aufgefunden und erkannt. Ab1584 gab es dann einen Ablass für eine Pilgerfahrt zur Heiligen Vorhaut. Bis, wie gesagt, 1983. In diesem Jahr verschwand die Vorhaut. Der Künstler Giancarlo Croce hatte zuvor ein Foto von ihr gemacht, das er eine Weile als Postkarte vertrieb.

Vor ein paar Jahren versuchte ein amerikanischer Journalist, die Geschichte der vorgeblichen Vorhaut und die ihres Verschwindens zu erhellen. Es ist ihm nicht gelungen. Die Vorhaut von Calcata soll ja jene Vorhaut sein, die einst ein Engel Karl dem Großen überreichte. Da scheint es nur natürlich, dass sie jetzt auf ebenso übernatürliche Weise wieder verschwindet.

Mittelalterliche Fälschungen!

Aber was ist mit der Antwerpener Vorhaut Christi? Sie war lange Zeit der Stolz der reichen Bürgerstadt, bis sie dann 1566 im Bildersturm der Reformation verschwand. Anfang 2012 behauptete ein Antwerpener Journalist, er habe sie in der Toskana wiedergefunden. Schwuppdiwupp stand die Frage der Repatriierung im Raum. Noch schwebt das Verfahren.

Was aber ist aus den Vorhäuten Christi in Besancon, Boulogne, Compiegne, Conques, Fécamp, Langres, Le Puy, Coulombs, Metz, Nancy, Paris, Charroux geworden? Was aus denen in Santiago di Compostella und Hildesheim? Auf keine Kuhhaut ging die Vorhaut Christi. Eine Windel des Herrn soll übrigens noch immer im Aachener Dom liegen.

Alles mittelalterliche Fälschungen!, ruft der aufgeklärte Zeitgenosse. Er sei aber daran erinnert, dass der Bischof von Poitiers 1856 – das Jahr, in dem Flaubert seine „Madame Bovary „ veröffentlichte – nach zweijähriger Prüfung die dort aufbewahrte Vorhaut für echt ansah und eine Lotterie ins Leben rief, um eine standesgemäße Kapelle für das Prachtstück bauen lassen zu können. Schon die mittelalterliche Reliquienbegeisterung war ja ein Geschäftsmodell gewesen.

Warum sollte es im angeblich positivistischen 19. Jahrhundert anders gewesen sein? Als allerdings die Geschäfte nachließen, weil sich eine immer größere Öffentlichkeit die Bäuche hielt vor Lachen über die gläubige Verehrung der Vorhaut, da überdachte der Vatikan seine Geschäftspolitik und ordnete im Februar 1900 erst einmal Schweigen an über das jüdische Relikt des Begründers des Christentums.

Dem Zeitgeist auf den Leim gehen

Der eine oder andere Leser erliegt möglicherweise dem Irrglauben, ich machte mich lustig. Mitnichten. Ich lache. Das stimmt, aber ich weiß natürlich, dass niemand von uns gefeit ist davor, sich lächerlich zu machen. Darin unterscheiden sich Gläubige und Ungläubige nicht. Auf uns Ungläubige warten allerdings keine Höllenstrafen, wenn wir dem einen oder dem anderen Zeitgeist auf den Leim gehen. Außerdem, wenn es denn einen Gott gäbe, ist die Vorstellung ganz abwegig, dass er sich selbst vielleicht lustig machen könnte über seine auserwählten Völkchen?

Da ist zum Beispiel der Saturn. So heißt der, was seine Größe angeht, in unserem Sonnensystem nur noch vom Jupiter übertroffene Planet. Er hat die Masse von 95 Erden. Damit schafft er allerdings nur 30 Prozent der Jupitermasse. Von ihm aber reden wir jetzt erst einmal nicht. Wir erinnern an Saturno. Wir kennen ihn von Don Camillo.

Es ist der runde Hut mit der sehr breiten Krempe, hinter dem Fernandel sich so gut zu verstecken versteht, wenn er das Gefühl hat, der Herr Jesus wird jetzt ein wenig streng mit ihm. Saturno heißt dieser Hut, so wird uns erklärt, weil die Krempe wie ein riesiger Ring um den Hut zu kreisen scheint.

Liebhaber der Vorhaut Christi aber erinnern sich an den aus Griechenland stammenden vatikanischen Theologen und Buchliebhaber Leo Allatius (1586-1669). Als im August 1622 die Kurpfalz von Truppen der katholischen Liga unter Tilly erobert wurde, schnappte sich der Vatikan die berühmte Heidelberger Bibliotheca Pallatina. Ab Dezember organisierte Leo Allatius den Abtransport von mehr als 3?500 Handschriften und 12 000 Drucken. Sie wurden auf zweihundert Maultieren über die Alpen geschafft. 1661 wurde Allatius dann Chef der von ihm so wunderbar bereicherten Vatikan-Bibliothek.

Ein Friedensbruch

Allatius übersetzte Bücher jener byzantinischen Theologen, die den Papst als obersten Bischof anerkannten. Das war sein Beitrag zu der von ihm sehr befürworteten Ökumene der christlichen Kirchen von West und Ost. So wie er sich ohne Probleme dem Primat des Papstes hatte unterwerfen können, ohne das Gefühl zu haben, dadurch den Glauben, in dem er aufgewachsen war, verraten zu müssen, so konnten das seines Erachtens auch die anderen Christen oströmischer Observanz tun. Im Jahr 1648, im Jahr also des Westfälischen Friedens, veröffentlichte Allatius „Drei Bücher über den fortdauernden Konsens der westlichen und der östlichen Kirche“. Ein Friedensbuch.

Was aber hat er mit dem Saturn zu tun? Warum denken wir, wenn vom Don-Camillo-Hut die Rede ist, an ihn? Allatius war ein vernünftiger Mann. Er hielt alle Reliquien der Heiligen Vorhaut Christi für Fälschungen. Er schrieb das in seinem Buch „De Praeputio Domini Nostri Jesu Christi Diatriba“.

Er vertrat darin die Auffassung, da Jesus Christus leibhaftig und in toto gen Himmel gefahren sei, habe er seine Vorhaut nicht auf Erden zurückgelassen, sondern sie mitgenommen. Vernunft und Glaube verbinden sich in der katholischen Tradition, erklärt Papst Benedikt gerne. Allatius ist ein gutes Beispiel dafür. Ein vernünftiger Mann, der den lächerlichen Diskussionen um die wahre Vorhaut ein Ende macht, in dem er sie dem Streit der Parteien entzieht.

Nicht ganz. 1610 hatte Galileo Galilei einen Blick durch ein Fernglas mit vierzigfacher Vergrößerung riskiert und dabei etwas gesehen, das vorher noch niemand gesehen hatte: die Ringe des Saturn. Er missinterpretierte sie noch als Henkel. 1655 schrieb der holländische Astronom Christian Huygens dagegen: „Der Saturn ist von einem dünnen, flachen Ring umgeben, der ihn nirgends berührt und der zur Ekliptik geneigt ist.“

Das kam der Wahrheit, wie wir sie heute sehen, fotografieren und filmen, sehr nahe. Leo Allatius mischte sich in die Debatte der Astronomen über die eigenartigen Ringe um den Planeten Saturn mit einem höchst eigenwilligen Vorschlag ein. Was da den Planetenkörper umkreiste, das war, so die Überlegung des Chefs der Bibliothek des Vatikans, die von Jesus mit in den Himmel getragene, gewaltig, ja kosmisch vergrößerte Vorhaut.

Der Himmelskörper war noch einmal ein göttlicher geworden. Weiter sollte es das Praeputium Christi in der Theologie, der Philosophie unseres vernünftigen, christlichen Abendlandes nicht mehr bringen. Leo Allatius hatte die Vorhaut Christi zum Höhepunkt getrieben.

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