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Vorgeführt für Klicks?

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Von: Thomas Roser

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Das Video über den 
Betroffenen 22-Jährigen wurde auf der App „TikTok“ hochgeladen.
Das Video über den Betroffenen 22-Jährigen wurde auf der App „TikTok“ hochgeladen. © dpa/(Symbolbild)

Ein junger Bosnier begeht Suizid, nachdem sich im Netz Tausende über sein Bewerbungsgespräch an einer Tankstelle lustig gemacht haben

Er suchte Arbeit – und erntete Häme: Der Suizid eines 22-jährigen Bosniers, der die im Web wogende Schadenfreude über seine Erniedrigung bei der Jobsuche nicht ertragen konnte, hat auf dem Balkan die Debatte über die verrohten Sitten im Internet neu entfacht. „Wie lange werden wir noch die Opfer von Webgewalt zählen?“, fragt die Zeitung „Euro Blic“ in Banja Luka.

„Du warst zu schwach für diese grobe Welt, ruhe in Frieden“, lautete die Aufschrift auf dem Kranz, den seine Freundinnen und Freunde bei der Beerdigung von Mladen D. am Sonntag auf dessen weißen Sarg legten. „Die sozialen Medien sind zum Mittel geworden, sich auf Kosten anderer Menschen auszuleben und sie zu zerstören“, konstatiert bitter der Psychologe Aleksandar Milic in Banja Luka.

Gefilmt und hochgeladen

Mladen D. wollte seinen Eltern nicht auf der Tasche liegen. Weil er Arbeit suchte, hatte er sich vergangene Woche bei einer nahen Tankstelle in seinem Heimatort Laktasi nach einem Job erkundigt. Zwei Angestellte nahmen seine Anfrage zum Anlass, sich über ihn lustig zu machen. Sie nötigten ihn zum Ausfüllen eines „Bewerbungsformulars“, filmten ihr Gespräch mit ihm – und stellten es via Tiktok ins Web.

Der Jobbewerber solle aufschreiben, ob er männlich oder weiblich sei, für die Nachtarbeit eine Decke benötige oder Cevapcici mit einem oder zwei Fladen esse, lauteten einige der Scherzfragen der vermeintlichen Arbeitgeber. Während sich Mladen D. mit dem Aufschreiben seiner Antworten abmühte, grinste sein Gesprächspartner in die Kamera – und konnte das Lachen kaum unterdrücken.

Der vermeintlich harmlose Schabernack wurde zum tödlichen Ernst, als die Aufnahmen am vergangenen Donnerstag ins Web gelangten. Der junge Arbeitssuchende wurde zum Gespött von Leuten, die ihn nicht einmal kannten. Unter den schadenfrohen, mittlerweile gelöschten Kommentaren im Netz seien bosnischer Medien zufolge auch etliche gewesen, die Mladen D. dazu aufgefordert haben sollen, „sich umzubringen“. Irgendwann wurde es dem jungen Mann zu viel: „Ich halte das nicht mehr aus“, soll Mladen D. einem Nachbarn gesagt haben, bevor er sich am Freitag in einem Schuppen hinter seinem Elternhaus erhängte.

Mladen sei ein fröhlicher Junge gewesen, der „nie einer Fliege etwas zuleide getan hat“, berichtete ein bestürzter Nachbar in den lokalen Medien: „Er liebte die Menschen, hat niemals jemanden beleidigt. Dies hätte nie passieren dürfen.“

Der Tankstellenbetreiber hat die beiden vorübergehend verhafteten Angestellten mittlerweile entlassen. Heimische Politiker:innen haben eilig strengere Gesetze gegen Hass und Mobbing in den Sozialen Medien angekündigt.

Ist das ein Straftatbestand?

Doch mehr als eine Anklage wegen des illegalen Verbreitens von Aufnahmen ohne Zustimmung des Betroffenen haben die beiden Angestellten bei der derzeitigen Rechtslage kaum zu befürchten. Denn der – strafbare – Tatbestand der Anstiftung zum Suizid ist ihnen kaum nachzuweisen.

Digitale Gewalt und deren katastrophale Folgen vor allem für Heranwachsende und Jugendliche seien vom Gesetzgeber oft nicht ausreichend definiert, so die Belgrader Psychologin Ivana Perunicic Mladenovic: Hass und Mobbing im Netz werde zudem kaum angezeigt und sei schwer zu beweisen. Ein Teil der Problemlösung könnte es sein, Schulprogramme zu entwickeln, „die den Kindern zu einer größeren Toleranz und Empathie verhelfen, damit sie im Stande sind, die Folgen ihrer Worte und ihres Verhaltens für andere zu erkennen“.

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