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Vorbild Honecker

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Von: Sandra Danicke

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Erich Honecker
Erich Honecker © ap

Die Modewelt entdeckt die Spießer-Brillen.

Hätte man vor dreißig Jahren gedacht, dass Eduard Zimmermann ("XY ungelöst") mal als Stilikone herhalten würde? Und hätte man Erich Honecker und Henry Kissinger jemals zugetraut, dass sie das Zeug zum Trendscout haben? Eher nicht. Aus heutiger Sicht muss man jedoch sagen: Modisch hatten sie die Nase ganz weit vorne. Ihre klobigen Hornbrillen werden heute von Stilikonen wie Chloë Sevigny, Marc Jacobs oder Tommy Hilfigers Tochter Ally mit einer Selbstverständlichkeit getragen, die zunächst erstaunen mag. Schließlich galt die Hornbrille jahrzehntelang als spießiges Nerd-Accessoire. Hornbrillen trugen nur Looser, die abends mit ihrem Physikbaukasten ins Bett gingen, bedauernswerte Geschöpfe, die sich nur das Kassengestell leisten konnten - oder aber deutsche Politiker. Seit den 50er Jahren schien die Hornbrille eine Art geheimes Zugehörigkeitssymbol der Bonner Republik zu sein: Ob Gustav Heinemann, Hans-Jürgen Wischnewski, Herbert Wehner oder Hans-Jochen Vogel - sie alle unterstrichen mit der Hornbrille ihre Seriösität. Seit den 80er Jahren hat jedoch auch im Bundestag das grazilere Metallgestell oder die randlose Lesevariante die Vorherrschaft übernommen.

In Musiker- oder Künstlerkreisen gab es jedoch zu allen Zeiten kreative Sonderlinge, die die Hornbrille zu ihrem Markenzeichen erkoren. Allen voran Buddy Holly. Später kamen Nana Mouskouri, Woody Allen und der medienscheue Modezar Yves Saint Laurent dazu.

Noch später war Johnny Depp der Erste, der die klobig-dunkle Brille in Schauspielerkreisen salonfähig machte, und Pulp-Sänger Jarvis Cocker reüssierte damit in der Brit-Pop-Szene. In Mode- und Designerzirkeln ist die dunkle Hornbrille, die mittlerweile nicht mehr wie anfangs aus Hirsch- oder Rinderhorn, sondern aus leichterem Kunststoff hergestellt wird, schon länger zum Dauerbrenner avanciert. Führende Produkt- und Industriedesigner wie Konstantin Grcic, Karim Rashid oder Clemens Weisshaar tragen jene schwarz umrandeten Brillengläser, mit denen mittlerweile auch Fielmann in seinen Auslagen wirbt, schon seit Jahren.

Das Modemacherduo Viktor & Rolf kennt man nicht anders als im Hornbrillen-Partnerlook, Alessandro Sartori, Kreativchef von Ermenegildo Zegna, kommt stets mit markant gerahmter Augenpartie, und US-Designer Michael Kors ließ gar seine sämtlichen Models die komplette Frühjahr/Sommer-Kollektion mit den wuchtigen Spießer-Brillen präsentieren.

In Hollywood jedoch wird sich der Trend voraussichtlich nie ganz durchsetzen können. Allein schon deshalb, weil man als Hornbrillenträger auf all die schicken Sonnenbrillen verzichten muss und man sich Hornbrillen auch nur schlecht in die Frisur klemmen kann.

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