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„Seewolf“ Raimund Harmstorf (l.) mit Edward Meeks.
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„Seewolf“ Raimund Harmstorf (l.) mit Edward Meeks.

Vor 50 Jahren: „Der Seewolf“ im TV

Von harten Kerlen und rohen Kartoffeln

  • VonAndreas Sieler
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Der Abenteuerstreifen zum Advent: Vor 50 Jahren lief erstmals „Der Seewolf“ mit Raimund Harmstorf und Edward Meeks im deutschen Fernsehen.

Wer sich noch an die Zeit erinnern kann, als selbst TV-Wiederholungen noch Familienereignisse waren, ist dem „Seewolf“ wohl Ende der Achtzigerjahre im Fernsehen begegnet. Die älteren Semester erinnern sich vielleicht sogar an das Original in der Adventszeit 1971. Vor 50 Jahren also – am 5. Dezember 1971 – präsentierte das ZDF seinem Publikum, das auf dem Wohnzimmersofa in der ersten Reihe Platz nehmen durfte, die Romanverfilmung von Jack Londons „Der Seewolf“. Der Ausflug auf die Weltmeere bis runter in die Südsee bescherte dem Sender in der kalten Weihnachtszeit Topquoten – und den Familien in den Wohnzimmern mit dem noch seltenen und entsprechend gewöhnungsbedürftigen Format des Adventsvierteilers gleich mehrere gemeinsame Abende vor ihren Röhrengeräten.

Jack Londons Roman bediente ursprünglich die Abenteuerlust und das Fernweh der Leserschaft im frühen 20. Jahrhundert. Mit seiner Verfilmung bleibt Produzent Walter Ulbrich, liebevoll auch Vater der Adventsvierteiler genannt, überwiegend nah an der Vorlage: Der schiffbrüchige Schriftsteller Humphrey van Weyden (gespielt von Edward Meeks) wird vom Robbenschoner „Ghost“ an Bord genommen und von dessen mit roher Gewalt herrschenden Kapitän Wolf Larsen (Raimund Harmstorf) zum Schiffsjungen degradiert. Raubein Larsen hat jedoch auch eine intellektuelle und belesene Seite – das Verhältnis der beiden bewegt sich zwischen Hass und Faszination für den jeweils anderen. Ihre Rivalität wird durch das Hinzukommen der ebenfalls schiffbrüchigen Dichterin Maud Brewster, um deren Gunst sich beide bemühen, verschärft. Später flieht van Weyden mit Maud Brewster in einem Beiboot auf eine unbewohnte Insel, auf der infolge einer Meuterei bald auch Larsen strandet. Am Ende weichen Roman und Buch stark voneinander ab, beide enden aber mit Larsens Tod.

Doch nicht nur beim Ende nimmt es Ulbrich (Regie führte übrigens Wolfgang Staudte) mit Londons Vorlage nicht so genau: So lässt er Maud Brewster auf der Flucht sterben, während sie in Jack Londons Roman überleben darf. Zudem hat Ulbrich sich für Nebenstränge bei weiteren literarischen Vorlagen Londons bedient und eine Jugendbekanntschaft der Hauptprotagonisten in die Handlung eingestrickt, die im Roman nicht vorkommt. Die im Buch bedeutsame Rolle von Larsens Bruder findet hingegen keinen Eingang in die Verfilmung.

Davon abgesehen liegt ein Grund für den Erfolg des Films womöglich in der trotz dieser Abweichungen gegebenen Werktreue Ulbrichs, ermöglicht durch das damals eben noch seltene Mehrteilerformat mit rund sechs Stunden Spieldauer. Und obwohl der Film, auch für einen 70er-Jahre-Streifen, so seine Längen hat, kam er bei den Kritiker:innen seinerzeit gut weg.

Einer der Hauptgründe für den Erfolg liegt aber wohl in der Besetzung. So waren für die Hauptdarsteller Edward Meeks (heute 87) und insbesondere Raimund Harmstorf (1939-1998) ihre Rollen jeweils ein bedeutender Schritt in ihrer Vita. Und unvergessen bleiben vielen Zuschauer:innen auch Londons legendäre Dialoge: „Von jetzt ab übernimmst du den Posten.“ – „Ich will auf ihrem Höllenschiff nicht auch noch Steuermann sein.“ Auch Larsens Antwort auf die Frage, warum er im Leben nichts Großes vollbracht habe, wo er doch die ganze Welt unterwerfen könne: „Hump, mein Fehler war, dass ich je ein Buch angefasst habe.“ Wobei jenes Zitat – verglichen mit der Romanvorlage – leicht aus dem Zusammenhang genommen wird. Und dann ist da natürlich noch die Sache mit der Kartoffel. Roh soll sie gewesen sein, als der Übermensch Larsen sie mit bloßer Hand zerquetscht. Die (!) Szene des Films.

Gelang es mit dem recht billigen Trick des vorgekochten Gemüses wohl nur in wenigen Fällen, die Zuschauerinnen und Zuschauer wirklich hinters Licht zu führen, so waren einige Szenen vor 50 Jahren Filmtricks geschuldet, die nicht nur schwerer zu durchschauen waren, sondern dem Mainzer Sender reichlich Post in den Briefkasten spülten. Wie der „Spiegel“ in seiner ersten Ausgabe 1972 berichtete, sorgte sich das TV-Publikum in jenen Briefen offenbar darum, ob die Fähre „Martinez“, wie im Film zu sehen, wirklich versenkt wurde und die dabei von Bord gespülten Pferde qualvoll sterben mussten – die Antworten, selbstverständlich: weder noch.

Manchen jedoch, die im „Seewolf“ mitgespielt haben, wollten Drama und Tragik fortan nicht mehr so recht von der Seite weichen: An Raimund Harmstorf blieb durch seine Rolle das Image des starken Mannes hängen. „Ich bin kein harter Mann, wenn ich auch so aussehe“, soll er Berichten zufolge bei den Dreharbeiten gesagt haben. Die ganz großen Rollen blieben für ihn aus. Mitte der 90er wurde bei dem Hauptdarsteller Parkinson diagnostiziert, womöglich aufgrund der Medikamente rutschte er in eine Depression. „Seine größte Angst war, dass es jemand bemerken würde. Denn der Seewolf durfte kein Parkinson haben. Der musste mit einer Hand eine rohe Kartoffel zerdrücken können“, erzählte seine Lebensgefährtin Gudrun Staeb später im „SZ-Magazin“.

Kurz nach einem „Bild“-Bericht über Harmstorfs Behandlung in der Psychiatrie, in dem vieles laut Staeb „einfach gelogen“ war, nahm sich Harmstorf das Leben. So haftet an den (Kindheits-)Erinnerungen an einen großen Film auch die Erinnerung an das traurige Schicksal von Raimund Harmstorf.

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