Beim aufsehenerregenden Prozess: der Sturm der Kouachi-Brüder auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“.
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Beim aufsehenerregenden Prozess: der Sturm der Kouachi-Brüder auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“.

Charlie-Hebdo-Prozess

Attentat auf Satiremagazin „Charlie Hebdo“ - der Prozessauftakt: Vom Tod gezeichnet

  • Stefan Brändle
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Das Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ wird vor einem Pariser Gericht verhandelt. Frankreichs Comic-Legende François Boucq begleitet den Prozess als Gerichtszeichner. FR-Autor Stefan Brändle hat ihn getroffen.

Paris - Geschichten erzählen, das kann François Boucq: Der aus Lille stammende Nordfranzose ist einer der bekanntesten und innovativsten Comic-Zeichner seines Landes. Soeben ist sein neustes, 150-seitiges Opus „New York Cannibals“ erschienen.

Derzeit hat Boucq aber eine andere Story auf dem Zeichenbrett. Seit Anfang September sitzt er im Saal 2.02 des Pariser Justizgebäudes. Mit einer großen Mappe auf seinen Beinen verfolgt er den Prozess um den Anschlag auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion 2015 in Paris. Sein flinker Blick macht die Runde, kein Detail entgeht ihm. Von ihm selbst nimmt dagegen kaum jemand Notiz, obwohl er an einem zentralen Ort sitzt – direkt unterhalb des Richters, nur zwei Meter vom Zeugenstand entfernt.

Aus nächster Nähe verfolgt Boucq die Protagonisten. Da ist Laurent Sourrisseau, Chefredaktor von „Charlie Hebdo“, der dem Gericht erzählt, wie er an jenem 7. Januar 2015 den Anschlag durch zwei schwarz vermummte Killer mit einem Schulterschuss überlebte. Oder Zarie Sibony, damals Kassiererin im jüdischen Supermarkt, die von der mörderischen Geiselnahme im „HyperCacher“ zwei Tage später berichtet. Den größten Eindruck auf Boucq hinterlässt, wie er sagt, Michel Catalano. Der Unternehmer schildert vor Gericht sehr bewegt, wie am 9. Januar zwei Dschihadisten in seine Druckerei östlich von Paris stürmten, wie er seinen jungen Angestellten verdeckte und sich damit selber dem schwer bewaffneten Brüderpaar Kouachi auslieferte, bevor diese von der Polizei „neutralisiert“ wurden, wie es im Fachjargon heißt.

„Boucq“, als der er im Comic-Land Frankreich nur bekannt ist, erzählt die schrecklichen Geschichten auf seine Art weiter – mit halb maskierten Gesichtern, Gesten, Szenen. Da im Gerichtssaal nicht fotografiert werden darf, hält er diese Momente mit Chinatusche, Bleistift und Aquarellfarbe fest. Zwei andere Zeichner, die für andere Medien arbeiten, sitzen in seiner Nähe.

Boucqs Skizzen haben noch einen weiteren Sinn, oder genauer, eine Kontinuität: Sie setzen – wohlgemerkt ohne jede Provokation – jene Mohammed-Karikaturen fort, mit denen alles begonnen hatte. Die Gerichtszeichnungen erscheinen am nächsten Tag in „Charlies Online“ - und im Wochenmagazin. Sie werden vom Text eines Journalisten begleitet, doch, wie bei „Charlie“ üblich, zählen nur die Zeichnungen. So geht es seit 14 Jahren, als das Magazin mit der frechen Lippe und dem postpubertären Look erstmals den Propheten auf die Schippe nahm.

François Boucq.

Und wie jetzt im Fall der Gerichtsskizzen. Boucq zeichnet halbe Gesichter hinter Masken, Augen voller Tränen, Blicke voller Verachtung. „Die Anti-Covid-Masken schränken die Ausdrucksmöglichkeiten ein, aber nicht den Ausdruck selber“, sagt Boucq. Er malt Szenen eines Prozesses, der so explosiv ist, dass er fünf Jahre auf eine illusorische Entschärfung warten musste. Ein Prozess, der eigentlich unmöglich ist: Die drei Haupttäter sind alle tot und auf muslimischen Friedhöfen namenlos begraben. Die zweimonatige Gerichtsverhandlung wird zwar in ein Urteil gegen die 14 Komplizen münden, aber keine gesellschafts-, religions- oder sonst wie politischen Lösungen des „Karikatur-Problems“ anbieten.

Boucq zeichnet trotzdem. Oder erst recht. Er wolle mithelfen, dass Frankreich über ein nationales Trauma hinwegkomme, sinniert er auf einer Pausenbank vor seinem gegenwärtigen Arbeitsplatz, dem Saal 2.02.

Fühlt er sich als Chronist eines historischen Prozesses? Nein, so sieht sich der 64-jährige Franzose nicht. „Ich bin eher ein Interpret, ich gebe meine subjektiven Empfindungen wieder“, erzählt er während einer Sitzungspause. Strebt er wenigstens eine Objektivität in der Sache an, so wie die drei Richter in seinem Rücken? „Nein, ich mache das Gegenteil. Für mich gibt es keine Objektivität, es gibt nur eine Illusion der Wahrheit, Fiktionen, Geschichten.“

Boucqs Blick ruht nie, auch seine Zeichenhand ist stets in Wartestellung, bis sie mit einem Mal über das breite Papier huscht. Sie komprimiert stundenlange Aussagen von Zeugen, Angeklagten und Polizisten in einer einzigen Skizze. Eine Verdichtungsarbeit. „Im Unterschied zur Fotografie, die einen Augenblick abbildet, erlaubt eine Zeichnung eine Synthese ganzer Abläufe, sie fasst Empfindungen zusammen, hält lange Aussagen in einem einzige Gesichtsausdruck fest“, sagt der 64-Jährige.

Während der Verhandlungspausen bleibt Boucq oft auf seinem diskreten Beobachtungsplatz im Schatten des hohen Richterpodiums. „Diese Zwischenmomente sind manchmal interessanter als die Verhandlung selbst. Sie dienen dazu, die aufgestaute Spannung abzubauen. Es kommt vor, dass sich die Angeklagten oder einzelne Anwälte gegenseitig beschimpfen. Wenn sie nicht durch Glasscheiben getrennt wären, würden sie wohl handgreiflich.“

Die Spannung steigt seit dem Prozessbeginn am 2. September – das Urteil soll Mitte November fallen. Wochenlang schildern zahllose Zeugen die Anschläge. Das „Blup blup“ der Kalaschnikows, das Blut, den Horror. Erstmals zeigt die Polizei Sequenzen der Überwachungskameras – vom Massaker in der Charlie-Redaktion bis zur Geiselnahme im „HyperCacher“. Ebenso eiskalt und brutal die Exekution des verletzten, bereits am Boden liegenden Polizisten Ahmed Merabet. Boucqs Zeichnungen geben ihm nicht das Leben, aber das Menschliche zurück, das ihm die Killer genommen hatten.

Nun, in der zweiten Prozessphase, rücken die Angeklagten in den Vordergrund. Da die Attentäter tot sind, sitzen in den beiden Plexiglas-Zellen „nur“ ihre Helfershelfer, jeder mit einem vermummten Elitesoldaten im Rücken. Die 14 Kriminellen – alle vorbestraft – leisteten laut der Anklageschrift logistische Hilfe, beschafften Autos und Tatwaffen. Die juristische Kernfrage des Prozesses lautet: Wussten sie auch um die Terrorabsicht? Das wäre ein erschwerender Umstand, der lebenslängliche Haft zur Folge haben kann.

Im Saal: Porträt des getöteten Polizisten Ahmed Merabet.

Die Angeklagten behaupten, wenig verwunderlich, sie hätten von den Terrorplänen nicht die leiseste Ahnung gehabt. Boucq lächelt. Er zeichnet die Ex-Frauen der Kouachis, die mit der Hand auf der Brust schwören, sie hätten von den Mordplänen ihrer Gatten bis am Vorabend nichts gewusst, nichts mitgekriegt. Boucq nennt das „eine Art Poesie der Lüge“ und zeichnet Gesichter, die nicht die Wahrheit sagen. Der Journalist Yannick Haenel, der Boucqs Zeichnungen in „Charlie Hebdo“ mit Texten versieht, sieht darin eine Form von „Taqiyya“ – Verstellung – die die Islamisten in allen Lebenslagen praktizieren.

An diesem Dienstag spricht ein Polizeiermittler im Zeugenstand von den Beziehungen der Angeklagten zu den Terroristen. Amar R., 39, zum Beispiel, ließ dem Geiselnehmer Amedy Coulibaly Geld zukommen, damit dieser die Attacke auf den „HyperCacher“ verüben konnte. Der Ermittler hat gezählt: R. tauschte mit dem Killer von vier jüdischen Geiseln über die Vormonate insgesamt 650 SMS aus. Eine Anwältin springt auf, sagt, das wolle nichts heißen. Und überhaupt habe ihr Klient an den drei Tagen der Attentate kein einziges Mal mehr mit Coulibaly kommuniziert. „Na und?“ sagt Boucq nun trocken.

Ein anderer Angeklagter, Pastor A., 35, Drogenhändler mit Hafterfahrung, steht vor Gericht, weil er den Dschihadisten Tatwaffen beschafft hatte. Seine DNA wurde auf Handschuhen gefunden, die Coulibaly bei sich trug. Aber wusste A. auch, wozu die Handschuhe verwendet wurden? Er verneint, sagt, er sei nicht sehr religiös, er habe mit seinem früheren Haftkumpel Coulibaly nur ungern Dschihad-Videos aus Syrien angeschaut.

Boucq glaubt ihm kein Wort. Er drückt das auch in seinen Zeichnungen aus, in denen die Angeklagten den Gaunern seiner Comic-Alben ähneln. „Ich bin nicht zu einer unparteiischen Haltung gezwungen“, meint er. Boucq hat bei dem Massaker in der Charlie-Redaktion auch persönliche Freunde verloren, etwa den Karikaturisten Cabu, der einzelne der umstrittenen Mohammed-Karikaturen zeichnete. Er hatte Boucq in den Monaten vor dem Attentat mehrmals gefragt, ob Boucq nicht regelmäßig für Charlie zeichnen wolle. „Ich war nicht dagegen, aber irgendwie verzögerte sich alles“, erinnert er sich. „Denn Cabu, dieser Kobold aus einer anderen Zeitrechnung, hatte keine Mail-Adresse und antwortete kaum je am Telefon.“ Sonst wäre Boucq vielleicht auch bei der blutigen Redaktionssitzung jenes 7. Januar 2015 anwesend gewesen.

Was er von den Mohammed-Karikaturen hält? Der Comic-Zeichner antwortet prinzipiell: Die Meinungsfreiheit ist sakrosankt. Sie ist für ihn so selbstverständlich wie der Sauerstoff zum Atmen. Inklusive dem Recht zur Blasphemie. „Wir sind die Hofnarren der Republik. Die haben das Recht, alles zu sagen, sich über alle lustig zu machen. Früher über den König, heute über den Präsidenten oder wen oder was auch immer.“ Denn Satire sei in Frankreich ein politisches Ventil: „Sie ist das notwendige Korrektiv eines autoritären, pompösen und bisweilen lächerlichen Staates.“ Oder schlichter gesagt: Satire sei Freiheit. Und auf deren Beeinträchtigung reagiert Boucq wie alle Franzosen: allergisch.

Die Frage sei also anders gestellt: Endet die Freiheit nicht dort, wo sie Millionen von Muslimen, und zwar auch die gemäßigten, vor den Kopf stößt und in ihrem – nicht einmal religiösen – Gefühl verletzt? „Jeder Mann und jede Frau hat das Recht, diese Karikaturen nicht zu mögen und dies auch kundzutun – auf gewaltlose Weise“, sagt Boucq. „Niemand ist gezwungen, ,Charlie Hebdo‘ zu lesen.“

Trotzdem: Ein Teil der Linken hält „Charlie Hebdo“ für islamfeindlich. Nicht nur für respektlos und antiklerikal, sondern auch für streitsuchend, und sich aggressiv auf den Islam einschießend. Auf den Einwand hin verschwindet der Schalk aus Boucqs Augenwinkeln. Er holt aus: „Wir sprechen hier von Terrorismus. Gerade in Deutschland weiß man doch, wie es ist, wenn die Bevölkerungsmehrheit allzu lange die Vorzeichen missachtet. Viele Leute sagten nichts, so lange sie durch die Nazis nicht direkt betroffen waren. Heute ist es das Gleiche: Die Gewalt geht wieder von ein paar Lumpenkerlen aus – denn die meisten Islamisten sind Kriminelle, wie die Nazis. Wenn wir sie walten lassen, wird die Gewalt auch die schweigende Mehrheit erreichen. Und damit auch jene wohlmeinenden Linken, die die Augen vor der Gefahr verschließen. Wenn Charlie aufgeben muss, ist es ihnen egal. Aber was, wenn als nächstes der ,Canard Enchaîné‘ (Anm. d. Red.: ein satirisches Wochenblatt) verschwindet, dann die Zeitung ,Le Monde’?“

Nach einer Atempause fügt Boucq an: „Jetzt wissen Sie, warum ich bereit bin, für Charlie zu zeichnen.“ Dann erhebt er sich, er muss zu einer weiteren Verabredung. Als er sich verabschiedet hat, folgt ihm diskret ein Schatten. Sein Leibwächter. Man weiß als Zeichner ja nie, heutzutage. (Von Stefan Brändle)

Zur Person:

Der Comiczeichner François Boucq wurde 1955 in Lille geboren. .Für „Charlie Hebdo“ begleitet er den Prozess in Paris. Eine tägliche Chronik des Prozesses (in französischer Sprache) wird online veröffentlicht, auch mit Zeichnungen Boucqs: charliehebdo.fr/2020/10/proces-attentats

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