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Findige Heiratsvermittler haben eine Marktlücke entdeckt: In Serbien  fehlen die Frauen und im Norden Albaniens sind Väter froh, ihre Töchter unter der Haube zu wissen.
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Findige Heiratsvermittler haben eine Marktlücke entdeckt: In Serbien fehlen die Frauen und im Norden Albaniens sind Väter froh, ihre Töchter unter der Haube zu wissen.

Serbien

Völkerverbindende Balz

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Bauern zwischen Belgrad und Valjevo verzweifeln – keine Frau will in die öde Gegend ziehen. Ausgerechnet junge Albanerinnen retten die Serben vor dem Aussterben.

Wer als erster den Mut hatte, ist nicht ganz klar, wahrscheinlich aber Rado? oder Branko Tanaskovic. Beide waren schon lange auf Brautschau, aber keine mochte auf den Bauernhof in der öden Gegend zwischen Belgrad und Valjevo heiraten. Als sie schon fast verzweifelt hatten, gingen Rado? und Branko dann auf das Angebot eines findigen Heiratsvermittlers ein und trafen sich mit – Albanerinnen. Inzwischen sind beide glücklich verheiratet, das erste Kind kommt im September in die Schule.

Während etwa serbisch-kroatische Ehen in Jugoslawien immer häufig waren, galten Verbindungen zwischen Serben und Albanerinnen oder umgekehrt schon lange vor dem Kosovo-Krieg in beiden Nationen geradezu als widernatürliche Unzucht. Im serbischen Dorf- und Kleinstadttratsch sind Albaner eine Art Neandertaler. Noch vor hundert Jahren hat ein Belgrader Intellektueller noch allen Ernstes die Behauptung aufgestellt, die Albaner hätten im Zuge der Evolution erst vor zwei Generationen ihre Schwänze verloren. Umgekehrt ist der Serbe im albanischen Bewusstsein meistens der „dushman“, der geborene Feind.

Trotzdem machte das Beispiel der Brüder aus Dru?etic rasch Schule; kaum eine ländliche Gemeinde in der ?umadija, dem zentralserbischen Waldland, ohne mindestens ein Dutzend albanische Bräute. Zu voller Zufriedenheit auf Seiten der männlichen Familie: Die Mädel sind „anstellig“, „wertvoll“, „ergeben“, „fleißig“, lassen sich Schwiegermütter in serbischen Reportagen hören. Sogar das Prädikat „intelligent“ fiel schon.

Hintergrund der völkerverbindenden Balz ist ausgerechnet, was nationalistische Politiker im Lande als „die weiße Pest“ beklagen: Das drohende Aussterben der Serben, von denen jährlich 14,2 von Tausend sterben, aber nur 9,3 geboren werden. Besonders schlimm ist auf dem Land. Die serbischen Mädchen wollen alle in die Stadt. Am nächsten liegt für vermehrungsfreudige junge Serben da, sich unter den Töchtern der Ukraine oder Russlands umzuschauen, orthodoxer Bruderländer, mit denen auch die Verständigung leicht fällt.

„Aber das hat nicht geklappt“, zitiert eine Zeitung den alten Hausvater Petar Pucarevic aus dem Dorf Vodena poljana. „Die waren so modern angezogen, Miniröcke, lackierte Nägel, so doll geschminkt.“ Nur eine Ehe mit einer Ukrainerin kam zustande, aber auch die ging bald in die Brüche.

Über die Zufriedenheit der nach Serbien verheirateten Albanerinnen ist weniger bekannt. Schon aus sprachlichen Gründen: Anila Prendi etwa, 27, kann sich mit ihrem Predrag im Bergarbeiterdorf Davidovica nur mit Wörterbuch und der Hilfe einer serbischen Flüchtlingsfamilie unterhalten, die hier lebt. Die meisten Bräute kommen aus dem Norden Albaniens, vor allem aus den Bergen östlich von Shkodra, einer armen, rückständigen Gegend mit extrem patriarchalischen Bräuchen, wo Töchter wegen der Aussteuer noch als Belastung gelten. Immerhin ist man in der Bergen oft katholisch und nicht muslimisch, wie sonst in Albanien und im Kosovo – was die Eheschließung stark begünstigt. Die Konfessionsgrenze zu den orthodoxen Serben wird kaum bemerkt. „Die passen sich nahtlos an“, sagt der zufriedene Dorfälteste von Budjevo an der Grenze zu Montenegro.

Die Vermittlung einer jungen Albanerin kostet die Familie des Bräutigams etwa 2000 Euro – was angesichts der Arbeits- und Fortpflanzungsleistung nicht viel ist, aber das Misstrauen albanischer Organisationen weckt, die gegen Menschenhandel kämpfen. Die Leiterin des Vereins Vatra weiß von wenigstens einem Fall, in dem ein junges Mädchen gegen ihren Willen nach Serbien verkauft wurde. Bei einem Treffen hat die serbische Polizei versprochen, auf Verdachtsfälle zu achten. Die Grenze allerdings, gaben die Ermittler zu bedenken, „ist schwer zu ziehen“.

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