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Im Biosphärenreservat Menorca gibt es satte grüne Landschaften – und die Menorquiner wünschen sich nichts mehr, als dass das so bleibt.

Menorca

Vier Euro für eine gesunde Insel

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In Deutschland gibt es Kurtaxe, in Europas Metropolen Citytax – doch über nichts regen sich Reisende so sehr auf wie über die Touristensteuer auf den Balearen. FR-Autorin Nicole Schmidt hat sich auf Menorca angesehen, wofür das Geld verwendet wird.

Der Tramuntana-Wind bläst heute mächtig im Nordosten Menorcas. Gelassen lenkt David Vincent sein Schlauchboot durch die silbern glänzende Lagune von Es Grau. Eine stille Schönheit, umgeben von zerklüfteten, karstigen Felsen, Dünen und Feuchtgebieten. Im offenen Meer, gegenüber einem uralten, halb verfallenen Wachtturm, macht der Menorquiner in der Nähe eines Bootes halt und hält eine blaue Tonne mit Vergrößerungsglas statt Boden ins Wasser, schaut hinein, schwenkt damit herum. „Alles in Ordnung. Keine Kette und kein Anker stören hier die Posidoniawiesen“, sagt er zu Ricard Barras, einem Ozeanographen.

Beide arbeiten im Auftrag der Balearenregierung. Vincent wacht als Kontrolleur darüber, dass Boote nicht dort ankern, wo es verboten ist. Barras ist an einem Projekt beteiligt, das Daten sammelt über das Neptungras, wie die Posidonia auch genannt wird. Das Ziel ist ein kompletter Unterwasseratlas, eine App für Ankerplätze und Broschüren für Gäste. Denn viele denken immer noch: „Was ist das denn für ekliges stinkendes Zeugs, warum räumt das keiner weg?“ Dabei ist die Salzwasserpflanze überaus wertvoll: Ohne Posidonia gäbe es auch keinen Strand mehr, kein Azurblau, viel weniger Fische.

Die Wiesen und Riffe filtern das Wasser, produzieren Sauerstoff, die abgeworfenen Reste am Ufer schwächen die Wellen ab. „Leider sind die Bestände auch bei uns auf den Balearen schon zurückgegangen. Sie wachsen so unendlich langsam“, sagt Barras. „Deshalb müssen wir sie noch strenger schützen. Ohne die Touristensteuer könnten wir das nicht verwirklichen.“ Seit Juli 2016 bittet die Balearenregierung dafür ausländische Touristinnen und Touristen zur Kasse. „Ecotasa“, also Ökotaxe, wird diese Steuer kurz genannt.

Herrliche wilde Strände gibt es im Norden Menorcas viele – aber auch dort ist die Welt nicht mehr so ganz in Ordnung.

Ob auf Ibiza, Mallorca, Formentera oder eben Menorca: Wer älter als 16 Jahre alt ist, muss zahlen. Dabei schwankt die Höhe der Abgabe stark, je nach Saison und Unterkunft. Während in Luxushotels in der Hauptsaison mittlerweile vier Euro extra pro Übernachtung fällig werden, sind es für Wanderhütten 1 Euro, für Kreuzfahrtpassagiere 2 Euro pro Tag. In der Nebensaison wird jeweils nur ein Viertel berechnet – alles zuzüglich zehn Prozent Mehrwertsteuer. Mehr als 340 Millionen Euro haben die Balearen bisher so eingenommen, 220 Projekte damit angestoßen oder bereits verwirklicht. Eine stolze Summe. Und die Einnahmen, daran lässt die Linksregierung keinen Zweifel, sollen auch in der Saison 2020 weiter fließen.

Unumstritten ist die Ecotasta allerdings nicht. „Wird Malle zur Teuer-Falle?“, titelte die „Bild“ in ihrer gewohnten Sprache. Und auch die Hoteliers der Inseln wetterten unermüdlich gegen die Steuer. Touristinnen und Touristen könnten in andere Mittelmeerländer ausweichen, fürchten sie. Schon einmal hatten die Hoteliers mit ihrem Protest Erfolg, beim ersten Anlauf der Touristensteuer 2002. Die wurde von der neu gewählten konservativen Balearenregierung ein Jahr später wieder abgeschafft. Seit dem zweiten Anlauf allerdings sitzt das linke Regierungsbündnis fest im Sattel. Und der Hotelverband scheiterte vor dem Obersten Gerichtshof der Balearen, der ihre Klage Ende Januar abwies. Die Touristensteuer sei rechtmäßig, hieß es.

Und so abschreckend kann sie offenbar nicht sein: Während laut einer offiziellen Statistik 2015 noch 10,5 Millionen ausländische Gäste die Balearen besuchten, waren es im Rekordjahr 2018, als Mallorca im Juli und August unter den Touristenströmen schier zusammenbrach, 13,8 Millionen – obwohl die Regierung noch einmal nachgelegt und die Steuer in der Hauptsaison verdoppelt hatte. Auch für das vergangene Jahr wird nur mit leichten Rückgängen gerechnet – auch wenn die Branche vor dem Sommer wieder Alarm geschlagen hatte, die Urlauberinnen und Urlauber blieben aus.

Ohnehin gibt es eine solche Touristensteuer nicht nur auf den Balearen. Kurtaxe in ähnlichem Umfang sind auch in vielen deutschen Ferienregionen üblich, ebenso die Citytax in Städten wie Berlin oder Frankfurt. Die italienische Lagunenstadt Venedig, die im Jahr 30 Millionen Touristinnen und Touristen verkraften muss, will ab Mitte 2020 sogar von Tagesbesucherinnen und -besuchern bis zu zehn Euro abkassieren. Und Amsterdam, wo Gäste zuvor schon sieben Prozent auf den Zimmerpreis zahlen mussten, verlangt seit Januar noch mal drei Euro pro Person und Nacht zusätzlich. Auch Österreich, die Schweiz und Griechenland langen zu, ab April wird die Türkei mit einer Bettensteuer nachziehen.

Bep Guardia ist der Hüter des Inselrundwegs „Camí de Cavalls“.

Und doch bleibt die Ökosteuer auf den Balearen ein Aufreger. Es werde nicht genügend transparent gemacht, wohin die Gelder überhaupt fließen, monieren Unternehmerverbände und Umweltorganisationen. Auch Haushaltslöcher würden damit gestopft, schimpft die Opposition. Was, so fragen die Kritikerinnen und Kritiker, haben Mallorca-Urlauber von einer Verlängerung der Metro in Palma, von einem Übungsraum für das Balearen-Orchester, von neuen Sozialwohnungen? Schließlich wurde all das auch von den Reisenden mitfinanziert.

Vincent Tores, Vizedirektor der Agentur für Tourismusstrategie der Balearen, wehrt sich gegen solche Einwände. Von Anfang an sei es das Ziel gewesen, mit der Steuer die negativen Auswirkungen des Tourismus abzufedern und einen Teil der Gewinne als Entschädigung umzuverteilen. Das lässt sich auch in der Präambel des Gesetzes nachlesen, das offiziell „Impuesto de Turismo Sostensible“ heißt, „Steuer für nachhaltigen Tourismus“. Ein dehnbarer Begriff, den die Regierung sehr weit fasst: Die Mittel können nicht nur in den Umweltschutz, das historische und kulturelle Erbe der Inseln fließen. Sondern auch in die wissenschaftliche Forschung, die sich etwa mit dem Klimawandel beschäftigt, in die Verbesserung der Ausbildung etwa von Zimmermädchen, in die Infrastruktur oder sozial verträgliche Mieten, weil der Wohnraum knapp wird.

Um Transparenz scheint man durchaus auch bemüht. Akribisch haben fleißige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein viersprachiges Internetportal unter der Adresse www.nachhaltigeinseln.travel.de eingerichtet. Nur: Wer weiß das und mag sich durch den Wust an Informationen kämpfen? Wer sich allerdings die Mühe macht, findet dort eine Liste sämtlicher Projekte, über deren Förderung ein vielköpfiges Gremium entscheidet.

Auf Mallorca zum Beispiel fließen neben den Millionen in die Großprojekte auch Gelder in LED-Lampen für die Playa de Palma oder in den Pendelbusverkehr zum Cap Firmentor, das im Hochsommer für Autos gesperrt ist, in eine neue Hotelfachschule, Kläranlagen, eine neue Uferpromenade in Sant Antoni auf Ibiza und den Erwerb eines traditionellen Landgutes auf Formentera, das öffentlich nutzbar gemacht werden soll. Andere Projekte kommen auf allen Baleareninseln zum Tragen, etwa ein Überwachungsnetz für Wasserressourcen, Müllsammelprogramme für Langzeitarbeitslose, Projekte zur Bekämpfung invasiver Arten in Feuchtgebieten, die Unterstützung von Öko-Landwirten, mehr E-Tankstellen, die Kartographie des Neptungrases.

Das Projekt, an dem auch Vincent Barras auf Menorca arbeitet, ist eines von bisher 70 steuerfinanzierten Aktionen auf der Insel. Sie ist etwa ein Fünftel so groß wie Mallorca, knapp 50 Kilometer lang, 16 Kilometer breit. Und vergleichsweise gut dran: Seit 25 Jahren trägt Menorca den Titel Biosphärenreservat, eine Vorbildlandschaft für nachhaltige Entwicklungen. Viele Menorquiner empfinden es mittlerweile als Segen, dass die Insel später erschlossen wurde als ihre balearischen Schwestern.

Der spanische Diktator Franco hatte kein Geld für touristische Entwicklungen herausrücken wollen, weil sich die Bewohnerinnen und Bewohner Menorcas im Bürgerkrieg als einzige Balearen dickköpfig gegen ihn stellten. So ging alles langsamer, man konnte lernen aus den Fehlern der anderen. Schon in den 70ern entschied man sich, fast die Hälfte der Insel unter Naturschutz zu stellen, keine neuen Hotels mit mehr als drei Stockwerken und nur in gebührendem Abstand vom Strand zu erlauben. Dadurch konnte Menorca seinen Charakter erhalten. Kein Ballermann. Mehr Stille. Mehr unverbaute Natur. Weniger Tourismus.

Trotzdem ist auch dort die Welt nicht mehr in Ordnung. „Wir verbrauchen zu viel Energie, sind noch zu wenig auf Alternativen umgestiegen“, sagt der Ozeanograph Ricard Barras. „Und wir verbrauchen zu viel Wasser, das Grundwasserreservoir wird stetig kleiner.“ Das gelte besonders für die Hochsaison im Juli und August. So viele Touristinnen und Touristen täten Menorca gar nicht gut. „Natürlich sind wir froh, dass wir die Ökosteuer bekommen. Aber ein Allheilmittel ist sie nicht“, sagt Barras.

Ozeanograph Ricard Barras kontrolliert die Verbotsbojen.

So ähnlich drückt es ein paar Stunden später auch Bep Guardia aus. Er ist der Wächter des „Camí de Cavalls“, wie der wiederbelebte „Weg der Pferde“ auf Menorquin heißt. Der Pfad führt auf 185 Kilometern einmal rund um die Insel, meist an der Küste entlang. Ein herrliches autofreies Naturerlebnis. Guardia kontrolliert, ob alle Schilder stehen, kein Unrat herumliegt, Waldbrand droht, ob es Schäden gibt. Heute will er schauen, wie weit die Ausbesserungsarbeiten auf dem besonders schönen Stück bis zur Bucht Cala Pilar im Inselnorden gediehen sind.

Erst geht es einen Hügel hoch durch einen lichten Wald über weichen Boden, dann auf schmalen sandigen und teils gepflasterten Pfaden hinab, mit grandiosen Aussichten auf die sichelförmige Bucht, tiefblaues Wasser und goldenen Sand, umrahmt von Felsen in schimmernden Rot- und Brauntönen. Alles völlig unverbaut. Fast am Ende des Weges warten arg ramponierte Stufen auf die Wanderer. „Erosion, verursacht durch Regen, Fahrräder, Fußgänger“, sagt Guardia. 260 000 Euro aus dem Ökosteuertopf wurden für die Ausbesserungsarbeiten bewilligt. „Ein Hubschrauber bringt nächste Woche die Steine.“

Die Handwerker arbeiten mit derselben Pflastertechnik wie früher, völlig ohne Zement. Sie legen die Steine passgenau aneinander, darüber kommt Erde, die in die Ritzen fällt, und eine Rinne dazu, damit der Regen abfließt. „Der Camí ist ein Stück unserer Geschichte. Im 16. und 17. Jahrhundert patrouillierten darauf Reiter und hielten nach Piraten Ausschau, danach nutzen ihn Bauern, um zu ihren Grundstücken zu gelangen, und später auch Schmuggler, dann wurde er vergessen“, erzählt Guardia. „Bis wir uns alle dafür einsetzten, dass er wieder für alle zugänglich gemacht wird. Sogar Land wurde dafür enteignet.“

Oft geht Guardia mit seiner Frau und seinen Töchtern den schönen Weg entlang spazieren und freut sich. Aber gleichzeitig beschleicht ihn eine große Sorge. Jetzt, wo der Camí mit Hilfe der Steuergelder wieder schön hergerichtet wird, kämen auch immer mehr Wanderlustige – „und das schadet wiederum dem Weg“.

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