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Vielleicht scheitert man eben

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"Ich bin so froh, wenn ich jemanden im Film sehe, der ein richtiges Gesicht hat, eins, das lebt. Aber ich kann Schönheitsoperationen nicht verurteilen. Das gehört eben dazu.
"Ich bin so froh, wenn ich jemanden im Film sehe, der ein richtiges Gesicht hat, eins, das lebt. Aber ich kann Schönheitsoperationen nicht verurteilen. Das gehört eben dazu. © Berliner Zeitung/ Max Lautenschläger

Christiane Paul ist Schauspielerin, Ärztin, Mutter von zwei Kindern, und nun will sie auch noch die Welt retten. Ein Gespräch über Heizpilze, Schönheitsoperationen und die Verwirrungen des Lebens.

Wenn man sich mit einer Frau trifft, die gerade ein Buch über ökologische Lebensweise geschrieben hat, achtet man auf alles: Welches Café wählt sie für das Interview aus? Mit welchem Transportmittel reist sie an? Was trägt sie? Was trinkt sie? Dazu kommt die Befürchtung, Christiane Paul, diese angenehm bodenständige Schauspielerin, die auch promovierte Ärztin ist, könnte sich, aus welchen Gründen auch immer, zu einer verspannten Missionarin entwickelt haben. Und man ist dann sehr froh, wenn alles so normal ist. Der Ort: ein gemütliches Eckcafé in Schöneberg. Outfit: schwarze Jacke, schwarzer Rock, schwarzes Shirt, schwarze Mütze. Transportmittel: Herrenrad. Getränk: Latte Macchiato. Christiane Paul lacht viel während des Gesprächs und sie berlinert sehr schön.

Sie leben jetzt also bewusst ökologisch.

Ja.

Heißt das, Sie denken immer genau nach über alles, was Sie machen, essen, trinken?

Nicht mehr, denn bestimmte Sachen habe ich inzwischen automatisiert.

Nehmen wir den heutigen Morgen. Was haben Sie zum Frühstück gegessen?

Noch gar nichts. Ich esse morgens nicht viel, ich hab immer erst mittags Hunger.

Und Ihre Kinder?

Für meinen Sohn gab’s Bio-Müsli, für meine Tochter Bio-Vollkorntoast mit hausgemachter Marmelade meiner Schwester, getrunken haben sie Biomilch. Dann habe ich meiner Tochter Schulbrote gemacht, mit Salami und Käse. Sie hatte letzte Woche mal kurz beschlossen, Vegetarierin zu werden, wie eine Freundin aus ihrer Klasse. Aber sie merkte, dass sie das nicht kann. Ich bin mit all meinen Versuchen kläglich gescheitert. Wurstersatz riechen die auf fünf Meter Entfernung. Das funktioniert überhaupt nicht.

Wie sind Sie dann zur Schule gekommen?

Mit dem Fahrrad. Meine Tochter hat ihr eigenes, und ich habe so ’ne Kiste vorne dran, in der mein Sohn sitzt. Das ist super, weil man damit auch Einkäufe transportieren kann.

Besitzen Sie ein Auto?

Ja, aber einen Diesel, mit dem kleinsten Motor, mit der Blue-Motion-Technik sowie einer Start-Stop-Automatik. Die funktioniert aber gerade nicht, ich muss morgen gleich mal in der Werkstatt nachfragen, wenn ich die Winterreifen aufziehen lasse.

Und haben Sie sich auch das Buchcover von „Tiere essen“ auf den Arm tätowieren lassen wie Charlotte Roche?

Nein, ich bin nicht fanatisch, dafür lebe ich einfach viel zu gerne. Ich habe von Leuten gehört, die essen nur Früchte, die vom Baum fallen, und ich finde, das ist Quatsch. Man kann Veränderungen auch im normalen Rahmen schaffen. Also ich esse zwischendurch auch immer mal Fleisch.

Wann war das letzte Mal?

Ich habe in Köln eine Currywurst gegessen.

Eine Currywurst in Köln. Wie kam es dazu?

Ich war zum Kölner Treff, der Fernsehsendung mit Bettina Böttinger, eingeladen. Danach bin ich noch am Rhein spazieren gegangen, und als ich am Bahnhof an einer Imbissbude vorbeikam, habe ich mir eine Currywurst mit Pommes Frites gekauft.

Die Sendung war vorbei, der Druck war weg und Sie hatten so richtigen Heißhunger?

Ja, das musste sein.

Hatten Sie danach ein schlechtes Gewissen?

Nein, es war ja auch wirklich eine Ausnahme. Vor zwei Wochen in Bochum hatte ich einen langen Drehtag hinter mir. Eine Kollegin holte sich am Bahnhof eine Currywurst und ich nur ein trockenes Brötchen. Ich hätte auch gerne eine Wurst gegessen, aber ich habe gedacht, das geht jetzt nicht. Wenn man viel reist, so wie ich, ist es schwer, Essen ohne Wurst oder Fleisch zu finden.

Was ist mit Käse?

Das Problem ist, dass Käse letztlich genauso hohe CO2-Werte hat, weil es ja ein Milchprodukt ist, die Kühe weiden, dabei wird Methan produziert, und die Milch wird industriell verarbeitet. Letztendlich sind Milchprodukte genauso schlecht für die Umwelt wie Fleisch oder Wurst. Wenn man länger darüber nachdenkt, kommt man am Ende nur zu dem Ergebnis, von allem weniger zu essen und zu trinken, weniger Fleisch und Joghurt, weniger Milch, oder man wechselt ganz zu Sojaprodukten.

Der Ruf von Soja ist aber auch nicht mehr der beste. In Brasilien werden Regenwälder für den Sojaanbau abgeholzt, weil der Verbrauch in den letzten Jahren so gestiegen ist.

Ja, das stimmt. Aber man findet immer Gegenargumente. In dieser Böttinger-Talkshow sagte jemand: Am Flughafen wird der Müll zwar getrennt, aber dann kommt die Putzkolonne und schmeißt alles zusammen. Wenn man immer nur an die Gegenargumente denkt, wird sich nichts bewegen.

Und das wollen Sie, etwas bewegen, die Welt verändern?

Mich hat Umwelt schon immer interessiert. Eines der ersten Dinge, die ich nach der Maueröffnung gekauft und meinen Eltern mitgebracht habe, war ein Umweltratgeber für zu Hause. Ich finde, es ist an der Zeit, sich zu äußern, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich als Teil des Ganzen zu sehen. Und vielleicht ist das Buch auch sowas wie eine Gesellschaftskritik, wie immer nur alles um Profit gehen kann? Wir kommen an unsere Grenzen. Bangkok zum Beispiel steht seit Wochen unter Wasser.

Fallen Sie mit dieser Haltung unter Schauspielern auf, oder leben und denken inzwischen alle so vernünftig wie Sie?

Es gab mal eine Situation bei einem Dreh in Köln, da war ein Heizpilz an, und ich habe gesagt: „Macht doch den Heizpilz aus. Wir haben warme Jacken an, was soll ’n der Quatsch.“ Der Mann vom Catering hat das dann gemacht, und ich habe mit Hannes Jaenicke über Heizpilze diskutiert. Hannes hat ein unglaublich fundiertes Fachwissens über den Klimawandel. Er zog sofort eine Karteikarte aus seinem Rucksack mit der Liste der Fische, die man nicht essen sollte, weil sie vom Aussterben bedroht sind.

Viele Schauspieler engagieren sich sozial oder ökologisch. Hat das mit dem Beruf zu tun? Will man etwas kompensieren, wenn man immer nur vor der Kamera steht?

Spenden ist sicher eine Form der Kompensation für Leute, die viel Geld verdienen, möglicherweise auch eine Art, das Gewissen zu beruhigen. Schauspieler oder Prominente leihen einer guten Sache oder Charity-Aktion ihr Gesicht, um sich gesellschaftlich einzubringen, vielleicht auch, um etwas zu kompensieren, das kann ich aber nicht wirklich beurteilen. Und natürlich kann ein bekanntes Gesicht mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mein Buch hat damit aber nichts zu tun. Das Thema Klimawandel interessiert mich. Abgesehen davon gibt es keine richtigen Vorbilder mehr in unserer Gesellschaft. Es gibt nur noch Popstars, Fußballer, Sänger.

Würden Sie gerne sowas sein? Ein Vorbild? Eine Heldin?

Das sollten eigentlich die sein, die gesellschaftlich an den Schaltstellen sitzen, die sogenannte Elite einer Gesellschaft. Leute wie Olof Palme, Gräfin Dönhoff oder Indira Gandhi, um mal ganz tief in die Mottenkiste zu greifen, findet man heute nicht mehr. Ich bin am Ende auch nur eine Schauspielerin.

Sie haben aber auch Medizin studiert und sind Mutter von zwei Kindern. Wie schaffen Sie das eigentlich alles?

Na, soviel ist es nun auch wieder nicht.

Andere Menschen sind mit einer dieser Aufgaben schon komplett ausgelastet.

Ich lebe einfach gerne und bringe mich ein und erlebe dadurch auch sehr viel. Und das macht mir Spaß. Manchmal würde ich gerne mal wieder auf eine Party gehen, bis morgens um fünf und dann am nächsten Tag nichts machen müssen. Das geht aber mit Kindern nicht so richtig. Ich bin sicherlich ehrgeizig, aber ich habe keinen skrupellosen Ehrgeiz, ich gehe nicht über Leichen und beiße niemanden weg. Ich möchte in den Spiegel gucken können und Menschen um mich haben, die ich liebe und die mich lieben. Wenn man Biografien liest über große, erfolgreiche Menschen, merkt man oft, dass da was auf der Strecke geblieben ist. Das möchte ich nicht. Ich gehe nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Diesen bestimmten Punkt, spüren Sie den?

Ja, immer wieder. Ich merke dann, das ist zu viel, jetzt muss ich mal wieder zu Hause sein, bei den Kindern, dann höre ich auf.

Sind Sie oft mit den Kindern zu Hause?

Ja, klar.

Was machen Sie, wenn die Kinder im Bett sind?

Ich lese Drehbücher oder Bücher oder gucke ganz banal fern, weil ich einfach mal abschalten muss. Ich lade mir auch gerne Filme, die ich verpasst habe, auf iTunes runter und sehe sie mir dann an.

Was haben Sie zuletzt gesehen?

„Biutiful“ von Alejandro González Iñárritu, dem Regisseur, der auch „21 Gramm“ und „Babel“ gedreht hat. Der ist mein Hero. Und „Slumdog Millionär“, den ich aber nicht so mochte. Zuletzt gelesen habe ich „Flugasche“ von Monika Maron.

Wieso gerade „Flugasche“? Das Buch ist 30 Jahre alt.

Ich bin darauf gekommen, weil ich in einem Film eine Figur spiele, die aus Bitterfeld kommt. Eigentlich hatte das nichts mit dem Roman zu tun. Aber er war wirklich eine Entdeckung für mich, ein tolles, auch verstörendes Buch.

Wäre es eine Herausforderung für Sie, selbst mal einen Film zu machen, Regie zu führen?

Ich glaube nicht, dass ich das kann. Das ist ein Beruf, bei dem man soviel wissen und können und überblicken muss. Das würde ich mir gar nicht zutrauen. Ich möchte auch weiter vor der Kamera stehen, das reizt mich, und ich bin noch lange nicht am Endpunkt.

Wo sind Sie denn?

Vielleicht so auf der Mitte oder im oberen Drittel, aber auf keinen Fall weiter.

Wo ist denn die Schauspielermitte?

Ich bin erstmal froh, dass ich das machen kann, was ich mache, und mich dabei wohlfühle. Ich glaube, dass ich ein gewisses Niveau erreicht habe, möchte aber noch mehr probieren, mir Dinge noch offen lassen. Ich kann das gar nicht weiter beschreiben.

Was ist der Unterschied zwischen Ihnen als Anfang 20-Jährige in „Das Leben ist eine Baustelle“ und jetzt, als 37-Jährige?

Naja, man ist älter, hat einfach mehr Erfahrung. Als ich „Das Leben ist eine Baustelle“ gedreht habe, war ich unglaublich unsicher. Wolfgang Becker sagte immer: „Du musst ein Geheimnis haben“, und ich wusste nicht, wie ich das spielen sollte, das Geheimnis. Oder er sagte: „Geh doch mal selbstbewusst von A nach B.“ Wir haben zwanzig Mal diesen Take gedreht, das war schrecklich. Die Nervosität hat sich bis heute nicht gelegt, aber ich weiß, ich bin da zu Hause, ich habe eine gewisse Routine und Sicherheit, die Kamera und ich haben ein Verhältnis zueinander. Man fängt mit jedem Film neu an, was manchmal auch ein wenig quälend sein kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch: Die Schauspielerei hat mich in eine große Verwirrung gestürzt. Das klingt, als hätten Sie sich verliebt.

So habe ich das noch nie gesehen, aber so war es. Ich wollte ja ganz woanders hin, und dann war es Liebe auf den ersten Blick, und ich habe irrsinnig lange dafür gekämpft, mich dafür zu entscheiden und dieser Liebe nachzugeben, diesen Sprung zu wagen. Ich habe ja biografisch nichts mitgebracht, was mich für den Film qualifiziert hätte.

Für den Film entdeckt wurden Sie, als Sie Model waren. Wie sind Sie eigentlich auf diese Idee gekommen?

Ich habe bei so einem Modelwettbewerb mitgemacht, sowas wie „Germany’s next Super …“, wie heißt das nochmal?

„Germany’s next Topmodel“.

Genau. Bei sowas habe ich mitgemacht.

Im Fernsehen?

Nein, der Wettbewerb wurde in der Zeitung ausgeschrieben. Modeln war für mich einfach ein Weg, aus den Engen der Pubertät rauszukommen, ich hatte andere Interessen als die meisten aus meiner Klasse und das Gefühl, ich gehöre nicht dazu.

Sie waren eine Außenseiterin.

Ja, so habe ich mich zumindest gefühlt, vielleicht bedingt durch meine Eltern, die beide Ärzte waren und kulturell und politisch interessiert. Ich wollte auch Medizin studieren. Innerhalb meiner Klasse hat sich niemand für Kunst oder klassische Musik interessiert. Als ich dann eine Freundin hatte, deren Mutter Ärztin und deren Vater Szenenbildner beim Fernsehen waren, sind wir ins Theater gegangen, haben uns Modemagazine angeguckt und politisch diskutiert. Ich war wie ein Schwamm, ich habe alles aufgesogen.

Zum Modeln und Schauspielern gehört, im Scheinwerferlicht zu stehen, vor einem großen Publikum. Mögen Sie das?

Ja, ich denke schon. Wenn ich zum Beispiel eine Laudatio halte bei einer Preisverleihung, geht es mir vorher immer wahnsinnig schlecht. Einmal hat mich eine Aufnahmeleiterin regelrecht auf die Bühne geschubst. Aber wenn es dann losgeht, wenn ich auf der Bühne bin, ist alles gut.

Dann ist die Aufregung weg?

Weg ist sie nicht, aber ich halte sie aus, und ich kann den Moment auch genießen. Ähnlich habe ich es auch bei meiner Theaterarbeit „Iwanow“ in Düsseldorf erlebt. Vor der Vorstellung jedes Mal diese große Nervosität, aber dann auf der Bühne, in der Figur, ist man fast so etwas wie ein Medium, durch das eine Geschichte erzählt wird, die vielleicht jemandem etwas gibt, und dann macht es mir auch Freude, das zu erarbeiten und zu durchleben.

Sie haben Ihrer Lust und Ihrem Talent lange nicht vertraut. Erst mit 30 haben Sie sich entschieden, den Arztberuf aufzugeben und sich ganz der Schauspielerei zu widmen. Wovor hatten Sie Angst?

Ich wusste nicht, ob ich es wirklich kann und auch aushalte. Man muss in diesem Beruf sehr stark sein, weil man so vielen unterschiedlichen Kriterien unterliegt, und Leute einen permanent aussuchen und abwählen, und ja nie klar ist, was man als Nächstes macht, und ob man überhaupt noch was machen wird. Man ist von anderen abhängig. Und das ist eigentlich das Schlimmste, was jemandem wie mir passieren kann. Ich kämpfe unentwegt für meine Unabhängigkeit. Aber am Ende kann man diese Unabhängigkeit wohl nur in sich selbst finden. Man kann die Dinge nicht ändern. Ich kann zwar versuchen, in meinem Beruf so gut wie möglich zu sein, aber ob ich dann jemandem gefalle oder die Richtige bin für eine Rolle, das weiß ich nie. Man ist, wie man ist, selbst, wenn man spielt. Das war lange Zeit mein Problem, ich wusste nicht, ob ich das qualitativ und psychisch durchstehe.

Haben Sie am Arztberuf auch festgehalten, weil er sicherer und berechenbarer ist?

Vor allem war er eine große Leidenschaft von mir. Arzt zu sein ist einfach ein fantastischer Beruf. Ich fühlte mich immer gut, wenn ich nach Hause kam. Man ist zwar total k.?o., aber man hat was geschafft, etwas geleistet, was sichtbar war.

Sie haben dann eine Weile als Schauspielern gearbeitet und auch als Ärztin. An welchem Punkt haben Sie gemerkt, dass Sie sich entscheiden müssen?

Als ich an der Charité, an der Uniklinik, mein AIP (Arzt im Praktikum, d. R.) beendet habe. Da haben wir 60?Stunden pro Woche gearbeitet, Minimum, auch an den Wochenenden, und ich habe noch gedreht und Theater gespielt. Und ich hatte ein Kind. Ich merkte, ich werde in beiden Berufen keine Qualität erreichen, wenn ich so weitermache. Und vor allem bin ich nirgendwo zu Hause. Ich bin kein richtiger Arzt und keine richtige Schauspielerin.

Und was hat den Ausschlag für die Schauspielerei gegeben?

Zwei gute Angebote: Christian Görlitz wollte mich für „Außer Kontrolle“, einen tollen Fernsehstoff mit einer guten Rolle an der Seite von Jürgen Vogel und Sepp Bierbichler haben, und Ulrich Mühe fragte, ob ich in dem Theaterstück „Der Auftrag“ mitspiele. Die Zeit vorher, 2001, 2002, war schwierig für mich gewesen. Ich hatte ein paar Filme gedreht, auch große Filme, aber ich habe immer darauf gewartet, dass mal jemand zu mir kommt und sagt: „Mädchen, du hast Talent, mach mal weiter.“

Das hat keiner gesagt?

Mein Sprecherzieher, der lange Leiter der Sprecherziehung an der Ernst-Busch-Schule war und mit dem ich immer noch, immer mal wieder, arbeite, hat hinterher zu mir gesagt: Lass mal, das ist die richtige Entscheidung. Und ich glaube, Klaus Klawitter war es auch, der, als ich auf der Bühne stand, mal mit einem Augenzwinkern zu mir sagte: Ach doch, du hast Talent. Wir haben beide sehr gelacht. Ihm habe ich wirklich sehr viel zu verdanken. 2004 dachte ich nur: Dieser Film und die Theaterarbeit und dann noch mit Uli Mühe, diesen Schritt muss ich wagen, sonst komme ich nicht weiter. Vorher hat es immer die Gespräche mit meinen Eltern gegeben: Was mache ich? Wie entscheide ich mich?

Was haben Ihre Eltern Ihnen geraten?

Mein Vater war immer dafür, dass ich das mache, wofür mein Herz schlägt. Meine Mutter hatte immer die Sorge: Wie ernährst du dich, mein Kind?

So, wie man sich das vorstellt.

Ja, ja. Dieser Beruf ist für eine Mutter, die aus geregelten Einkommensverhältnissen kommt, schwierig. Sie sagte immer: Um Gottes Willen, dann kriegst du ja kein Gehalt! Was machst du dann nächstes Jahr? Keine Ahnung, habe ich gesagt.

Was würden Sie Ihren eigenen Kindern in dieser Situation raten?

Ich denke, man sollte das machen, was man wirklich will, herausfinden, wofür das Herz schlägt, wofür man Leidenschaft entwickeln kann. Ich glaube, darum geht es im Leben. Selbst wenn man Gefahr läuft, dabei vielleicht nicht erfolgreich zu sein.

In Ihrem Buch bezeichnen Sie Maxie Wander, Camille Claudel und Tina Modotti als Ihre Vorbilder, starke, leidenschaftliche Frauen, die aber alle furchtbar gescheitert sind. Wie gefährlich ist Leidenschaft?

Als ich mich mit diesen Frauen beschäftigt habe, war ich so 16, 17, 18. Und in dem Alter macht man ja seine elementarsten Erfahrungen, literarisch und in der Kunst. Und mich hat fasziniert, wie die gebrannt haben für das, was sie wollten, wie viel Herz und Leidenschaft sie da reingepackt haben. Sie waren außergewöhnlich für ihre Zeit, haben Barrieren durchbrochen. Sie sind alle irgendwie gescheitert oder zerbrochen, ja, das stimmt, wahrscheinlich scheitert man, wenn man so viel Leidenschaft in eine Sache steckt. Keine Ahnung, ob mir das blüht. Ich hoffe nicht.

Sind Sie denn jetzt mit aller Leidenschaft Schauspielerin?

Ja. Aber ich war auch eine leidenschaftliche Ärztin, deshalb war es für mich so schwer, mich zu entscheiden. Aber mir hat die Bühne gefehlt. So oberflächlich das klingt. Und der Austausch mit den Menschen, mit denen ich im Film zu tun habe.

Können Sie sich vorstellen, wieder zurückzuwechseln zur Medizin, wenn es mal nicht mehr laufen sollte mit der Schauspielerei? Oder Sie keine Lust mehr haben?

Ich glaube, dass Scheitern dazugehört, dass es ein Teil des Lebens ist. Und vielleicht scheitert man eben. Wenn hier die Wirtschaftskrise ausbricht, wenn es zu Krieg kommen sollte, dann werde ich sicher sagen: Ich kann übrigens auch spritzen und Blut abnehmen und einen Verband anlegen. Aber sonst ist es, aus meiner jetzigen Situation heraus betrachtet, eher unwahrscheinlich. Ich habe ja auch keine Facharztausbildung und werde keinesfalls dieses Niveau erreichen, auf dem ich gern hätte arbeiten wollen. Universitäre Medizin geht zum Beispiel nicht mehr.

Wie ist es, als Schauspielerin älter zu werden? In Hollywood lassen sich ja fast alle Botox spritzen und und operieren.

Na, das wird bestimmt auch irgendwann kommen.

Bei Ihnen? Das ist nicht Ihr Ernst.

Doch, ist es. Ich finde die Vorstellung fürchterlich, schon wegen der Komplikationen, und weil man Dinge an sich machen lässt, die man nicht mehr reparieren kann. Jemand wie ich, der in der Filmbranche arbeitet, weiß schon gar nicht mehr, wie eine Frau mit 40 oder 50 aussieht. Ich bin so froh, wenn ich jemanden in einem französischen oder italienischen Film sehe, der ein richtiges Gesicht hat, ein Gesicht, das lebt. Aber ich kann Schönheitsoperationen nicht verurteilen, weil ich es verstehe. Das gehört eben dazu. Ich sehe auch, dass ich nicht mehr 20 bin, und ich denke, dass ich mich damit konfrontieren muss. Mal gucken, wie lange es noch geht. Corinna Harfouch und Dagmar Manzel, glaube ich, müssen das nicht, aber so gut muss man erstmal spielen. Und Nicole Kidman kann, obwohl sie so glatt ist, immer noch tolle Filme machen. Das ist der Konflikt: Welchen Weg gehst du?

Da haben Sie es als Medizinerin sicher gut.

Warum?

Weil Sie wissen, was gut ist und was nicht.

Ich kenne mich aber mit plastischer Chirurgie gar nicht aus, ich fand das immer uninteressant. Ich habe mal mit Ingrid van Bergen gedreht, da war ich 19, und die sagte: Pass mal auf, du kannst so intelligent sein wie du willst, aber ab 30 sparst du auf deine erste Operation. Die Männer wollen nur, dass du jung aussiehst und nichts anderes. Das war ein ganz schöner Hammer. Aber wahrscheinlich hat sie recht.

Vielleicht dreht sich ja auch alles mal um, und dann sind wieder echte, natürliche Gesichter angesagt.

Vielleicht. Ich weiß es nicht.

Wer sind Ihre Vorbilder in der Schauspielerei?

Meryl Streep ist die Königin. Das wissen alle. Unter den deutschen Schauspielerinnen sind es Corinna Harfouch und Dagmar Manzel, aber auch Martina Gedeck, Iris Berben oder Senta Berger verehre ich sehr. Sie sind so gut, haben eine so beachtliche Karriere hinter sich, in einem Beruf, der eben nicht so einfach ist.

Das Interview führte Anja Reich

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