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„Vielen Menschen fehlt Sinnlichkeit im Alltag“

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Von: Boris Halva

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Dita von Teese sagt, sie nutze „sinnliche und erotische Kraft – aber auf eine Weise, die sich inspirierend anfühlt“. sequoia emmanuelle
Dita von Teese sagt, sie nutze „sinnliche und erotische Kraft – aber auf eine Weise, die sich inspirierend anfühlt“. sequoia emmanuelle © Sequoia Emmanuelle

Ein Gespräch mit der Burlesque-Tänzerin Dita von Teese über den Reiz des Nichtzeigens, Striptease als Inspiration für das tägliche Leben – und warum es bei ihren Shows mehr ums Fühlen als ums Zusehen geht

Dita von Teese, Sie haben vor 30 Jahren die Burlesque-Bühne betreten – wird es nach all den Jahren nicht schwieriger, sich immer wieder neu zu erfinden?

Nein, nicht wirklich. Ich spüre ja, dass ich immer wieder neue Ideen habe, was ich auf der Burlesque-Bühne tun kann. Und ich finde auch überall Inspiration.

Weil Striptease eben mehr ist, als sich zu Musik auszuziehen?

Ja, und so eine Show zu entwerfen ist – wie vieles andere auch – ein Prozess, bei dem es viel ums Ausprobieren und Verwerfen geht. Ich habe auch kein kreatives Team oder ein Team von Produzenten, es sind wirklich nur ich und meine Freundin Catherine D’Lish, die mir bei der Konzeption der Shows hilft. Es gibt außerdem viele Solokünstler, die jeweils eigene Shows haben und bei uns mitmachen. Aus deren Shows picken wir uns was raus und setzen es in Szene, machen es mit dem richtigen Licht und Vorhängen und all dem noch schöner. Und genauso liebe ich es, mich selbst immer wieder neu zu erfinden. Burleske Fantasien kommen mir leicht in den Sinn – die Schwierigkeit ist nur, sie zum Leben zu erwecken.

Weil auch hier Teil der Herausforderung ist, dass Sie dasselbe immer ein bisschen anders machen wollen, damit es nicht langweilig wird – weder für Sie noch für Ihr Publikum?

Natürlich. Und Sie dürfen auch nicht vergessen: Was ich tue und wie ich es tue, ist ja zu einer Art Marke geworden, und dieses Spezielle ist auch ein Grund, warum manche Menschen gerne Burlesque-Shows ansehen. Aber es geht ja nicht nur um mich. Mit meinen Shows war ich schon immer ganz vorne mit dabei, wenn es um Vielfalt geht, die ja im sinnlichen Bereich und in der Welt des Striptease auch schon immer dazugehörte. Mir geht es vor allem darum, burleske Fantasien zu entwerfen, die nicht bloß eine Kopie dessen sind, was Burlesque in den 1940er Jahren war. Mir ging es immer darum, diese Kunst weiterzuentwickeln, voranzubringen, sie moderner zu machen. Und ihr auch eine gewisse Relevanz zu geben.

Woran haben Sie sich auf diesem Weg zu Ihrem eigenen Stil orientiert?

Da gab es tatsächlich nicht viel, nur ein paar Filme aus den 1930er, 40er und 50er Jahren. Und ich hatte eine Videokassette mit der Aufnahme von Sally Rand, die eine Fächertänzerin war – ein wunderschöner, sehr sinnlicher Tanz! Das habe ich erst imitiert und dann als Ansporn genommen, etwas Eigenes zu entwickeln.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Interpretation von Burlesque und dem, was erotischer Tanz in den 40er Jahren war?

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass wir genauso viele Männer in der Show haben wie Frauen. Und dass es einen ganz anderen Diversitäts- und Inklusionsfaktor gibt als in früheren Zeiten: Bei uns tanzen Menschen aus aller Welt und aus verschiedenen Altersgruppen. Und das machen wir nicht, weil es jetzt beliebt ist. Das liegt daran, dass ich immer fand, dass die interessantesten Burlesque-Darsteller keine typischen Pin-up-Girls sind. Das fand ich nie spannend. Und außerdem liebe ich es, wenn die Leute nach der Show das Theater verlassen und sagen: „Ich dachte, ich wüsste, was Burlesque ist, aber ich habe mich geirrt!“ Und das geht nicht nur dem Publikum so, das ist auch einigen Prominenten, die unsere Show gesehen haben, so gegangen. Harry Styles, Olivia Wilde und Tim Burton waren da und alle sagten: „Die Show ist unglaublich! Aber was auch wirklich toll ist, ist das Publikum!“

Was macht das Publikum so besonders?

Zunächst ist das Publikum überwiegend weiblich – das überrascht die Leute immer wieder. Und es ist auch eine Art Szene: Die Leute ziehen sich schön an und können sich frei fühlen zu sein, wer auch immer sie sein wollen. Ich höre immer wieder, dass sich Menschen inspiriert fühlen von unseren Shows.

Es geht also beim Burlesque nicht in erster Linie ums Zuschauen, sondern mehr ums Fühlen und Genießen?

Oh ja! Es geht darum, sinnliche und erotische Kraft zu nutzen – aber eben auf eine Weise, die sich inspirierend anfühlt und andere Menschen ermutigt und ihnen ein gutes Gefühl gibt. Und es geht darum, Schönheit, Glamour und Freude zu feiern und sich nicht für seine Sinnlichkeit zu schämen. Ich glaube, vielen Menschen fehlt das in ihrem Alltag. Und hier können sie es genießen und es sich gestatten, sich der Sinnlichkeit hinzugeben. Das ist auch ein Grund, weswegen ich liebe was ich tue. Es geht nicht um eine sexy Show – es geht darum, eine Fantasiewelt zu entwerfen. Etwas Lustiges und Verspieltes zu machen, das niemals offen sexuell ist.

Ist es einfacher, das für ein überwiegend weibliches Publikum zu tun?

Nicht unbedingt. Es ist zwar so, dass es bei den heterosexuellen Paaren eher von den Frauen ausgeht, aber wir haben auch ein riesiges LGBTQ*-Publikum. Was auch viele machen: sich wie Drag Queens stylen. Was ja auch immer noch passt, denn viele Drag Queens wurden von Burlesque-Shows und deren Darstellern inspiriert.

Klingt, als wäre Burlesque eine zeitgemäße Art, Body Positivity zu zelebrieren. Ist es das, was Sie meinten, als Sie eben von der Relevanz sprachen?

Absolut, und das ist sicher auch einer der Gründe, warum Menschen gerne gemeinsam zu einer solchen Show gehen. Wir haben natürlich Paare und Leute, die mit Freundinnen und Freunden kommen, aber es gibt doch auch viele Leute, die alleine kommen und an einem solchen Abend neue Freundschaften oder Bekanntschaften knüpfen. Ich höre oft, dass die Leute sich verbunden fühlen dadurch, gemeinsam eine solche Show zu sehen.

Sie haben viel von der Stimmung jenseits der Bühne gesprochen. Aber was fasziniert die Menschen am Striptease? Ist es die Spannung, wie weit die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne gehen werden?

Das ist sicher ein Teil der Faszination. Aber darüber denke ich nicht so viel nach. Auch weil ich beobachte, dass der Striptease oder die Nacktheit generell für die Menschen, die sich die Show ansehen, im Verlauf des Abends in den Hintergrund gerät. Leute, die die Show zum ersten Mal gesehen haben, sagen ganz oft: „Ich habe total vergessen, dass da jemand nackt war!“ Das spielt irgendwann keine Rolle mehr. Es ist eine sexy Spaßshow, aber – und das ist im Zeitalter der sozialen Medien ja eher selten – die nach klaren Regeln abläuft und jeder weiß, wie weit man gehen kann.

Wo ist Schluss?

Da bleiben wir dem Ursprung des Striptease treu: es gibt G-Strings und Pasties ...

zur person

Dita von Teese , 49, stammt aus Michigan, USA, und ist heute eine der bekanntesten und erfolgreichsten Burlesque-Tänzerinnen. Sie hat zunächst als Schauspielerin und Fotomodel gearbeitet, bevor sie sich auf die Kunstform des Striptease konzentrierte und erste Shows konzipierte. Inzwischen tourt von Teese, die eigentlich Heather Renée Sweet heißt, mit ihren Shows durch die ganze Welt.

Ihre letzte Show „The Art of the Teese“ war laut Veranstalter die erfolgreichste Burlesque-Show aller Zeiten. Außerdem vertreibt von Teese Dessous, Brillen und Schmuck und gilt als ausgewiesene Oldtimer-Expertin. Ende 2005 heiratete sie Gruselrocker Marylin Manson, die beiden ließen sich aber Ende 2006 schon wieder scheiden.

Mit ihrer aktuellen Show „Glamonatrix“ gastiert sie am Mittwoch, 8. Juni, um 20 Uhr in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Tickets gibt es noch in den Kategorien ab 47 Euro aufwärts, Infos unter www.semmel.de oder bei allen bekannten Vorverkaufsstellen. boh

... die runden, verzierten Aufkleber, mit denen Brustwarzen verdeckt werden ...

Genau, die gibt’s zu sehen. Übrigens beides Elemente, die in den 40er Jahren in den USA erfunden wurden. Wir lieben es, das heute noch genauso zu machen. Aber: Wir zeigen niemals mehr als das – aber auch nicht weniger.

Sie haben eben Social Media erwähnt: Dank des Internets haben wir heute zu jeder Zeit und nahezu uneingeschränkt Zugang zu Nacktheit und Sex. Sehen Sie Ihre Live-Shows auch als eine Art Gegengewicht zu all dieser virtuellen Verführung?

Oh ja! Vor allem, weil man auf eine Live-Show keinen Filter ziehen kann. Der einzige Filter, den wir haben, ist die Beleuchtung. Und wir merken das ja auch: Die Leute, die zur Show kommen, genießen es, etwas Echtes zu sehen und zu erleben – und mal drei Stunden lang nicht an ihre Telefone denken zu müssen.

Manche Menschen wiederum sind der Ansicht, die bilderreiche Welt der sozialen Medien befeuere eine neue Form des Exhibitionismus. Es gehe nicht mehr um Sinnlichkeit oder erotisches Spiel, sondern nur noch darum, sich der Welt zu zeigen. Ein Problem? Oder der Lauf der Dinge?

Ich bin da hin und hergerissen. Einerseits denke ich: Die Welt hat sich verändert. Viele Menschen sind durch Social Media offener oder auch freizügiger geworden. Und können sich auch freier fühlen als je zuvor – was ich wirklich großartig finde! Als wir das letzte Mal in Los Angeles eine Audition hatten, da kamen Hunderte von Leuten, die gern in unserer Burlesque-Show Striptease tanzen wollten. Vor zehn Jahren war es noch unglaublich schwierig, überhaupt Leute zu finden, für die es okay war, nackt zu sein. Das hat sich definitv verändert. Andererseits sind nicht alle, die Fotos von sich in Unterwäsche posten, auch immer gleich Exhibitionisten. Ich selbst zum Beispiel bin – wenn ich nicht auf der Bühne stehe – eigentlich ziemlich konservativ, was meine Kleidung angeht. Ich bin definitiv keine Exhibitionistin.

Was ist es dann, was Sie dazu bringt, die Bühne zu betreten und sich auszuziehen?

Es passiert da etwas mit mir, wenn ich diesen Raum, diese Sphäre betrete. Anfangs ging es für mich natürlich auch darum, mich selbst herauszufordern und meine eigene Schüchternheit zu überwinden. Mir gefällt auch die Vorstellung, den Striptease als Relikt früherer Zeiten immer wieder aufs Neue zu befreien. Ich bin definitiv keine Exhibitionistin, auch wenn ich jetzt schon so lange auf diesem Pfad unterwegs bin, der mir früher so fremdartig und verlockend vorkam und den ich damals eingeschlagen habe, weil ich das Gefühl hatte, dass da eben schon lange niemand unterwegs war. Mir gefiel auch die Parallele, dass viele Pin-up-Girls der 1940er Jahre eigentlich Burlesque-Tänzerinnen waren, die für Pin-up-Bilder posierten, um für ihre Shows in den Theatern zu werben.

Bei Ihnen war es andersherum: Sie haben erst als Pin-up posiert und dann getanzt...

Und deswegen liebe ich heute die Burlesque-Show so sehr! Weil ich die Kontrolle habe: über die Beleuchtung, das Kostüm, überhaupt die ganze Anmutung. Und so wird die Bühne zu einem Ort, an dem ich mich sicher fühle und an dem ich mich gerne ausziehe. Ganz anders als bei einem Fotoshooting, bei dem meist ganz viele Leute um einen herum sind. Da bin ich ausgeliefert und verletzlich.

Bei Burlesque geht es also um Kontrolle und Komfort?

Ja, und wie gesagt, nicht jeder Burlesque-Star ist ein Exhibitionist ...

Da Sie das schon zum zweiten Mall betonen: Das habe ich ja gar nicht behauptet ...

Ist schon in Ordnung, das ist sowieso keine Frage, die mich beleidigt. Ich finde das sogar immer ganz lustig, wenn ich das gefragt werde, weil ich dann von Zeit zu Zeit auch darüber nachdenke, wie das eigentlich bei mir ist ... Aber gut, wo waren wir?

Bei Kontrolle und Komfort ...

Genau. Burlesque kann eine Inspiration für das eigene Leben sein und auch das Selbstvertrauen stärken. Sie können Dessous tragen und Ihr Schlafzimmer rosa ausleuchten, damit es ein bisschen aufregend und schön aussieht. Und ich glaube, die Menschen spüren, dass sie ihr Leben bereichern, wenn sie ein wenig von der Sinnlichkeit und der Verspieltheit aus der Burlesque-Welt in ihren Alltag übernehmen.

Aber ist das nicht ein schmaler Grat? Wir hatten es ja schon davon: Heute können sich alle ausziehen und die ganze Welt kann zuschauen ...

Und trotzdem finde ich, dass wir in einer aufregenden Zeit leben! Es wird natürlich immer deutlicher, wie sehr die sozialen Medien die Menschen verändert haben und auch weiter verändern werden. Aber das ist nicht nur schlecht. Ich erinnere mich, dass ich in den Neunzigern für einen Job gebucht worden war – als Model für die Werbekampagne eines großen Unternehmens in ganz Amerika! Ich war total aufgeregt, und als ich hinkam, sagten sie: „Oh, wir haben gesehen, dass du für den Playboy posiert hast.“

Und damit waren Sie raus?

Exakt. Und so was könnte heute nicht mehr passieren. Für so was müsste man sich heute nicht mehr schämen, weder als Frau noch als Unternehmen. Wenn es darum geht, seinen Körper zu zeigen, habe ich das Gefühl, dass jetzt vieles anders ist.

Inwiefern hat Social Media Ihre Arbeit verändert? Haben Sie das Gefühl, sich permanent darstellen zu müssen?

Nein, ich nutze diese Medien vor allem, um mich und meine Show zu präsentieren. Und bin jedesmal froh, wenn ich in meinem Blockhaus im Wald bin und dann abends zum ersten Mal auf mein Telefon schaue und denke: Ach, das gibt’s ja auch noch. Ich selbst habe da einen guten Abstand zu. Aber worüber ich mir bei Social Media wirklich Sorgen mache, sind die Illusionen, die mit all den Filtern erzeugt werden. Dass Leute sich inzwischen sogar Schönheitsoperationen unterziehen, damit sie so aussehen wie auf den Fotos, die sie mit Filtern bearbeiten. Ich habe einen Freund, der ist ein ziemlich berühmter Fotograf, und der erzählte mir von einem Shooting mit einer Beauty-Influencerin. Als sie auftauchte, sah sie überhaupt nicht aus wie auf den Fotos. Und sie hat ihm dann gezeigt, wie sie ihr Gesicht bearbeitet, damit es so aussieht, wie man sie kennt. Sie macht die Augen weiter auseinander, den Kiefer schlanker und so weiter. Auf diese Weise Realität zu erschaffen oder sich selbst zu formen, das ist ein sehr, sehr seltsamer und beunruhigender Trend. Und das ist auch ein Grund, warum wir bei unseren Shows im Publikum keine Smartphones erlauben: Damit die Menschen nicht dauernd alles fotografieren und filmen, sondern sich einfach mal dem Augenblick hingeben und genießen können, was gerade um sie herum passiert.

Interview: Boris Halva

„Über die Beleuchtung, das Kostüm, überhaupt die ganze Anmutung wird die Bühne zu einem Ort, an dem ich mich sicher fühle und an dem ich mich gerne ausziehe.“ madame x
„Über die Beleuchtung, das Kostüm, überhaupt die ganze Anmutung wird die Bühne zu einem Ort, an dem ich mich sicher fühle und an dem ich mich gerne ausziehe.“ madame x © Madame X

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