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Der staatliche Amtsvormund für den kleinen Kevin, Bert K., steht vor Gericht.

Vormund trauert um Kevin

"Zu viel Belastung und Verantwortung"

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Vor dem Bremer Landgericht hat der lang erwartete Prozess gegen den Amtsvormund des zweijährigen Kevin begonnen, der von seinem Ziehvater tödlich misshandelt worden war. Von Eckhard Stengel

Bremen. Der Tod des kleinen Kevin beschäftigt erneut die Bremer Justiz: Vor dem Landgericht begann am Dienstag der seit langem erwartete Prozess gegen den Amtsvormund jenes Zweijährigen, der von seinem Ziehvater tödlich misshandelt worden war. "Ich trauere um den Tod des Jungen Kevin", sagte der 67-jährige Pensionär in seiner Eingangserklärung.

Ihm wird fahrlässige Tötung durch Unterlassen vorgeworfen. Laut 123-seitiger Anklageschrift soll er monatelang "sorgfaltswidrig versäumt" haben, rechtzeitig für eine räumliche Trennung Kevins von seinem drogensüchtigen und gewalttätigen Ziehvater zu sorgen. Als das Kind im Oktober 2006 doch noch ins Heim gebracht werden sollte, fanden Polizisten seine bereits stark verweste Leiche mit zwei Dutzend Knochenbrüchen im Kühlschrank des Ziehvaters.

Er sei damals "viel zu spät" eingeschritten, bekannte der Angeklagte mit teilweise brüchiger Stimme. Seither sei "kein Tag vergangen", an dem er nicht an den Jungen und an seine eigene Verantwortung gedacht habe. Immer noch frage er sich: "Was habe ich falsch gemacht, warum habe ich nicht die Gefahr erkannt?"

"Vielzahl schwerwiegender Alarmzeichen"

Er sei allerdings nur einer von mehreren Beteiligten jenes Geschehens, das "in der Katastrophe geendet" habe. "Warum sind wir Amtsvormünder damals im Stich gelassen worden mit dem Übermaß unserer Belastung und unserer Verantwortung?", fragte er. Die Vormünder hätten im Schnitt 230 Kinder betreuen müssen, heute seien es nur noch 90. Es sei nicht sachgerecht und fair, wenn die Anklage sein Verhalten aus heutiger Sicht bewerte.

Ein zunächst ebenfalls angeklagter Fallmanager des Jugendamts kommt ohne Prozess davon: Das Verfahren gegen den schwer erkrankten 58-Jährigen wurde wegen dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.Der 43-jährige Ziehvater war bereits 2008 zu zehn Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden. Außerdem wies das Landgericht ihn in eine Entziehungsanstalt ein.

Kevin hatte seit dem Tod seiner Mutter im Herbst 2005 unter Vormundschaft des Jugendamtes gestanden, durfte aber weiter bei dem als gewalttätig bekannten Lebensgefährten der Mutter bleiben. Dabei lagen der Behörde - vor allem dem zunächst mitangeklagten Fallmanager - bereits seit Kevins Geburt Anfang 2004 eine "Vielzahl schwerwiegender Alarmzeichen" vor, wie die Staatsanwältin vortrug. Als 2005 der Amtsvormund eingesetzt wurde, habe sich dieser gar nicht erst Kevins Akte angeschaut.

Beschwerden "als Genöle" abgewimmelt

Sein Verteidiger sagte zu Journalisten, die Amtsvormünder hätten sich regelmäßig darauf verlassen, dass die Fallmanager sie von sich aus über schwierige Fälle informierten. "Dieses Vertrauensprinzip hat hier furchtbarerweise überhaupt nicht funktioniert." Im Übrigen hätten die Vormünder ihre Vorgesetzten frühzeitig auf ihre Überlastung hingewiesen: Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Katastrophe passiere. Doch die Beschwerden seien "als Genöle" abgewimmelt worden.

Nach dem Leichenfund trat Bremens Jugend- und Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) umgehend zurück. Der Jugendamtsleiter wurde abgelöst, gegen den Fallmanager und den Amtsvormund wurden Disziplinarverfahren eingeleitet.

Mittlerweile hat Bremen das Jugendamtspersonal aufgestockt und einen Kinderschutz-Notruf eingerichtet. Außerdem ist eine Obduktionspflicht bei allen ungeklärten Kindertodesfällen geplant.

Ein Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft stellte 2007 nach den Worten seines Vorsitzenden fest: "Kevin könnte heute noch leben, wenn man gehandelt hätte." Neben persönlichem Fehlverhalten seien dafür aber auch "strukturelle Mängel" verantwortlich.

Für den Prozess gegen den Amtsvormund sind vorerst 23 Verhandlungstage bis Ende Dezember vorgesehen. Dem Angeklagten drohen im Falle einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft.

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