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Bar Suit: Shantung-Seide, Woll-Crêpe und Taft, Frühjahr 1947.

Victoria & Albert

Der Meister reicht den Blütenkelch

Freigelegte Knöchel und Füße? „Beides keine Stärke britischer Frauen.“ Das Victoria&Albert Museum widmet dem Couturier Dior eine Retrospektive.

Der Traum beginnt gleich im ersten Raum. Da hängt es nämlich. Fast schüchtern und bescheiden präsentiert, wirkt das ikonenhafte „Bar“-Kostüm im Victoria & Albert Museum zunächst keineswegs wie das Symbol einer Revolution. Nichts weniger aber löste Christian Dior aus, im Februar 1947, zu einer Zeit, als Europa noch unter dem Schmerz des gerade zu Ende gegangenen Krieges litt und das Gefühl vergessen zu haben schien, in Schönheit zu denken, sich nach Eleganz zu sehnen, ob in Frankreich oder in Großbritannien.

In diese graue Nachkriegszeit wirft der Couturier eine Silhouette, die frech, unerhört und zugleich wunderschön feminin ist. Dior sollte nichts weniger als der Frau ihre weibliche Form zurückgeben. „Lieber Christian! Ihre Kleider kreieren einen richtigen New Look!“, schrieb Carmel Snow, die einflussreiche Chefredakteurin des Magazins „Harper’s Bazaar“, nach Diors erster Modenschau in Paris und gab der legendären Blütenkelchlinie damit einen Namen, der sich schnell in der Welt verbreiten sollte. Ab diesem Samstag würdigt das Londoner Victoria & Albert Museum mit „Christian Dior: Designer of Dreams“ den Beitrag des Modehauses zur Designgeschichte.

Das „Bar“-Ensemble, die cremefarbene Seidenjacke mit ihrer engen Taille und der weit schwingende schwarze Rock, der die Hüften umschmeichelt, löste bei seiner Vorstellung damals nicht nur Bewunderung, sondern in manchen Kreisen beinahe Panik aus. So rief etwa die britische Regierung die Moderedakteure des Königreichs zusammen und appellierte an deren Patriotimus. Sie sollten die Dior-Kollektion, so die Forderung, schlecht bewerten oder – besser noch – ganz ignorieren.

Zu unpassend schien der Politik die Üppigkeit der Röcke, die verschwenderisch viel Stoff verbrauchten, während die Bevölkerung unter einem strengen Sparzwang mit rationierten Lebensmitteln sowie Kleidern ächzte. Diors extravagante Rocklängen würden sich ohnehin niemals durchsetzen, schrieb damals der Kunsthistoriker und V&A-Museumskurator James Laver, da sie die Knöchel und die Füße betonten – „keines von beidem eine Stärke britischer Frauen“. Wie falsch er doch lag, zeigt die Ausstellung, die bis zum 14. Juli läuft.

Diors Vision war heilender Balsam für die Damen

Denn Diors Vision von einer unbeschwerten, elegant-femininen Frau und seine Kreationen, die in feinen Stoffen schwelgen, mit farbenfrohen Blumen-Motiven spielen und weibliche Rundungen hervorheben, waren heilender Balsam für die Damen, die genug von Funktionalität und Zurückhaltung hatten. „Frauen wünschten sich Veränderung und seine Mode war eine hoffnungsvolle Annäherung an die Zukunft“, sagt Oriole Cullen der FR, Kuratorin der Ausstellung. Ein Triumph der Weiblichkeit? „Ich betrachte meine Arbeit als vergängliche Architektur, gewidmet der Schönheit des weiblichen Körpers“, schmeichelte Dior.

Tatsächlich ist es beim Gang durch die Schau, als schwebe man durch einen magischen Traum. So aufwendig und kunstvoll sind die elf Ausstellungsräume eingerichtet und dekoriert, so atemberaubend glitzern und schimmern und strahlen die mehr als 200 Haute-Couture-Roben. Es wird etwa das märchenhafte Kleid gezeigt, das Prinzessin Margaret zu ihrem 21. Geburtstag trug und in dem sie 1951 für das berühmte Porträt von Cecil Beaton abgelichtet wurde. Sie sei „eine wahre Märchenprinzessin“ gewesen, zart, anmutig, außerordentlich, schrieb Christian Dior über die junge Margaret, die 2002 verstorbene Schwester von Königin Elizabeth II.

„Er liebte die Idee von Aristokratie und hatte eine romantische Sicht auf die Vergangenheit“, sagt Kuratorin Cullen. Und die Royals liebten ihn zurück, weshalb es den anglophilen Designer auch immer wieder über den Kanal zog, wie jener Teil der Ausstellung erklärt, der sich Diors Beziehung zu Großbritannien widmet. „Es gibt kein anderes Land auf dieser Welt, außer mein eigenes, dessen Lebensart ich so gerne mag. Ich liebe die englischen Traditionen, die englische Höflichkeit, die englische Architektur. Ich liebe sogar die englische Küche“, sagte er einst.

Londoner Schau hat ihren eigenen Stil

„Er hatte einen gefärbten Blick auf englische Frauen in ihren Tweed-Blazern und Ballkleidern, er fand das wundervoll“, betont Kuratorin Cullen. Hinzu käme, dass er im nordfranzösischen Granville, an der Küste der Normandie aufgewachsen war – und damit nicht weit entfernt von der Insel, wo er von der britischen Gesellschaft schnell aufgenommen wurde. Ebenfalls very British war seine Bewunderung für Gärten, die er von seiner Mutter hatte. Nach Frauen seien Blumen „die göttlichsten Kreationen“, so der homosexuelle Dior. Selbst nach dem Tod des Couturiers, der 1957 an den Folgen eines Herzinfarktes in Italien starb, blieb der Garten ein Motiv, das die ihm nachfolgenden Designer des Hauses Dior gerne benutzten.

Obwohl die Londoner Schau zwar in Teilen auf der Retrospektive in Paris im vergangenem Jahr basiert, hat sie doch ihren eigenen Stil gefunden. Es sind natürlich ebenso Entwürfe des Ateliers, Parfüms, Accessoires, Fotografien von berühmten Kundinnen, Illustrationen, Kampagnenbilder, Magazin-Cover und Videosequenzen zu sehen. In erster Linie aber geht es um die ganz besondere Mode des Hauses Dior. Maßgeschneidert. Fantasievoll. Wie Kunstwerke ziehen sie den Blick der Betrachter auf sich. Und dazu gehören nicht nur die Roben von John Galliano, der von 1996 bis 2011 Kreativdirektor war und der gerne historisch inspirierte Mode mit neuen Einflüssen verfremdete.

Häufig, so illustrieren beigefügte Fotos, wurde die Haute Couture für Prominente wie die Schauspielerinnen Jennifer Lawrence, Emma Watson oder Nicole Kidman angefertigt. Ebenfalls ausgestellt ist das dunkelblaue Kleid aus Seide und Spitze, das Lady Di 1996 zur Dior-Jubiläumsgala in New York trug. Nicht nur damit werden die Weggefährten des Hauses, das heute zum großen Luxusgüterkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) gehört, geehrt.

1958 übernahm zunächst der blutjunge Yves Saint Laurent und führte das Erbe nicht nur weiter, sondern prägte als Kreativdirektor Dior genauso wie Marc Bohan, der ab 1960 das Haus durch die kulturellen Veränderungen der 60er, 70er und 80er Jahre lenkte und der Mode Simplizität verlieh. Bohan sollte bis 1989 bleiben, bevor Gianfranco Ferré antrat. Auf ihn folgte 1996 der schillernde Brite John Galliano. Mit seiner Neigung zum Minimalismus stand ab 2012 Raf Simons an der kreativen Spitze. Seit Juli 2016 steht mit Maria Grazia Chiuri die erste Frau in dieser Position. Dem Frauenliebhaber Dior hätte das sicher gefallen.

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