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Legendäre Großklinik: Die Charité hat 13.000 Mitarbeiter.

Sexueller Missbrauch

Vertuschen und abwiegeln an der Charité

Die weltberühmte Berliner Charité kämpft um ihren Ruf. Der Fall sexuellen Missbrauchs durch einen Pfleger an der Klink wirft Fragen nach der Informationspolitik der medizinischen Leitung auf.

Von Julia Haak und Martin Klesmann

Der Berliner Ärztekammerpräsident Günter Jonitz hat Europas größtes Universitätsklinikum jetzt in Schutz genommen. Die Charité bemühe sich um ein besseres Risikomanagement, sagte er in einem Interview. Jonitz Worte beziehen sich auf den Missbrauchskandal, der sich im Moment an der Charité abspielt.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass in der vergangenen Woche auf der Kinderrettungsstelle der Charité ein Pfleger eine 16-Jährige missbraucht haben soll. Die Klinikumsleitung hatte den Vorfall allerdings eine Woche lang verschwiegen, bis eine Zeitung darüber berichtete. Dann offenbarte sie, dass der beschuldigte Pfleger schon vor Jahren mindestens drei andere Kinder missbraucht haben soll

Das war Mitarbeitern bekannt. Ungeklärt ist bislang nur, ob der Verdacht, einen Missbrauchstäter in den eigenen Reihen zu beschäftigen und ihm weiterhin den Kontakt zu minderjährigen Patienten zu ermöglichen, nicht auch der damaligen Pflegedienstleitung bekannt war.

Senatorin fordert Aufklärung

Möglicherweise reicht nun das reine Bemühen um Besserung nicht mehr. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die auch Aufsichtsratsvorsitzende der Charité ist, sprach am Donnerstag von einem dramatischen Vorfall und hat den Vorstand des Klinikums aufgefordert, die genauen Hintergründe und Abläufe offen zu legen. „Daraus wird sich dann ergeben, ob wir auch personelle Konsequenzen ziehen“, sagte Scheeres. Der Bericht des Vorstandes müsse bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung Anfang Dezember vorliegen. Bereits jetzt sei klar, dass die Verantwortlichen Fehler gemacht hätten.

„Wie kann es sein, dass ein Pfleger, der schon einmal auffällig war, erneut auf der Kinderstation beschäftigt wird?“, empörte sich Scheeres. In Missbrauchsfällen müsse es ein klares Verfahren geben, das auch zu dokumentieren sei. Scheeres' Behörde konnte bis zum Abend nicht genauer klären, wieso die früheren Vorfälle ohne Konsequenz geblieben waren. Die Senatorin empfahl der Charité einen externen Berater für Kinderschutzfälle, um Mitarbeiter im Umgang mit sexuellem Missbrauch zu schulen. Scheeres hatte zunächst die Organisation „Kinder im Zentrum“ angefragt, doch die Charité will mit „Innocence in danger“ kooperieren.

Auch der Berliner CDU-Generalsekretär Kai Wegner kritisiert das Kommunikationsdesaster und fordert Konsequenzen. Er sieht den „exzellenten Ruf“ des Klinikums nachhaltig geschädigt.

„Keine wünschenswerte Diskussion“

Der erste Satz von Charité-Chef Karl Max Einhäupl zum aktuellen Fall ließ jedenfalls bereits am Mittwoch tief blicken. Einhäupl leitete seine Worte als Chef jenes Unternehmens, das dem beschuldigten Pfleger die Gelegenheit zum Missbrauch bot, mit den Worten ein, die Charité sei nun wieder in eine nicht wünschenswerte Diskussion gebracht worden. Das ist sicher wahr, nur der Situation angemessen sind seine Worte sicher nicht.

Patienten und zumal Minderjährige sind in einer Klinik in einer sehr verletzlichen Situation. Welchen Ansehensverlust sollte ein Klinikum mehr fürchten, als den Glauben der Patienten, in guten Händen zu sein. Die Charité hat ihn verspielt. Nicht dadurch, dass etwas passiert ist. Sexuellen Missbrauch von Kindern gebe es dort, wo Kinder sind, sagte die Geschäftsführerin der Kinderschutzorganisation Innocence in danger, die die Charité jetzt in Bezug auf den Fall berät. Die Frage ist, wie man damit umgeht.

Die Charité suspendierte nach dem Vorwurf des Mädchens den beschuldigten Pfleger. Die Staatsanwaltschaft schaltete sie nicht ein. Die Behörde ermittelt jetzt trotzdem. Aber ihre Aufgabe ist durch das Verhalten der Charité nicht einfacher geworden. „Beweismittel wie DNA-Spuren gibt es leider nicht mehr“, sagte der Sprecher der Anklagebehörde, Martin Steltner, weil der Übergriff schon vor mehr als einer Woche passiert sei. „Darum müssen wir vor allem auf Zeugenaussagen zurückgreifen – etwa die der mutmaßlich Geschädigten.“ Der 58 Jahre alte Tatverdächtige sei bislang wegen ähnlicher Fälle nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten.

Mangelndes Problembewusstsein

Neben ihrer Verschleierungstendenz kann man der Charité noch einen weiteren Vorwurf machen: mangelndes Problembewusstsein. Nach einem Fall im Berliner Helios-Klinikum im Dezember 2010, als ein Pfleger der Kinder-Intensivstation mehrere Kinder missbraucht hatte, musste jedem Klinik-Chef in der Region klar sein, dass dieses Möglichkeit auch im eigenen Hause besteht. Offensiv wurde mit dem Thema in der Charité aber nicht umgegangen.

Man muss sich schon fragen, wie die Unternehmenskultur aussieht, wenn Mitarbeiter wissen, dass ein Pfleger im Ruf steht, Kinder unsittlich zu berühren, er aber in dieser Position belassen wird. Dass an den Vorwürfen und Gerüchten nichts dran war, hat jedenfalls niemand festgestellt. Im Gegenteil. Charité-Chef Einhäupl sagt: „Dieser Mann wird keine Gelegenheit mehr haben, an der Charité zu arbeiten“. Sein Urteil steht nun plötzlich auch ohne Gerichtsurteil fest.

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