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Für verrückt erklärt

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Für verrückt erklärt.
Für verrückt erklärt. © afp

Eine einzige Diagnose wurde Tanja Afflerbach zum Verhängnis. Jahrelang wurde sie von Ärzten falsch behandelt und mit Psychopharmaka vollgestopft. Jetzt kämpft sie um Entschädigung. Von Annika Joeres

Tanja Afflerbachs Körper ist auf der Flucht. Ihre Nerven sind immer angespannt, die Nackenhaare sträuben sich und die Augen flackern. Gegen die Schmerzen pumpt ein handgroßer Apparat in der Bauchdecke Morphium ins Blut. "Sonst könnte ich keine Sekunde weiterleben", sagt die 38-Jährige aus dem westfälischen Siegen. Ihr Körper spielt verrückt - ihr Geist aber ist hellwach. Sie benutzt lateinische Begriffe für die vielen Qualen und Beschwerden, die Psychopharmaka bei ihr ausgelöst haben.

Afflerbach führt vor dem Siegener Landgericht einen beispiellosen Prozess gegen ihre früheren Psychiater. Am 5. Februar wird das Gericht über die Höhe des Schmerzensgelds entscheiden, das Tanja Afflerbach bekommen muss. Sie könnte die erste Patientin in Deutschland sein, die eine falsche Therapie mit Nervenmitteln nachweisen kann. "Ich musste das Leben einer Verrückten führen, ohne verrückt zu sein", sagt die Frau mit dem Kurzhaarschnitt und den weichen Körperformen. Als Jugendliche war sie eine sehr gute Schülerin und trainierte im Leistungskader des deutschen Skiverbands. Nun erzählt die Frau mit der schmalen Nickelbrille auf der Stupsnase in druckreifen Sätzen, wie sie als Psychotikerin abgestempelt wurde. Sie will, dass ihr geglaubt wird. Manchmal bricht ihre Stimme, die Tränen fließen.

Doch wie immer, wenn es um Kunstfehler geht, haben vor Gericht die Gutachter das Sagen und nicht die Betroffenen. An diesem regnerischen Wintermorgen hören ihnen rund fünfzig "Psychiatrieerfahrene" im Saal 29 des Siegener Gerichts zu. Bei einigen zucken die Gesichtsmuskeln, eine bekannte Nebenwirkung von Neuroleptika. Ein älterer Herr mit sorgsam zurückgegelten grauen Haaren trägt ein vergilbtes Pappschild um den Hals: "Wenn ich wieder eingesperrt werde, trete ich sofort in den Hungerstreik" ist darauf zu lesen. Sie alle hoffen, die wortgewandte Frau auf der Klägerbank schafft einen Präzedenzfall. Verrückte und Nervenschwache, Schizophrene und Depressive hatten vor Gericht bislang kaum eine Chance. Die Zuschauer fahren seit 2005 zu jedem Gerichtstermin von Afflerbach. So lange dauert der Prozess um falsche Diagnosen und gefährliche Neuroleptika schon.

Bereits nach der zweiten Verhandlung im Juni 2007 stellte das Siegener Landgericht fest: Es liege ein"Behandlungsfehler auf Seiten der behandelnden Ärzte" vor. Und weiter: Die "Behandlungsmaßnahmen waren im wesentlichen nicht von der Einwilligung der Patientin gedeckt. Folglich steht ihr Schadenersatz zu". Die nüchternen Worte sind eine Sensation: Laut Aussage der Bundesärztekammer betreffen nur 0,5 Prozent der Klagen auf ärztliche Kunstfehler die Psychiatrie. Und es gibt immer mehr Verfahren gegen Ärzte: 2007 erledigten die Zivilgerichte mehr als 11 500 Fälle, das waren knapp 20 Prozent mehr als drei Jahre zuvor. Die meisten richteten sich gegen Chirurgen oder Orthopäden. Mediziner also, von denen sichtbare Resultate etwa nach einer Knie- oder Hüftoperation verlangt werden. Menschen in der Psychiatrie aber ist weder ihre Krankheit noch ihre Heilung eindeutig nachzuweisen.

23 Mal in die Klinik

Tanja Afflerbach wurde in den Jahren von 1991 bis 2001 insgesamt 23 Mal in psychiatrischen Kliniken aufgenommen, 17 Mal davon im beklagten Kreiskrankenhaus Siegen. Mehr als 440 Tage verbrachte sie dort stationär. Dutzende Ärzte und Schwestern behandelten sie dort. Nun muss sich die Klinik insgesamt vor Gericht verantworten. Ihre Verteidigungslinie ist simpel: Afflerbachs aktuelle Leiden seien durch eine "rheumatische Erkrankung" zu erklären und stünden nicht im Zusammenhang mit den verabreichten Neuroleptika, so der Anwalt der Klinik. Außerdem sei es unmöglich, die damalige Diagnose heute zu rekonstruieren.

In einem kargen, holzgetäfelten Raum des Siegener Landgerichts sitzen sich die Gutachter gegenüber. Vor ihnen liegen dicke Aktenordner, sie tragen dunkle Sakkos. Und in der Regel widersprechen sich Gutachter-Kollegen eigentlich nicht. In diesem Fall aber ist es anders. Wolfgang Meier, hoch dekorierter Leiter der Rheinisch-Westfälischen Kliniken in Bonn und Gutachter des Gerichts, hat offenbar die mehrere hundert Seiten umfassenden Afflerbach-Akten sehr genau studiert. Seine Worte haben vor Gericht Beweisrang. Mit leiser Stimme sagt der hochgewachsene 60-Jährige mit dem sorgfältig gescheitelten Haar zum Richter: "Frau Afflerbach war nie psychotisch krank." Und doch hat die angehende Lehrerin zehn Jahre in der Psychiatrie und in psychiatrischen Ambulanzen verbracht.

1991 beginnt ihr Martyrium. Tanja Afflerbach ist 21 Jahre alt und gerade aus dem Elternhaus in die erste eigene Studentenbude nach Siegen gezogen. Eine sorglose Zeit, die Uni macht ihr Spaß. Sie ist eine eifrige Kunststudentin, die später am Gymnasium unterrichten will. Und dann ändert ein Autounfall ihr gesamtes Leben. An einer Straßenkreuzung in Allenbach bei Siegen nimmt ihr ein anderer Autofahrer die Vorfahrt. Beide Fahrzeuge prallen frontal aufeinander. Afflerbachs damaliger Freund und Beifahrer wird in einem Krankenwagen in eine Klinik gebracht. Sie selbst wird - vermeintlich unverletzt - am Unfallort buchstäblich von den Sanitätern vergessen. So trampt sie nach Hause. Nachts im Bett jedoch rasen immer wieder die Lichter des anderen Wagens auf sie zu. Aus Sicht des richterlichen Gutachters waren dies eindeutige Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Zitternd und zappelig geht Tanja Afflerbach zu ihrem Hausarzt. Der diagnostiziert statt einer posttraumatischen Belastungsstörung ein Schleudertrauma und schickt sie zu einer Nervenärztin. Nach einem kurzen Gespräch verabreicht ihr diese Ärztin eine so genannte Imap-Depot-Spritze mit einem Neuroleptikum und diagnostiziert eine Schizophrenie. Die "Erhebung von Befunden wurde versäumt", heißt es dazu später im gerichtlichen Beschluss.

Die erste Injektion der Psychiaterin wirkt wochenlang in Afflerbachs Körper. Sie fühlt sich furchtbar. Ihr ganzer Körper krampft sich zusammen - von den Zehen bis zur Kopfhaut. Ihr bleibt der Atem weg, die Zunge zieht es in den Rachen. Gegen dieses "Extrapyramidale Syndrom", eine Nebenwirkung von Neuroleptika, erhält sie dann im Krankenhaus das Gegenmittel Akineton. Es wird normalerweise Patienten mit Parkinson verschrieben.

Alle Psychopharmaka abgesetzt

Vor acht Jahren hat Tanja Afflerbach alle Psychopharmaka abgesetzt und seitdem haben sich auch keine "psychiatrisch relevanten Symptome" mehr gezeigt. Gutachter Meier wundert das nicht. "Die Diagnose der Psychose wurde in der Klinik einfach übernommen", fasst er die Krankenakten zusammen. "Heute ist eindeutig, dass sie falsch war." Neuroleptika seien aufgrund einer "Verdachtsdiagnose" verabreicht worden und noch dazu in "außergewöhnlich hoher" Dosierung. Der Sachverständige kann nicht nachvollziehen, warum der jungen Frau 1991 eine Psychose und fünf Jahre später ohne weitere Angabe von Gründen ein Borderline-Syndrom, also eine schwere Persönlichkeitsstörung, attestiert worden sei. Alles Befunde, die für Tanja Afflerbach fremd und zerstörerisch klangen, so, als hätte jemand sie aus weiter Ferne beobachtet und dann in einen Käfig gesperrt. Menschen, die sie nur wenige Minuten gesprochen hatten.

In der Psychiatrie sind Diagnosen selten eindeutig. Zwar existiert mit dem ICD 10 ein internationales System der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Aber auch dieser Katalog an Kriterien wird ständig überarbeitet, alte Überzeugungen schwinden. In Zukunft wird es beispielsweise die Diagnose "Borderline-Syndrom" gar nicht mehr geben. Die WHO hat sie als zu ungenau eingestuft. Eine Diagnose, die das Leben von Afflerbach und tausenden weiteren Patienten in den vergangenen Jahrzehnten bestimmt hat.

Tanja Afflerbachs angebliches Borderline-Syndrom wurde mit Leponex in einer Dosis von mindestens 900 Milligramm pro Tag behandelt. Dazu nahm sie weitere Psychopharmaka, Schlafmittel und Tranquilizer wie Haldol, Dipiperon und Tavor. Alleine zwischen dem 29. März 2001 und dem 21. Mai 2001 erhielt sie sechs verschiedene Neuroleptika. "Dabei gab es ausreichend Hinweise auf eine diagnostische Unsicherheit", sagt Gutachter Meier. Ihr Musiktherapeut und eine behandelnde Ärztin hätten der Klinikleitung geraten, Leponex abzusetzen. Der Gutachter der Klinik in Siegen behauptet sogar, die Diagnose sei "immer wieder besprochen" worden. Allerdings konnte das Krankenhaus das bislang nicht schriftlich belegen. "Die überdurchschnittliche Gabe von Medikamenten ging unvermindert weiter", sagt Gutachter Meier.

Kerzengerade und mit ausdruckslosem Gesicht verfolgt Tanja Afflerbach die Debatte der Herren um ihre vermeintliche Verrücktheit. Schon seit fast zwei Jahrzehnten hört sie Fremde über sich urteilen. Heute ist sie Künstlerin und stellt Grafiken aus. Als Autorin schreibt sie Kurzgeschichten. Im Prozess ist sie zum Schweigen verurteilt. Kurz vor dem Beginn der Verhandlung aber huscht sie nervös durch die Gerichtsflure. Sie weiß, dass die Gegenseite wieder jede ihrer protokollierten Äußerungen und Gefühle heranziehen wird, um sie doch als schizophren zu beschreiben. Eine Diagnose, die wirkt wie das Urteil: lebenslang. "Es hat lange gedauert, bis die Menschen mich wieder als vollwertigen Menschen akzeptiert haben", sagt die junge Frau.

Beweise für die Normalität finden

Sie selbst musste Beweise für ihre Normalität finden. Ihr Dozent von der Universität Siegen, Bernd Fichtner, bezeugte vor Gericht: "Tanja Afflerbach war eine der wenigen Studierenden, die mir schon im ersten Semester mit überdurchschnittlichen Leistungen aufgefallen ist." Sie sei belesen und besäße eine konstruktive Kritikfähigkeit, so der Pädagogik-Professor. Der "menschliche Respekt" von Kommilitonen und Lehrenden sei ihr sicher. Doch unter dem Einfluss der Neuroleptika hatte Tanja Afflerbach ihr Schicksal nicht mehr in der Hand. Insgesamt 19 Mal war sie in der Siegener Klinik, hinzu kamen weitere ambulante Behandlungen. Bei jeder Einlieferung wurde ihr Blut abgenommen, manchmal auch ein EEG durchgeführt. Ein diagnostisches Gespräch aber fand nicht statt.

Afflerbach saß im Psychiatrie-Kreislauf fest. Die Dosis der Medikamente war so hoch, dass sie nur unter ärztlicher Begleitung reduziert werden konnte. Mit der Hoffnung auf Entzug ging die Leidende meist freiwillig in die Klinik - und bekam doch nur weitere Pillen. "Ich lag im Bett und habe vor mich hingedämmert", erzählt sie. Wie hinter einer Nebelwand habe sie gelebt. Außerhalb des Gerichtsgebäudes sprudeln die Worte aus ihr hervor, so als sei sie froh, heute die Aufmerksamkeit zu finden, die ihr lange Zeit verwehrt waren.

Familie Afflerbach schaute Tanjas körperlichem und seelischem Verfall hilflos zu. "Ich hatte das Gefühl, meine Tochter verloren zu haben", gab Mutter Margitta beim Gericht zu Protokoll. Zunächst vertrauen die Eltern den Ärzten. Aber dann geht es ihrer Tochter immer schlechter. Sie liegt zu Hause im Bett - mit leeren Blick. Einmal brechen die Eltern sogar ihren Urlaub ab, weil sie nach einem Telefonat mit ihrer Tochter so beunruhigt sind. Doch die Ärtzte wehren jeden Wunsch nach einem Gespräch ab. Immer wieder habe sie um Gesprächstermine gebeten, immer wieder sei sie abgewiesen worden, sagt die Mutter.

Die Angehörigen suchen nach einer neuen Behandlung. Doch eine Patientin mit dieser Diagnose, die auch noch derartig viele Neuroleptika einnimmt will keine Klinik aufnehmen. Selbst als sie einmal mit einem Gehörsturz in einem Krankenhaus in Freudenberg liegt, wird sie vorzeitig entlassen. Der Arzt will die Verantwortung für die hohe Medikamentendosierung nicht übernehmen. "Vor der Behandlung war Tanja so lebensfroh und klug. Dann habe ich sie nicht mehr wiedererkannt. Das war nicht mehr meine Tochter", sagt die Mutter dem Gericht. Niemand hat ihr die Behandlung und deren Nebenwirkungen erklärt. "Ich habe einen regelrechten Hass auf die Medikamente entwickelt," sagt Margitta Afflerbach. "Ich dachte, irgendwann kippt sie tot um."

Nach fast zehn Jahren ununterbrochener Behandlung mit Neuroleptika probierten die Ärzte 2001 wieder ein neues Medikament, Amisulprit, und setzten Leponex in nur drei Wochen ab. Viel zu schnell für die Nerven von Tanja Afflerbach. Von dem raschen Entzug schwitzen ihre Füße so stark, dass sich die neuen Sandalen nach wenigen Tagen regelrecht auflösen. Ihr Herz schlägt extrem langsam, sie empfindet plötzlich Kälte und dann wieder Hitze. Sie trinkt bis zu 20 Liter am Tag, ein Phänomen, das Polydipsie genannt wird. Sätze, die sie formuliert, bleiben in einer ewigen Gedankenschleife hängen. Der Druck im Kopf wird unerträglich. "Ich dachte, mir platzt der Schädel", sagt sie heute.

Symptome ignoriert

Für Gutachter Meier hat Tanja Afflerbach bekannte "Absetzungsbeschwerden" erlitten, auf die die Ärzte hätten reagieren müssen. Doch die heftigen Symptome wurden ignoriert. Afflerbach wurde sogar als "hysterisch" beschimpft. Und dabei hat sie schreckliche Schmerzen.

Wochen später holt Bruder Karsten Tanja Afflerbach aus der Klinik ab. Da fühlt sie sich schon dem Tod nahe, erzählt sie heute. Weitere Monate vergingen, bis sie endlich keine Psychopharmaka mehr nimmt und einen Schmerztherapeuten in einer Wittener Klinik fand. Ihr Leben wird wieder erträglich. Aber ihre Nerven sind nach wie vor überempfindlich, sie trägt eine spezielle UV-Brille und muss sich vor Kälte schützen. "Es ist grauenhaft", sagt sie.

Wahrscheinlich hätte sie schon längst aufgegeben, wenn nicht immer wieder Betroffene anrufen und sich bei ihr bedanken würden. Wie die Zuschauer im Gerichtssaal, die sichtlich angespannt zuhören. Einige schreiben jedes Wort des Richters und der Gutachter mit. Immer wieder nicken sie Afflerbach aufmunternd zu, schieben ihr Zettel mit eiligen Nachrichten auf den Tisch. "Es gibt viel mehr Menschen, die an Psychopharmaka leiden, als wir uns vorstellen wollen", sagt sie leise.

Am 5. Februar wird nun eine Entscheidung fallen. Afflerbachs Anwältin forderte zu Prozessbeginn 400 000 Euro, weil zusätzlich zu den körperlichen Schmerzen ihr entgangener Verdienst als Lehrerin bezahlt werden müsse. Der Richter hat einen Vergleich über 150 000 Euro angeboten. Beide Parteien lehnten ab. Afflerbach aber will "nicht ums Geld" streiten. Sie stößt das Wort Geld fast widerwillig hervor, als sei es geradezu lächerlich, sie nach konkreten Summen zu fragen. Sie möchte rehabilitiert werden, den Makel einer "Verrückten" los werden. Eine angemessene Entschädigung wird es für sie ohnehin nicht geben können.

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