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Ursula Wittwer-Backofen, Gutachterin für Forensische Anthropologie der Universiät Freiburg, wartet am Dienstag in Freiburg auf ihre Aussage im Gerichtssaal.
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Ursula Wittwer-Backofen, Gutachterin für Forensische Anthropologie der Universiät Freiburg, wartet am Dienstag in Freiburg auf ihre Aussage im Gerichtssaal.

Prozess gegen Hussein K.

Der verräterische Eckzahn

Im Prozess um den Mord an einer Studentin in Freiburg spielt das Alter des Angeklagten eine entscheidende Rolle für das Urteil. Laut einem Zahn-Gutachten ist Hussein K. womöglich älter als angenommen.

Am zehnten Verhandlungstag sitzt Hussein K. auf der Anklagebank und schweigt. Wenige Meter weiter berichten Sachverständige, was sie herausgefunden haben. Im Freiburger Prozess um den jungen Flüchtling, dem der Sexualmord an einer Studentin zur Last gelegt wird, ist das Alter des Angeklagten für ein Urteil entscheidend.

Laut einem ersten Gutachten ist sicher: Hussein K. ist, entgegen seiner früheren Behauptung, kein Jugendlicher und auch kein Heranwachsender mehr. Ein Zahn dient dabei als wesentliches Beweismittel - ungewohntes Terrain in Strafverfahren, und die juristischen Folgen können weitreichend sein.

Hussein K. nennt kein konkretes Alter

Das Beweisstück mit der Nummer 14.2.2.2.25.48 soll am Dienstag vor der Freiburger Kammer die Wahrheit ans Licht bringen. Es ist ein Eckzahn des Angeklagten, der ihm von einem Zahnarzt bei einem Routineeingriff gezogen worden war. Andere Zähne hatten ihn überlagert, deshalb wurde der Zahn Nummer 13 mit der Wurzel herausgeholt. Hussein K. behielt ihn als Souvenir. Er bewahrte ihn in seinem Zimmer auf. Dort fanden ihn Polizeibeamte, als sie nach der Festnahme des Flüchtlings alles durchsuchten.

K. steht seit zwei Monaten vor Gericht. Er hat zugegeben, im Oktober vergangenen Jahres in Freiburg die 19-Jährige vergewaltigt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt zu haben. Die Frau ertrank im Wasser der Dreisam. Der Fall löste, noch vor dem Anschlag eines Tunesiers auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember, Debatten über die deutsche Flüchtlingspolitik aus. K. behauptete, zur Tatzeit 17 Jahre alt gewesen zu sein. Zum Prozessauftakt gab er zu, älter zu sein. Ein konkretes oder belegbares Alter nannte er nicht.

Zahnuntersuchung: Jahresringe wie an Bäumen

Für den Prozess spielt daher der Zahn eine zentrale Rolle. Denn es ist unklar, wie alt der vor der Jugendkammer stehende Hussein K. wirklich ist. Er galt als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling und hatte keine Papiere, als er im November 2015 nach Deutschland kam. Die Staatsanwaltschaft hält K. angesichts von insgesamt zwei Altersgutachten für mindestens 22 Jahre alt. Die Ergebnisse der Zahnuntersuchung gelten dabei als vergleichsweise sicher.

„So etwas haben wir selten in Strafverfahren, dass wir diese Methode anwenden können“, sagt die Wissenschaftlerin Ursula Wittwer-Backofen. Denn Zähne dürfen nicht gezogen werden, wenn der Betroffene nicht einverstanden ist. Das wäre Körperverletzung und illegal. Dass im konkreten Fall ein bereits vorher gezogener Zahn gefunden wurde, war Glück für die Ermittler.

Er liefert, sagt die 60 Jahre alte Anthropologin, klarere Ergebnisse zur Altersdiagnostik als beispielsweise die weitaus häufiger verwendete Röntgenuntersuchung der Handwurzelknochen. Denn an Zähnen und deren Wurzel bilden sich, ähnlich wie bei Bäumen, sogenannte Jahresringe, erklärt die Wissenschaftlerin. Durch sie lässt sich das Alter errechnen. Wittwer-Backofen und ihre Kollegen an der Freiburger Uni haben bei solchen Untersuchungen deutschlandweit eine Führungsrolle. Meist hätten sie es, sagt die Gutachterin, mit historischen Skeletten zu tun. Aktuelle Strafverfahren seien selten.

Errechnetes Alter: 22,5 bis 29,5 Jahre

Unter dem Mikroskop haben sie Altersringe gezählt und rund 400 Fotos von ihnen gemacht. Das Ergebnis der Untersuchungen: Hussein K. ist laut Gutachten 25,8 Jahre alt. Rechne man alle Fehlerquellen und wissenschaftliche Unsicherheiten mit ein, ergebe sich für den Angeklagten eine Altersspanne von 22,5 bis 29,5 Jahre.

Folgt das Gericht dieser Einschätzung, würde für den Angeklagten Erwachsenenstrafrecht gelten. Ihm droht dann eine lebenslange Haft, möglicherweise Sicherungsverwahrung. Für Jugendliche und Heranwachsende sind die Strafen geringer. Voraussetzung: Die Verurteilten müssen dafür zur Tatzeit jünger als 22 Jahre sein.

Mit einem Urteil in dem Verfahren wird nach Angaben der Vorsitzenden Richterin Kathrin Schenk im kommenden Jahr gerechnet. Bis dahin sollen weitere Sachverständige und Zeugen gehört werden. (dpa)

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