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Jeden Tag läuft die Suche ins Leere: Auch am Brandenburger Wolziger See wurde kein Hinweis gefunden.

Rebecca

Wo ist dieses Mädchen nur?

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Seit 34 Tagen wird Rebecca aus Berlin vermisst. Die Geschichte der verschwundenen 15-Jährigen hat sich von der Wirklichkeit längst losgelöst.

Es ist 14.40 Uhr, als in der Nähe von Storkow ein Taucher aus dem Wasser steigt und erstmal wieder alles zu Ende zu sein scheint. Ein Polizist reicht ihm die Hand und zieht den Mann mit den beiden Pressluftflaschen aus dem Wasser. Die Suche nach dem verschwundenen Mädchen ist wieder an einem toten Punkt angelangt. Im Storkower Kanal jedenfalls, 50 Kilometer südöstlich von Berlin, ist Rebecca nicht. Den Morgen über haben zwei Taucher der Berliner Polizei in dem trüben Wasser gesucht. Gefunden haben sie nichts.

Rebecca Reusch, 15 Jahre alt, aus Berlin-Neukölln, wird seit 34 Tagen vermisst. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass Rebecca tot ist. Sie haben Rebeccas Schwager verhaftet, zwei Mal. Zwischenzeitlich saß er 19 Tage in Untersuchungshaft, seit dem gestrigen Freitag er wieder frei. Der Haftbefehl wurde von einem Ermittlungsrichter aufgehoben, vorausgegangen war eine sogenannte Haftbeschwerde seiner Rechtsanwältin gegen die Untersuchungshaft. Unter Verdacht steht der Schwager auch weiterhin, erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärte am Freitag. Die Polizei sucht indes Kanäle, Seen, Wälder und Grünstreifen ab. Das sind die Fakten. Es sind nicht viele.

Aber die Geschichte vom Verschwinden dieses 15-jährigen Mädchens hat sich längst von den spärlichen Tatsachen losgelöst. Vor den Augen der Bevölkerung spielt sich seit mehr als vier Wochen ein Live-Drama ab. Und diese Öffentlichkeit wird nicht müde, daran teilhaben zu wollen. Genährt von den Entwicklungen bei der realen Suche nach dem Mädchen, die jeden Tag an einem neuen Ort wieder von vorn beginnt, und den vielen TV- und Zeitungsinterviews der verschiedenen Familienmitglieder voller Gefühle und eigener Theorien zum Verschwinden ist ein Geschichtenstrom entstanden, der sich erhebt über die Faktenlage.

Und die Öffentlichkeit blickt gebannt auf das Geschehen. Denn es ist fast wie bei einem Krimi oder einer Netflix-Serie. Die Fortsetzung ist programmiert. Jeden Tag gibt es Neuigkeiten. Mit dem bitteren Unterschied, dass sich all das gerade wirklich abspielt und es niemand erfunden hat. Das Verschwinden der Rebecca Reusch – es ist eine neue Geschichte. Schon immer haben wildfremde Menschen teilgenommen, wenn in ihrer Umgebung etwas Schreckliches passiert war. Das Mitleiden, auch wenn es sich vermischt mit voyeuristischen Tendenzen, ist etwas zutiefst Menschliches, etwas Soziales. So sind die Menschen eben. So dicht dran an allem wie bei Rebecca sind sie jedoch selten.

Rebecca hat zwei ältere Schwestern, 23 und 27 Jahre alt. Sie lebte bisher mit ihren Eltern in einem Einfamilienhaus in Neukölln-Rudow. Die Straßen tragen hier Blumennamen. Die Schwestern wohnen in der Nähe. Vivien und Jessica, Mutter Brigitte, Vater Bernd, Schwager Florian, durch die vielen Interviews, die alle bis auf den Tatverdächtigen immer wieder nach den neuesten Entwicklungen gegeben haben und die im Internet vermutlich bis in alle Ewigkeit gespeichert bleiben werden, glaubt die Öffentlichkeit, sie alle gut zu kennen.

Rebecca ist aus dem Haus ihrer Schwester verschwunden

Rebecca ist nach allem, was man weiß, am 18. Februar aus dem Haus ihrer älteren Schwester Jessica und ihres Schwagers Florian verschwunden. Sie hatte dort übernachtet. Alles Weitere ist ein Bild, wie bei einem Puzzle zusammengetragen aus den Aussagen der Familienmitglieder und denen der Polizei. Demnach hatte das Mädchen nicht gleich früh, sondern erst später Schulunterricht. Die Schwester brachte ihre Kinder zur Schule. Die Mutter rief an, bat den Schwager, Rebecca zu wecken. Aber sie war nicht in ihrem Bett.

In den vergangenen vier Wochen sind jeden Tag neue Details aus den polizeilichen Ermittlungen bekannt geworden. Manche belasten Rebeccas Schwager, andere sorgen dafür, dass das Gehirn Bilder produziert, sich einfach ausdenkt, was vorgefallen sein könnte. Da ist die Tatsache, dass er nachts von einer Firmenfeier nach Hause kam. Dass der himbeerrote Twingo der Familie am Tag des Verschwindens auf der Autobahn nach Frankfurt (Oder) erfasst wurde, ist auch so ein Detail, das die Spekulationen befeuert. Oder die Decke, die mit dem Mädchen vermisst wird. Und dann der Verdächtige. Er schweigt. Wer glaubt schon jemandem, der sich entzieht.

Ein Polizeihund wird zur Suche nach der vermissten Rebecca an einer Landstraße im Landkreis Oder-Spree eingesetzt.

Es ist ein einfaches weißes Haus in einer Siedlung des Berliner Ortsteils Britz, in der die ältere Schwester mit dem Schwager lebt. Die Häuser ähneln sich wie die Straßennamen. Sie sind nach Handwerksberufen benannt, Tischler, Maurer, Dachdecker. Die Nachbarn äußern sich nur zurückhaltend. Eine ganz normale Familie sei das, sagen sie. Das Verschwinden sei schrecklich. Und dann sind sie schnell wieder weg. Sie wollen nicht Teil des Dramas werden.

Dabei sind sie es längst. So wie die Öffentlichkeit. Da sitzt man zu Hause auf dem Sofa und beobachtet die eigene Tochter im selben Alter wie Rebecca. Seit vier Wochen verfolgt sie die Nachrichten zu Rebecca, weil das Mädchen allein aufgrund des Alters schon eine Freundin sein könnte. Und genau wie Rebecca sitzt die eigene Tochter am Abend mit dem Handy da, macht Selbstporträts und veröffentlicht sie dann über den Onlinedienst Instagram, mit ein paar Sternchen oder Herzen um den Kopf herum, die ein Filter aufs Foto zaubert. Sich der Geschichte zu entziehen scheint unmöglich. Könnte die eigene Tochter einfach verschwinden? Könnte sie morgens einfach nicht mehr da sein? Weglaufen? Nein, natürlich nicht. Das glaubt man als Eltern, als Mutter – normalerweise.

Auch Rebeccas Mutter kann sich das nicht vorstellen. Im Fernsehen sagt sie: „Nach der langen Zeit, uns geht’s genauso schlecht wie am Anfang. Man ist zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit“, sagt sie. Erst wirkt sie außergewöhnlich gefasst, dann weint sie. In einem anderen Interview, kurz nach dem Verschwinden, sitzt sie gemeinsam mit ihrer ältesten Tochter, deren Lebensgefährte unter Tötungsverdacht steht, an einem Tisch in ihrem Haus. Ihre Tochter erzählt von dem letzten gemeinsamen Abend mit der Schwester, wie sie sich Pizza bestellt haben, „gequatscht, Musik gehört, ein ganz normales Schwesternwochenende“.

Lesen Sie alles zum Fall der verschwundenen Rebecca in unserem Ticker

Sie sprechen über den Verdacht der Polizei, dass das Mädchen einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Zu diesem Zeitpunkt glauben sie, Rebecca werde irgendwo festgehalten. „Wenn man wirklich drüber grübelt, dann kommt Verzweiflung, auch Heulkrämpfe. Meine inneren Organe, habe ich das Gefühl, sind ein Stein, das ist alles kompakt, es tut alles weh“, sagt die Mutter. Die Frauen bitten um Mithilfe der Bevölkerung bei der Suche. Jeder soll in seinen Keller schauen oder in die eigene Laube, ob dort das Mädchen versteckt ist.

In einem anderen gemeinsamen Gespräch sagen die beiden Frauen, dass sie nicht glauben, dass Rebeccas Schwager mit dem Verschwinden etwas zu tun hat. Man müsse sie einweisen in eine Klinik, sagt Jessica, sollte sich etwas anderes herausstellen. Dass sie sich so fühlt, ist leicht vorstellbar. Für die Familie wäre das der nächste Verlust, der nächste Schlag. Die Familie tut vieles, um den Verdacht zu zerstreuen. Nicht alles ist hilfreich. Der Vater von Rebecca macht nebulöse Andeutungen. Der tatverdächtige Mann seiner Tochter ist in seinen Augen unschuldig. Es passe nicht zu ihm. „Die ganze Nummer hängt mit einer anderen Nummer zusammen, die ich aber nicht sagen darf“, sagt er.

Ein Taucher steigt aus dem Storkower See - auch er hat nichts gefunden.

Vivien organisiert Suchaktionen. Sie spricht auf Instagram zu allen, die zuhören wollen. „Ich hoffe, dass ihr uns helfen könnt“, sagt sie. Sie schreibt, Rebecca sei ihr kleiner Engel und dass Zeugen sie noch gesehen hätten am Tag ihres Verschwindens. Sie postet Fotos, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester zeigen. Viele Fotos. Sie spricht über eine Internetbekanntschaft, die ihre Schwester gemacht habe. Sie habe das auch der Polizei berichtet, aber die Polizei sucht weiter Seen, Wälder und Abschnitte neben der Autobahn A 12 ab. Denn offenbar ist die Internetbekanntschaft eine schwierige Spur. Ein Facebook-Hinweis entpuppt sich jedenfalls als erfunden.

Auch das Foto, mit dem lange nach Rebecca gesucht wurde, prägt die Wahrnehmung. Es wurde in den vergangenen Wochen so oft gezeigt, dass es ein Eigenleben entwickelt hat. Man erkennt es sofort. Wer es sieht, weiß, hier geht es um Rebecca. Aber es ist ein problematisches Bild. Es stammt von Rebeccas eigenem Instagram-Profil. Die Familie hat es für die Suche herausgegeben, obwohl es der wahren Person nur sehr entfernt ähnelt. Das Bild ist bearbeitet: makellose Haut, volle Lippen, hochgesteckte Haare, große dunkle Augen, Kussmund.

1800 Hinweise zum Verschwinden von Rebecca

Es ist ein Lolita-Foto. Es macht aus dem 15-jährigen Kind eine Männerfantasie. Was macht das mit jenen, die die Suche verfolgen? Dabei ist Rebecca vermutlich ein ganz normaler Teenager. Wer auf ihrem Instagram-Auftritt oder dem ihrer Schwester stöbert, findet dafür Bestätigung. Sie hat dort ein TikTok-Musikvideo eingestellt. Rebecca filmt sich selbst, während sie zu lauter Musik ausgelassen durch einen Raum springt und so tut als ob sie singt. Sie wirkt sehr jung.

1800 Hinweise zum Verschwinden von Rebecca Reusch sind mittlerweile bei Polizei und Staatsanwaltschaft eingegangen. Die Behörden gehen allen nach. Das dauert. Und es deutet hin auf Aktivität. Schlussfolgerungen auf den Stand der Ermittlungen lassen diese Aktionen selten zu. Man gewinnt eher den Eindruck, dass sie mittlerweile vor allem abgearbeitet werden. Letztlich ist der einzige handfeste Hinweis ein himbeerfarbener Twingo auf der Autobahn A 12, für dessen Fahrt es bisher keine Erklärung gibt. Und so arbeitet sich die Polizei Tag für Tag durch Moor und Gestrüpp in einem Radius von 20 Kilometern um den Ort herum, an dem der Wagen gesehen wurde.

Und dabei tragen sogar die Fahndungsmethoden, die hier zum Einsatz kommen, sensationelle Züge. Da gibt es Spürhunde, die angeblich noch nach Wochen Partikel von Personen wahrnehmen können, die dort mal gewesen sind, und es sind Hunde auf den Booten, die versenkte Leichen auf der Wasseroberfläche riechen können. Es kommen Boote mit Sonargeräten zum Einsatz, mit denen man Unebenheiten im Schlamm sehen kann. Hellseher bieten Hilfe an.

Am Storkower Kanal finden in diesen Tagen beide Ebenen dieser Geschichte ihren Ausdruck: die Sensation und ihr Gegenteil. Drama und Alltag. Während sich der Taucher erholt und ein zweiter Taucher das Ufer des Wolziger Sees absucht, stehen Polizisten am Ufer zusammen, rauchen und trinken Kaffee. Sie unterhalten sich, warten, bis die Taucher das Gebiet abgesucht haben. 200 Meter entfernt hinter einer Polizei-Absperrung schrauben Fotografen armdicke Teleskoplinsen auf ihre Kameras. Zwei Männer von einem Hauptstadtsender machen eine Live-Reportage. So ist es jeden Tag.

Jedes Detail kann wichtig sein. Nicht nur für die kriminalistische Aufklärung. Sondern auch für die Öffentlichkeit, die wissen will, wie diese Geschichte endet. Wo ist dieses Mädchen nur? Es kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben.

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