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Wenn nicht dringend etwas getan werde, drohe der Verlust des Schlosses, warnt das Landesamt für Denkmalpflege in einem internen Papier.

Schloss Reinhardsbrunn

Das verlorene Paradies

Schloss Reinhardsbrunn in Friedrichroda ist seit Jahren ein Spielball von Immobilienspekulanten. Das Kulturdenkmal verfällt darüber. Jetzt hat sich die Politik eingeschaltet.

Von Andreas Förster

Christfried Boelter öffnet das Vorhängeschloss, schiebt ein kleines Metalltor auf und zieht den dahinter stehenden mannshohen Gitterzaun mühsam beiseite. „Willkommen im Paradies“, sagt er. Boelter war einmal Pfarrer, und so kann man davon ausgehen, dass er das mit dem Paradies gerade ironisch gemeint hat. Andererseits – wenn das Kriterium eines Paradieses die Abwesenheit menschlicher Hege und Pflege ist, dann ist man hier im Schlosspark Reinhardsbrunn in Thüringen richtig.

Aber der 65-Jährige lässt gar keine Zweifel aufkommen, wie er seine Bemerkung gemeint hat. „Immer wenn ich hier in den Park hereinkomme, blutet mir das Herz“, sagt er. „Was war das früher für ein wunderschöner Fleck, dieser heilige Ort.“ Heute ist der Park, vor fast 200 Jahren als erster romantischer Landschaftspark Thüringens angelegt, verwildert, die Spazierwege sind zugewachsen, umgestürzte Bäume liegen im Gelände. Um das jahrhundertealte neogotische Schloss mit seiner verwitterten Sandsteinfassade herum stehen Bauzäune, auf denen gelbe Schilder vor Einsturzgefahr warnen.

Seit der Wende ist die denkmalgeschützte Schlossanlage, die zu DDR-Zeiten ein Interhotel beherbergte, dem Verfall preisgegeben. Die Treuhandanstalt hatte es einer Hotelgruppe verkauft, die aus dem Schloss ein Fünf-Sterne-Hotel machen wollte. Das Gebäude wurde entkernt, aber schon bald stoppten die Bauarbeiten, auch weil der Freistaat wenig Interesse zeigte, das Projekt zu unterstützen. Heute muss man im Innern des Gebäudes über Bohlen balancieren, die kreuz und quer über die aufgerissenen Fußböden gelegt sind. Farbe und Tapeten sind abgeblättert, Elektroleitungen hängen aus den Wänden, in den Zimmerdecken sind Löcher. Die Hotelgruppe, die bis 2001 in einem Nebengebäude noch ein Hotel betrieb, hat sich längst zurückgezogen, das Kulturdenkmal ist zu einem Spekulationsobjekt verkommen.

Und wahrscheinlich würde das Anwesen noch schlimmer aussehen, wenn es nicht den im Herbst 2011 gegründeten „Förderverein Schloss und Park Reinhardsbrunn“ geben würde. Die mehr als 70 Mitglieder versuchen so gut es geht, mit Arbeitseinsätzen auf dem Grundstück den weiteren Verfall aufzuhalten und die Politik für eine Rettung der Schlossanlage zu gewinnen. Nun endlich gibt es einen Hoffnungsschimmer, wie der Vereinsvorsitzende Boelter berichtet. „Schloss Reinhardsbrunn ist Chefsache in Erfurt, Ministerpräsident Ramelow hat ein Enteignungsverfahren gegen den jetzigen Besitzer einleiten lassen“, sagt er. Und der Druck zeigt offenbar Wirkung: Der Noch-Eigentümer ist inzwischen bereit, die Immobilie an den Freistaat zurückzugeben. Vielleicht schon nach der Sommerpause könnten die Verhandlungen in die entscheidende Phase treten.

„So weit hätte es gar nicht kommen dürfen, viel Zeit und Geld ist da verbrannt worden“, sagt Thomas Klöppel. Klöppel ist Bürgermeister von Friedrichroda, vor den Toren seiner Stadt liegt Reinhardsbrunn, das neben Weimar und der Wartburg als bedeutendste historische Stätte Thüringens gilt. Für den Bürgermeister ist dies vor allem aber auch ein Ort, der über Jahrhunderte hinweg zur Lebenskultur seiner Bürger gehörte. „Der Park war immer öffentlich zugänglich, die Menschen konnten dort flanieren, die Kinder auf die Krüppeleiche klettern“, erzählt Klöppel. Und als die Defa 1988 den Märchenfilm Rapunzel dort drehte, seien viele Bürger der Stadt als Statisten dabei gewesen. „Umso mehr hat es uns alle hier geschmerzt, wie gedankenlos und oberflächlich erst die Treuhand und später die Landesregierung mit Reinhardsbrunn umgegangen sind und dieses Juwel haben verkommen lassen.“

Dabei gab es eine Chance zur Wende. 2001 wollte eine örtliche Gründerinitiative ein thüringisches Akademiezentrum im Schloss errichten. Das Projekt war durchgerechnet, von Universitäten und Akademien im Freistaat wurde es unterstützt. Aber die Landesregierung unterstützte das ambitionierte Projekt nicht. 2004 wurde die Immobilie neu ausgeschrieben. Das Weimarer Bauingenieurbüro BOB Consult erwarb Reinhardsbrunn schließlich für 100 000 Euro. Zwei Jahre später übernahmen russische Geschäftsleute das Unternehmen samt Immobilie für zwölf Millionen Euro. Weitere Besitzerwechsel schlossen sich in den Folgejahren an. Heute gehört die BOB Consult einem Unternehmen, das im mittelamerikanischen Kleinstaat Belize registriert ist. Seine deutsche Postadresse ist ein Haus in Hamburg, wo die Firma aber nicht einmal einen Briefkasten besitzt.

Bürgermeister Klöppel kann sich noch sehr gut an den ersten und einzigen Besuch des ersten russischen Käufers in Reinhardsbrunn erinnern. „Der kam in Begleitung von zwei sehr jungen und sehr hübschen Frauen, stiefelte durch das Schloss und sagte kein Wort. Erst ganz zum Schluss fragte er, ob das Haus von Termiten befallen sei. Termiten, sagte ich, gibt’s in Afrika, nicht in Thüringen.“

In den letzten Jahren ließ sich ab und zu eine russische Bevollmächtigte aus Hamburg in Friedrichroda sehen und versprach Investitionen, aber getan hat sich nichts. Notreparaturen, mit denen das Dach geflickt und das Schloss vor Dieben und Vandalen gesichert wurde, blieben unbezahlt, weil Anschreiben und Mahnbescheide nicht zugestellt werden konnten.

Dennoch sind Politik und Verwaltung jahrelang untätig geblieben, mit verheerenden Folgen. In einem internen Arbeitspapier warnt das Landesamt für Denkmalpflege nun, dass mit einer „massiven Gefährdung der Bausubstanz“, möglicherweise sogar „mit dem Verlust“ von Schloss- und Parkanlage zu rechnen ist, wenn nicht bald die dringend notwendigen Baumaßnahmen eingeleitet werden.

Doch gehandelt hat die Landesregierung erst im vergangenen Jahr. Die damalige Ministerpräsidentin Christina Lieberknecht (CDU) ließ im Hause ein Gutachten darüber erstellen, unter welchen Voraussetzungen eine Enteignung des gegenwärtigen Eigentümers BOB Consult möglich wäre. Nach dem Regierungswechsel in Erfurt hat Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit den dubiosen Vorgängen um die Schlosseigentümer beschäftigt hatte, Reinhardsbrunn zur Chefsache gemacht. Zuständig ist der Chef seiner Staatskanzlei, Benjamin-Immanuel Hoff, der gleichzeitig Kulturminister ist.

Auch die Staatsanwaltschaft wurde in den letzten Jahren tätig. Ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäscheverdachts stellte sie allerdings wegen Verjährung ein. Und doch gibt es jetzt einen Strafprozess. Anfang September müssen sich ein früherer russischstämmiger Geschäftsführer und sein Sohn vor Gericht verantworten, weil sie laut Anklage unberechtigt eine Grundschuld über neun Millionen Euro auf das Schloss anmeldeten und sich das Geld auszahlen ließen. Der Vorwurf lautet auf Betrug und Untreue.

Unabhängig davon laufen die Rückkaufverhandlungen der Landesregierung mit dem jetzigen Eigentümer. Erst wenn sich beide Seiten nicht auf einen Preis einigen können, will Erfurt eine Enteignung gerichtlich durchsetzen. Es wäre ein Präzedenzfall, in der Bundesrepublik hat es so etwas noch nicht gegeben. Für Reinhardsbrunn würde dies allerdings bedeuten, dass noch viele weitere Jahre ins Land gehen, bis man den Verfall der Schlossanlage stoppen kann.

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