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"Ich sag? mal, es sieht jetzt alles anders aus", sagt Bewohner Sternberg

Das schönste Obdachlosenheim der Welt

Verloren unter Klunkern

Im "schönsten Obdachlosenheim der Welt" leben 21 Alkoholiker unter Kronleuchtern. Die Noblesse sollte ihnen ihre Würde wiedergeben. Ein Wunder ist ausgeblieben. Von A. Meyer und S. Montag

Von A. Meyer und S. Montag

Seit einem Jahr schläft Herr Sternberg unter einem Kronleuchter. Wenn er morgens aufwacht, fällt der erste Blick auf die rötliche Strukturtapete, die mit einer Goldbordüre abschließt. Dann geht die Sonne auf über der Bismarck, Sternbergs heißgeliebtem Modellschiff, und bringt den hellen Laminat-Boden zum Schimmern. Alles sieht schick aus.

Der stille ältere Herr könnte sich fast in einem Hotelzimmer wähnen, stünde da nicht, halb verborgen hinter einem Vorhang, dieser Apparat. Um nicht zu verhungern, muss Peter Sternberg dreimal am Tag an den Tropf. Die künstliche Nahrung lagert er in Schachteln auf dem Boden. Normal essen kann er nicht mehr. Er ist 60 Jahre alt und Alkoholiker. Bevor er hier eingezogen ist, hat er viele Jahre auf der Straße gelebt.

Neben Peter Sternberg wohnen 20 weitere Männer im "Haus Schöneweide" in Berlin. Sie sind alle schwere Alkoholiker und können keinen Haushalt mehr allein führen. In dieser Einrichtung erschien vor gut zwei Jahren die Berliner Künstlerin Miriam Kilali und verwandelte das Haus in das "schönste Obdachlosenheim der Welt".

Nicht nur das: Sie machte die Männer zum Teil eines Kunstwerks, das ihnen zu einem besseren Leben verhelfen sollte. Sie faszinierte damit viele Menschen, denn ihre Idee war schön und auch ein bisschen provozierend. Zur Eröffnung kamen der CDU-Politiker Friedbert Pflüger und Bischof Wolfgang Huber, die Künstlerin gab ein Interview nach dem anderen.

Wer das Haus Schöneweide heute besucht, ein Jahr nach dem euphorischen Beginn, merkt aber bald: Leider ist das Wunder ausgeblieben. Eine Befreiung der Menschen durch Kunst hat nicht stattgefunden. Geholfen hat die Aktion auf ganz andere Weise.

"Mehrfach geschädigt, chronisch alkoholabhängig, mit Folgeerkrankungen im psychischen Bereich." So beschreibt Christoph Brenneis seine Klientel. Er ist stellvertretender Leiter der Einrichtung, die vom Diakonischen Werk und der Wohnungsgesellschaft Gebewo betrieben wird. "Langzeittherapien, Mehrfach-Entgiftungen - die hier wohnen, haben das alles schon durch."

Der sozialpsychiatrische Dienst hat sie schließlich in diesen gelben Altbau geschickt, einen bunten Flecken in der grauen Häuserzeile. Hier, an einer sechsspurigen Straße im tristen Südosten Berlins, dürfen sie trinken - kontrolliert trinken, soweit das möglich ist. Drei Bier am Tag sind offiziell erlaubt. "Wir versuchen, die Männer auf einem stabil niedrigen Niveau zu halten und die Dinge des Lebens anzugehen", sagt Christoph Brenneis. Als er 2001 in der neu gegründeten Einrichtung anfing, war das sein erster Job als Sozialarbeiter.

Heute trägt er zur karierten Hose Turnschuhe und Trainingsjacke und wirkt sehr routiniert. Brenneis sagt, dass die Männer wohl nie mehr ein selbständiges Leben werden führen können. Hier sollen sie sich erst mal erholen, regelmäßig essen, Kraft schöpfen. Angebote gibt es viele, die Sozialarbeiter geben sich Mühe: Sie spielen mit den Männern Fußball, machen mit ihnen Ausflüge und sogar Gedächtnistraining. Demenz infolge von Alkohol, darunter leiden hier viele.

Tagsüber gehen die Bewohner in einen so genannten Beschäftigungsladen. Der liegt ein paar Meter die Straße runter, so haben die Männer eine Art Arbeitsweg und Kontakte in die Nachbarschaft. Der Tag will strukturiert sein. "Die meisten schlafen wenig", so Brenneis, "aber der Tag hat eben 24 Stunden. Und was macht man mit den restlichen 18, 20 Stunden, in denen man nicht schläft?"

Die Sozialarbeiter und Pfleger achten darauf, dass die Bewohner genug essen, ihre Medikamente nehmen und ab und zu zum Arzt gehen, kurzum: dass es nicht noch schlimmer wird, als es ohnehin schon ist. Die meisten Männer sind über 50, doch in letzter Zeit kommen immer jüngere ins Haus, hat Brenneis beobachtet. Zurzeit ist der jüngste Bewohner 35 Jahre alt.

In diesen mühsam strukturierten Alltag platzte vor gut zwei Jahren die Künstlerin Kilali, damals 41 und noch nicht lang fertig mit dem Kunststudium. Sie teilte den Männern mit, dass sie demnächst in Reichtum leben würden. Die verwohnten, blaugrau gefliesten Räume werde sie höchstpersönlich in einen Palast verwandeln. Nur das Schönste und Beste sei gut genug für sie. Ausgerechnet für sie, die Gescheiterten, die im Grunde nichts mehr erwartet hatten vom Leben.

Miriam Kilali arbeitete während ihres Studiums ehrenamtlich in einer Beratungsstelle für Obdachlose, diese Erfahrung prägt sie bis heute. Sie sagt: "Ich konnte nicht ertragen, dass Leute, die weniger haben, auch weniger wert sein sollen." Sie wollte helfen, aber "nicht mit noch mehr Süppchen und noch mehr Deckchen".

Kilali ist Künstlerin, also machte sie sich daran, den Anspruch mit ihren Mitteln einzulösen. Sie findet, Obdachlosenheime müssen keine funktionalistischen, sterilen Aufbewahrungsanstalten sein oder, wie im Fall Schöneweide, gar den Charme einer Fleischerei versprühen.

Mit Pilastern, Goldrahmen und Kronleuchtern trat Kilali gegen Wohnformen an, die einzig dem Gedanken der Wirtschaftlichkeit verpflichtet sind. Einen ersten Prachtbau hatte sie bereits 2005 in Moskau errichtet: Mit viel Gold und Glitzer verhalf sie einem Obdachlosenheim zu Reichtum. Es folgte "Reichtum 2" in Berlin. Nach 15 Monaten Arbeit, die mit 110.000 Euro Spenden finanziert wurde, konnte das rundumerneuerte Haus vor einem Jahr eröffnet werden.

Die Kronleuchter sehen ein bisschen nach Plastik aus. Der Stuck ist auch nicht echt, sondern aus Pappmaché. Trotzdem macht das Haus was her, das finden auch die Bewohner. Peter Sternberg half mit, die Möbel zusammenzubauen, die meisten stammen aus einer Ikea-Spende. Als Dank für sein Engagement schenkte die Künstlerin Sternberg das Modell von der Bismarck, einem Schlachtschiff aus dem Zweiten Weltkrieg.

Der ehemalige Lkw-Fahrer hat zwei Leidenschaften: Modellbau und die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. "Vorsicht, nicht, dass Sie Ärger kriegen", warnt Sternberg den Fotografen, als er ein Bild von dem Schiff machen will, "ich hab´ alles wie im Original, da sind auch Hakenkreuze dran." Bedächtig dreht er sich eine Zigarette. Auf seinem schwarzen Couchtisch stapeln sich Bücher von Guido Knopp und diverse Landser-Ausgaben, daneben Romane von Johannes Mario Simmel, Kuscheltiere. Immer, wenn er am Tropf hängt, liest Sternberg. Dreimal am Tag eine Stunde lang.

Und nun? Hat sich etwas verändert in seinem Leben, seit er in einem Kunstwerk wohnt? Ist es ein besseres geworden? Sternberg streicht sich über den Schnurrbart. "Ich sag' mal, es sieht jetzt alles anders aus." Er weiß, dass die Künstlerin das Haus nach einem Konzept ausgestaltet hat: Jeder hat ein Foto aus New York über seinem Bett, das er selbst aussuchen durfte. "Die hat die Frau Kilali selber gemacht", sagt er. "Und die Möbel sind alle schwarz oder weiß." Aus seiner Stimme spricht so etwas wie Ehrfurcht vor der Künstlerin. Trotzdem: "Die Treppe", sagt er und runzelt die Stirn.

Die Treppe wurde in wochenlanger archäologischer Arbeit von diversen Teppich- und Farbschichten befreit, die alten Holzdielen mit leuchtend roten Schonern bestückt. Sternberg findet, das Treppenhaus, "das sieht irgendwie unfertig aus. "Vor dem ersten Treffen mit der Künstlerin war die Skepsis groß. "Die haben sowieso Schwierigkeiten mit Veränderungen", sagt Brenneis, der Sozialpädagoge. "Und dann soll sogar das eigene Zimmer dran sein!" Kilali zeigte ihnen Bilder vom Moskauer Projekt. "Dann wird unser Haus also Kunst?", fragten sie.

Kilali setzte sich mit den Männern zusammen, sie suchten Farben und Tapeten aus. Das gemeinsame Gestalten sollte eine Art kunsttherapeutische Wirkung entfalten. "Es war ziemlich - na ja, interessant", sagt sie heute und muss plötzlich lachen. Es muss ziemlich lange her gewesen sein, glaubt sie, dass Sternberg und seine Mitbewohner sich mit solchen Fragen beschäftigt haben. Wenn sie es überhaupt je getan haben.

Bei der Eröffnung traten sich die Journalisten förmlich auf die Füße in jenem Treppenhaus, das nach Meinung von Peter Sternberg ja noch gar nicht fertig war. Mehrere Fernsehsender berichteten über das "schönste Obdachlosenheim der Welt", sogar im Ausland. Erst fragten die Journalisten, wie es sich denn so anfühlt, neuerdings in einem Palazzo zu wohnen. Und dann interessierten sie sich ein bisschen für die Menschen, die in den schicken neuen Betten schlafen.

"Es war das erste Mal seit langem, dass sie als Personen Beachtung gefunden haben", sagt Brenneis. "Da hat vorher niemand gefragt, wie es sich anfühlt in ihrer Lebenslage." Nach der Eröffnung klopfte es noch einige Male an seine Bürotür. Ein bisschen schüchtern fragten die Männer, wann denn die nächsten Reporter kämen, und ob er sie vielleicht schon mal für ein Gespräch vormerken könne. Brenneis glaubt, dass der ganze Trubel den Männern womöglich mehr genützt hat als all die schönen Tapeten.

Nach ein paar Tagen war der Medienrummel schon wieder vorbei. Angelockt von den Zeitungsberichten, trauten sich dann aber ein paar Nachbarn heran, um mit eigenen Augen zu sehen, wer da lebt in dem gelben Haus. Einmal klingelte einer mit einer Stehlampe unterm Arm und fragte, ob man die im Haus nicht gebrauchen könne. "Seitdem kommen immer wieder Leute mit ihrem Zeug, das ist gut, denn meistens können wir es brauchen", so Brenneis.

Mehr noch als über die Stehlampe freut er sich darüber, dass viele Menschen inzwischen ihre Schwellenangst überwunden haben. Kurz vor Weihnachten brachte ein älteres Ehepaar einen Weihnachtsbaum vorbei. Ein Bewohner bekam eines Tages ein Päckchen mit zwei Stoffenten drin. Eine Frau irgendwo in Deutschland hatte in der Zeitung gelesen, dass es da einen Bewohner gibt, der Enten sammelt. "Über diese Kontakte freuen sie sich sehr", sagt Miriam Kilali.

Auch Edward Filip scheint sich über unseren Besuch zu freuen. Er bietet Kaffee an, fischt Nektarinen und polnische Schokolade aus seiner Schreibtischschublade. In seinem Zimmer stehen noch alte Möbel, die Spenden haben nicht für alle Räume gereicht. Es fehlen 20.000 Euro, die Akquise läuft weiter. Filip versinkt fast in seinem durchgesessenen Sofa. Den Tisch aus Eichenimitat schmückt ein Marienbildnis, daneben steht eine Autogrammkarte von der Fernsehrichterin Barbara Salesch, die er tief verehrt. Über dem Bett hängt eine unbekannte Frau in Marilyn Monroe-Pose.

Filip erzählt, wie er vor zwanzig Jahren aus Oberschlesien nach Berlin kam, noch vor dem Fall der Mauer. Am Anfang lief es gut, sagt er. Er fand Arbeit als Maurer und lernte eine Frau kennen. Eine "Negerin", wie er sagt. Als Soldatin hatte sie für die USA in Vietnam gekämpft, bis sie in Berlin stationiert wurde. Zehn Jahre habe er glücklich mit ihr zusammen gelebt, sagt er, dann sei sie an Brustkrebs erkrankt und bald darauf gestorben. "Jetzt bin ich ein Penner", stellt er lächelnd fest. "Auch, wenn hier überall die Klunker hängen, wir bleiben trotzdem alle Penner."

Dann fällt ihm etwas ein. Er möchte den Besuchern unbedingt seine Karnickel zeigen. Er führt uns die Treppe hinunter, langsam, er hat ein schlimmes Bein und muss regelmäßig zur Krankengymnastik. Es geht durch den Eingangsbereich, der jetzt "Entree" heißt und mit Pilastern geschmückt ist. Dort hängt der Speiseplan, der für heute Erbseneintopf mit Wiener ankündigt.

Filip öffnet die Tür zum Hof und steuert auf den Stall zu. Er packt sie nacheinander am Nacken, die zwei fetten Kaninchen Pumuckl und Micky. Er streichelt ihnen den Bauch und grinst. Die weite Cordhose schlackert dem Mann um die Beine. Dann führt er vor, wie die Karnickel in ihren Stall zurückspringen und schiebt eine Holzplatte über den Verschlag: Schutz vor den Ratten. Miriam Kilali lebt zurzeit als Stipendiatin in dem Künstlerdorf Schöppingen an der holländischen Grenze. Sie bereitet "Reichtum 3" vor, diesmal ist New York an der Reihe. "Es braucht nicht viele Mittel, um die Welt zu verändern", sagt sie. Damit ist es ihr ernst.

Dass Künstler sich um die Elenden und Ausgestoßenen kümmern, ist nicht neu. Gerade mit neuen Wohnformen wollten sie schon vor hundert Jahren die unteren Schichten beglücken oder gar befreien, wie beispielsweise die Künstler des Bauhauses. Die "gute Form" sollte zu einer guten Gesellschaft führen oder zumindest zu gutem Betragen. An dieser Idee hat sich nicht viel geändert, denn sie ist zu verführerisch. Zum Leidwesen der Künstler geht diese Rechnung jedoch nicht immer auf.

Wenn man Filip und Sternberg fragt, was all die Kunst um sie herum mit ihnen gemacht hat, wirkt ihr Blick ein wenig hilflos. Sie sind höfliche Männer und wissen die guten Absichten der Künstlerin sehr wohl zu schätzen. Trotzdem scheint es so, als ob die beiden nicht recht wissen, wie ihnen geschieht. Sie wohnen jetzt in einem Kunstwerk.

Im Gemeinschaftszimmer können die Bewohner nun auf roten Ledersofas unter monochromen Gemälden beieinander sitzen und gemeinsam fernsehen. Sie tun es aber nur selten. "Das überlegen sie sich zweimal", sagt Brenneis. In der Gruppe ist Bier trinken nämlich verboten. Aber immerhin, jetzt sieht alles schick aus. Und ab und zu kommen ein paar Enten per Post.

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