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„Verlogenes Bild der Weiblichkeit“

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Die Sängerin Manisha verurteilt häusliche Gewalt und tritt für Lesben und Schwule ein. Dafür erntet Russlands ESC-Kandidatin Hass und Häme

Der „Eurovision Song Contest“ ist, egal wo er ausgerichtet wird, eine bunte Veranstaltung. Für manche in Russland zu bunt: So ärgerte sich jüngst Juri Kotenjok, von Beruf Kriegsberichterstatter, auf seinem Telegram-Kanal darüber, dass eine Tadschikin sein Land beim diesjährigen ESC in den Niederlanden vertreten wird: „Eine Fürsprecherin für Migranten und Kinderschänder. Sie wird mit dem Lied ,Russische Frau‘ auftreten. Eine größere Beleidigung kann man sich nicht vorstellen.“

Die Tadschikin Manischa hatte bei der SMS-Abstimmung des Staatssenders „Perwy Kanal“ Anfang März mit 39,7 Prozent die Nase vorn. Manischa Sangin, 29, ledig, kinderlos, entspricht in der Tat nicht den neurussischen Vorstellungen: Sie ist stolz auf ihr leichtes Übergewicht, setzt sich für zentralasiatische „Gastarbeiter“ ein, für Schwule und Lesben sowie gegen häusliche Gewalt. Russ:innen, die wie Staatschef Wladimir Putin gern „traditionelle Werte“ beschwören, finden das entsetzlich. Nun haben sie das russische Ermittlungskomitee gegen Manischas Beitrag „Russian Woman“ mobilisiert.

„Jede russische Frau muss wissen, du bist stark genug, du wirst die Mauer brechen“, singt Manischa auf Englisch und wechselt dann ins Russische: „Du bist schon über 30, aber wo sind die Kinder? Du bist ja ganz schön, aber du solltest etwas abnehmen.“ Ihre Musik ist ironisch, kosmopolitischer Folk mit russischen Motiven. „Ich bin nicht sicher“, murrte der nationalpopulistische Parlamentarier Wladimir Schirinowski, „ob das die Autorität der russischen Frauen und Russlands überhaupt erhöht.“

„Beleidigung des Volkes“

1994 floh Manischas Familie vor dem tadschikischen Bürgerkrieg nach Moskau. Die Eltern trennten sich, ihre Mutter malochte als Putzkraft und Verkäuferin, schickte die Tochter aber in eine Musikschule. Dort lernte Manischa erst Piano, dann Gesang. Sie besuchte Englisch- und Computerkurse, mit zwölf sang sie bei Wettbewerben, mit 17 brachte sie ihr erstes Album raus. Schon vorher hatte ihre willensstarke Mutter sie ins Gebet genommen, wie Manischa dem Portal „meduza.io“ erzählte: „Versprich, du wirst dein Talent niemals für schmutzige Ziele benutzen, deinen Körper niemals mit deiner Stimme zusammen verkaufen!“

Manischa gehört zu den wenigen russischen Popstars mit Haltung. 2020 platzierte sie auf Instagram ein Foto mit zwei Dutzend Nationalflaggen auf ihrer Stirn und einer Pupille in LGBT-Farben. Sie beklagt, viele im russischen Showgeschäft verheimlichten die eigene sexuelle Orientierung: „Sie singen Lieder für Hausfrauen aus ganz Russland, verdienen dank ihnen viel Geld und belügen sie dreist. Sie leben selbst ihr ganzes Leben in dieser Lüge.“

Nun wirft man Manischa vor, sie schaffe mit „Russian Woman“ ein „verlogen-negatives Bild“ der Weiblichkeit. Die Redaktion des Veteranenblattes „Weteranskije Westi“ veröffentlichte ein „Expertengutachten“: Das Lied sei „äußerst beleidigend für die gesamte soziale Gruppe der russischen Frauen, ebenso für das russische Volk“, es ziele auf „grausame Beleidigung der nationalen Gefühle und die Erniedrigung des russischen Menschen“. Manischa verwende Wörter aus dem ostukrainischen Dialekt und trage „trotzige, schlampige und absolut geschmacklose“ Kleidung. Es folgte die Anzeige einer anonymen „gesellschaftlichen Vereinigung“ wegen „gesetzeswidriger Aussagen“ in „Russian Woman“ beim Ermittlungskomitee.

Der Musikkritiker Artur Gasparjan vermutet dahinter eine sehr rechte Lobby. Es seien die Leute, die seit Jahren am heftigsten über Nationalsozialismus im Ausland schimpften, die nun eine lautstarke Hetze gegen Manischa vorbrächten.

Der Eurovisionswettbewerb startet am 18. Mai in Rotterdam. Bleibt abzuwarten, ob der Sender „Perwy Kanal“ Manischa bis dahin die Treue halten wird.

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