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Gewinner: der Bienenfresser.

Artensterben

Die Verlierer aus dem Tierreich

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Der WWF bewertet, für welche Tiere sich die Lebensbedingungen 2018 verschlechtert oder verbessert haben. Fazit: Der Mensch bedroht die Fauna weltweit.

An Neujahr mag er in deutschen Küchen wieder Hochkonjunktur haben. Da gehört der Hering für viele zum Katerfrühstück obligatorisch dazu, weil er nach der alkoholreichen Silvesterparty den körpereigenen Salzhaushalt wieder ins Lot bringen soll. Fischern wie Tierschützern jedoch würde der Heringshappen nach diesem Silvesterfest sauer aufstoßen – zumindest, wenn er aus der westlichen Ostsee stammt: Der World Wide Fund For Nature (WWF) hat den Hering der westlichen Ostsee auf seine diesjährige Liste der Verlierer aus dem Tierreich aufgenommen.

Die internationale Naturschutzorganisation veröffentlicht am heutigen Donnerstag ihre Auflistung jener Tiere, deren Bedrohung wie Erhaltung nach Meinung des WWF im Jahr 2018 besonders fortgeschritten sind. Die FR hat die Liste vorab exklusiv einsehen können. WWF-Sprecher Roland Gramling erklärt, was seiner Organisation bei der Auswahl der zwölf Tiere wichtig war: „Die Gewinner und Verlierer stehen stellvertretend für die großen Herausforderungen des globalen Naturschutzes, für ihre Ökosysteme, für Erfolge und Rückschläge. Sie sind bedroht sowie ökologisch, kulturell und ökonomisch bedeutsam.“

Das gilt auch für den Hering aus der westlichen Ostsee. Sein Verlierer-Platz kam wenig überraschend: Schon im Mai hat der internationale Rat für Meeresforschung (ICES), die wichtigste unabhängige Instanz zur Bewertung der Fischbestände, Alarm geschlagen. Seine Empfehlung: 2019 sollten die deutschen Schleppnetzfischer in der westlichen Ostsee am besten gar keinen Hering mehr fangen. Grundlage dafür waren institutseigene Bestandsanalysen der westlichen Ostsee, wonach der ICES den empfohlenen Mindestwert für die dort notwendige Biomasse an erwachsenen Heringen von 90 000 Tonnen auf 120 000 Tonnen heraufgesetzt hat. Damit rutschte die aktuell bei 105 000 Tonnen liegende Biomasse unter den neuen Referenzwert für einen gesunden Bestand.

Den Deutschen Fischerei-Verband traf das „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, hieß es. Auf FR-Anfrage sagt Sprecher Claus Ubl: „Beim Heringsbestand in der westlichen Ostsee fehlen keine Elterntiere. Vielmehr sind die Aufwuchsbedingungen für die Larven in den Bodden derzeit ungünstig. Da stellt sich meines Erachtens eher die Frage nach der Ertragsfähigkeit des Ökosystems, das heißt nach einer möglichen Senkung des Zielwertes für die Biomasse.“

Der Marine Stewardship Council folgt hingegen dem ICES mit seiner Forderung, die Zielwerte heraufzusetzen – und entzog dem Hering aus der westlichen Ostsee sein renommiertes MSC-Siegel für nachhaltig gefangenen Fisch. MSC-Sprecherin Andrea Harmsen sagt auf FR-Anfrage: „Die Fischer können das MSC-Siegel erst wieder erhalten, wenn der Bestand keine kritische Größe mehr hat. Maßgeblich ist hier die Bewertung des ICES.“

Es hätte für die Fischer aber noch drastischer kommen können, denn statt der Fangverbotsempfehlung des ICES haben die Fischereiminister der EU im Oktober bloß eine Reduzierung der im kommenden Jahr erlaubten Fangquoten beschlossen – um 48 Prozent. 63 Prozent wären besser gewesen, meint Christopher Zimmermann vom Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei. Er stellt klar: „Der Hering der westlichen Ostsee ist sowohl nach Biomasse als auch nach Fischereidruck derzeit im roten Bereich.“ Denn die Ostsee erwärme sich immer früher im Jahr, sodass Heringe immer früher ablaichten.

Im Greifswalder Bodden etwa schlüpften die Larven bereits viele Tage früher als noch vor 30 Jahren heran, fänden dann aber noch keine Kleinkrebslarven zu fressen, deren Futter – Algen – sich wiederum erst ab einem bestimmten Sonnenstand entwickelten. Die Heringslarven verhungern also – und der Bestand schrumpft mangels Nachwuchs, erklärt Zimmermann.

Vor diesem Hintergrund wertet der WWF den westlichen Ostsee-Hering gar als „Symbol des Klimawandels“. Er ist zugleich eine der 4005 Wirbeltierarten, auf deren Grundlage der WWF im Oktober den zwölften Living Planet Report herausgegeben hat. Demnach sind die Bestände der untersuchten Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien durchschnittlich um 60 Prozent geschrumpft – seit 1970. Damit habe der sogenannte Living Planet Index einen neuen Tiefpunkt erreicht. Maßgeblich verantwortlich dafür ist laut WWF-Naturschutz-Leiter Jörg-Andreas Krüger der Mensch: „Unser Lebensstil ist wie Kettenrauchen und Komasaufen auf Kosten des Planeten.“

Wie sehr der Mensch dem Tier den Garaus zu machen droht, zeigt das Beispiel eines weiteren WWF-Verlierers 2018: der Tapanuli-Orang-Utan in den Hochlandwäldern im Nordwesten Sumatras. Erst seit kurzem ist bekannt, dass es sich bei der gerade mal noch 800 Exemplare zählenden Population um eine eigene Art handelt, die sich genetisch von den bis dato bekannten Borneo- und Sumatra-Orang-Utans unterscheidet. Der Tapanuli-Orang-Utan ist damit „die seltenste Menschenaffen-Art der Erde“, schreibt der WWF in seiner Verlierer-Liste.

Erik Meijaard leitet die Umweltschutzorganisation Borneo Futures. Der Tapanuli-Orang-Utan ist „hochgefährdet“, sagt der Biologe. „Die größten Gefahren sind Jagd und Lebensraumzerstörung. Und wenn wir mehr als acht oder zehn Tiere im Jahr verlieren, geht der Bestand dramatisch zurück.“ Dann könnte die gerade erst entdeckte Art schon in wenigen Jahrzehnten ausgelöscht sein. Das ist Meijaard zufolge keine ferne Zukunftsvision, denn China plant aktuell den Aufbau der „neuen Seidenstraße“, die Handelsverbindungen weit über die Volksrepublik hinaus erschließen soll. Bei dem Mammutvorhaben macht China auch vor dem Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans nicht Halt: Der staatliche Energiekonzern Sinohydro ist dabei, einen Staudamm für ein 510-Megawatt-Kraftwerk zu errichten. Dafür soll im Batang-Toru-Wald ein 13 Kilometer langer Tunnel mit zehn Metern Durchmesser ausgehoben werden, mit Zubringerstraßen und Starkstromleitungen.

Damit könnten dem Orang-Utan in dem ihm verbliebenen Rückzugsgebiet die „Totenglocken“ läuten, heißt es in einem offenen Brief, den Meijaard und 25 Wissenschaftler aus aller Welt an den indonesischen Präsidenten Joko Widodo geschrieben haben. Die Wissenschaftler wollen den Staudamm abwenden, noch sei es nicht zu spät, sagt Meijaard, und ist deshalb optimistischer als der WWF: „Die Pläne sind noch nicht umgesetzt, und es gibt Menschen, die hart dagegen ankämpfen. Ich würde den Tapanuli-Orang-Utan also lieber als Gewinner sehen – wenn nicht 2018, dann vielleicht im nächsten Jahr.“

Über einen Erfolg beim Schutz von Tieren können sich derweil Vogelfreunde hierzulande freuen. Denn der Bienenfresser ist auf der Gewinner-Liste gelandet. Rund 2000 Brutpaare gibt es in Deutschland wieder, konzentriert auf Sachsen, Süd- und Nordbaden. In der Tat ein Erfolg, sagt Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell mit Blick auf die Bestandsentwicklung in Baden-Württemberg. „1988 gab es ein Brutpaar im Land, 2014 bereits mehr als 400.“ Und nicht nur das: „Früher war der Kaiserstuhl einer der nördlichen Vorposten des Brutvorkommens, heute brüten Bienenfresser in Polen und Südschweden.“

Der Grund ist aber auch alarmierend, sagt der Ornithologe: „Die Zunahme der Bienenfresser ist eines der Signale aus der Vogelwelt, die auf einen Klimawandel hindeuten.“ Entsprechend wertet der WWF den Vogel als „Gewinner aus den falschen Gründen“.

Wegen steigender Sommertemperaturen gäbe es mehr Hummeln, Schmetterlinge und Libellen, erklärt Hans-Valentin Bastian, Sprecher der Fachgruppe „Bienenfresser“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. „Und da Bienenfresser von großen Fluginsekten leben, profitiert die Art in der Tat davon, dass wir einen heißen Sommer hatten.“

Auf lange Sicht sei der Bienenfresser daher ein Gewinner des Klimawandels, sagt der Biologe. Allerdings heiße das nicht, dass der Vogel deshalb auf der sicheren Seite stehe. Denn auch hier sei es der Druck des Menschen auf die Lebenswelt des Vogels, der vor allem seiner Beute gefährlich werden könnte. „Nimmt der Flächenanteil von Hochleistungslandwirtschaft zu und damit auch der dafür notwendige intensive Einsatz von Maschinen, Pestiziden und Dünger, dann müssen wir befürchten, dass die Lebensgrundlage für Bienenfresser auch dort schlechter wird, wo er heute relativ häufig vorkommt.“

Dass der Bienenfresser in Deutschland wieder heimisch ist, ist für andere Arten jedenfalls unbedenklich, sagt Wolfgang Fiedler. Jedoch: „,Schlecht ist das Zeichen insofern, als dass es auf eine Entwicklung hindeutet, die für uns Menschen noch ganz andere und vermutlich wenig positive Veränderungen bedeutet, als dass wir ein paar mehr bunte Vögel herumfliegen sehen.“ Und damit meint er, natürlich, den Klimawandel.

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