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Irene und Bert turteln wie Teenager auf einer Parkbank.
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Irene und Bert turteln wie Teenager.

Partnersuche

„Mit 60 ist man heute nicht mehr alt“: Frühlingsgefühle im Herbst des Lebens 

  • Uta-Caecilia Nabert
    VonUta-Caecilia Nabert
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Wie liebt es sich mit über 60? Irgendwie anders und irgendwie gleich. Irene und Bert haben sich im Alter frisch verliebt und sind glücklicher denn je. Damit sind sie nicht allein. Immer mehr ältere Menschen sind auf der Suche nach einer neuen Partnerschaft. Zwei Experten aus der Partnervermittlung verraten wie es geht

Als Irene und Bert im Mai 2020 ihre Freunde einweihen, klingen sie wie Teenager. „Ich fühlte mich auch wieder so.“ Sie strahlt. „Es tut so gut, zu lieben und geliebt zu werden.“

Mittlerweile haben die beiden ihre erste Krise überstanden, das war, als er bei ihr einzog. „Viel zu früh“, sagt Irene, „nur zwei Monate, nachdem wir zusammenkamen.“ Es war ihr Reich, nun lebte auch er darin, im gelben Haus am Fluss. Er saß an ihrem Tisch, vor ihrem Kamin, auf ihrer Hollywoodschaukel. Hier hatte Irene ihren Lebensabend mit Ehemann John verbracht, hier hatte sie zwei Jahre lang um ihn getrauert.

Er fragte: „Soll ich mir doch etwas eigenes suchen?“ Sie sagte, sie wisse es nicht. „Und ich wusste es wirklich nicht. Ich wollte, dass er geht und bleibt zugleich.“ Gemein sei sie gewesen. Er sagt: „Das finde ich nicht. Du hast nicht geschrien und keine Türen geschlagen.“

„Aber ich habe stundenlang kein Wort gesprochen.“ Wer Irene kennt, weiß, dass das ein schlechtes Zeichen ist. „Ich liebe sie und wollte sie kein zweites Mal verlieren“, sagt Bert. Er blieb.

Mit über 60 die große Liebe finden? Immer mehr Ältere wagen die Suche

In den 50ern hatte er nicht so viel Geduld bewiesen, nachdem sie als Novizin in ein Kloster gegangen war. Wie gesagt, wer Irene kennt … Bald trat sie wieder aus, das Leben hinter den hohen Mauern, die sie von der bunten Welt da draußen trennten, war nichts für sie. „Zurück im Elternhaus erfuhr ich, dass Bert geheiratet hatte. Ich war überrascht. Und enttäuscht.“ Doch Irene glaubte nicht nur an Gott, sondern auch daran, dass es eben nicht hatte sein sollen. Zumal es noch einen zweiten Mann in ihrem Leben gab: John. Die Ehe wurde eine gute. Meistens jedenfalls. „Wenn es mal kriselte, dachte ich an Bert, fragte mich, ob ich den Richtigen geheiratet habe. Dann riss ich mich zusammen und wir vertrugen uns wieder.“

Beide Familien bekommen Nachwuchs, sie sind befreundet und treffen sich mehrmals im Jahr, die Männer arbeiten eine Zeit lang zusammen. Als John 70 ist, stirbt er an Krebs. In diesen Stunden sucht Irene Trost im Telefonat mit Freunden, auch mit Bert. Mit ihm telefoniert sie besonders oft. „In seinen letzten Tagen schlug John einmal die Augen auf und sagte: Bert soll auf dich aufpassen. – Das kam aus dem Nichts. Einfach so.“ In Irenes Stimme schwingt noch immer Erstaunen mit und gleich darauf Ärger: „Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst.“ Doch was sie auf jeden Fall brauchte, war Gesellschaft, Leben in der Bude, so wie sie es gewohnt war, und weswegen sie in ihrem kleinen roten Auto nach Johns Tod täglich das Haus verließ, um zu den noch Lebenden zu fahren. „Abends zurück, saß ich alleine am Feuer und weinte.“

Doch wo in dieser Geschichte bleibt Bert? Während Irene eine sehr glückliche Ehe geführt hatte, war seine schon lange zerrüttet gewesen, die Frau seit Jahren pflegebedürftig. „Ich blieb bei ihr, das hatte ich ja am Altar geschworen.“ Dennoch traf er Irene, selten zwar, aber sie telefonierten viel. „Irgendwann sehnten wir die Gespräche regelrecht herbei.“

Partnersuche im Rentenalter: Auch Ältere können noch Schmetterlinge im Bauch haben

Dann kam Berts Frau in ein Pflegeheim. Der Rest ist Geschichte. Die beiden erzählen sie abwechselnd. „Am nächsten Tag fuhr ich zu Irene und wir redeten und redeten und redeten und redeten.“ Abends weigert er sich, bei ihr zu übernachten, er will „eine Dame nicht in Verruf bringen“, doch der Heimweg ist lang. Die „Dame“ ruft ihre beste Freundin an, Johanna. Johanna kommt rüber, legt sich zu ihr ins Bett, während der Herrenbesuch im Gästezimmer übernachtet.

Am nächsten Abend bleibt die Freundin weg. „Weißt du, was ich gerne tun würde?“, fragt Irene ihren Bert. „Auf dem Bett liegen. Neben dir. Einfach so. Mal ausprobieren, wie das ist.“ Er nickt. Ja, das will er auch. Nach einer Weile rollt sie zu ihm hinüber und hat sofort das Gefühl, angekommen zu sein. „Als hätten diese Arme schon immer auf mich gewartet.“

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Jetzt, im Gespräch, tut es ihr furchtbar Leid, dass sie kurz nach seinem Einzug so gemein zu ihm gewesen sei. „Dass du noch da bist und mich noch liebst, dafür bin ich so dankbar.“ Der Wendepunkt sei eine OP gewesen, ausgerechnet. Auf die vier Tage Krankenhausaufenthalt, die ihr bevorstanden, freute sich Irene wie auf Urlaub im Wellnesshotel. „Endlich allein sein und dank Covid kein Besuch erlaubt.“ Im Krankenbett geschah das Wunder: Sie vermisste ihren neuen Partner so sehr, dass sie wieder täglich mit ihm telefonierte. Und eine bewusste Entscheidung traf: „Ja, ich will! Ich will mit diesem Mann zusammenleben.“ Seitdem läuft’s, seitdem haben sie Sex.

Hochzeitsglocken?

44% der 50- bis 70-Jährigen können sich laut Parship vorstellen, noch einmal zu heiraten. Nach Angaben der Partnervermittlung sind 8% der Kunden über 60; bei der Partnervermittlung Rhein-Main sind es sogar über die Hälfte. Davon machen den größten Teil über 60-Jährige aus (rund 60 Prozent). 30 Prozent sind 70 und älter, 10 Prozent über 80 und einige über 90.

Wirklich, zuerst habe er im Gästezimmer gewohnt, beteuert Bert. Mittlerweile teilen sie sich das Bett – unter einer Bedingung: „Er muss auf der rechten Seite schlafen. Links hat immer John gelegen, da liege ich jetzt.“ Bert habe Johns Platz nicht eingenommen. Es ist Irene wichtig, das zu betonen. „Ist das so?“ Bert lacht. „Das wusste ich gar nicht.“ „Das hast du nur vergessen“, sagt sie. „So oder so, das ist doch völlig o.k. für mich“, sagt er. „Bert ist so gedulig wie John“, sagt Irene.

Überhaupt hätten die Männer viele Gemeinsamkeiten. „Wie sie zum Beispiel mit Werkzeug umgehen können – toll!“ Das ist das einzige Rollenklischee, das die Mutter eines Sohnes und dreier Töchter zulässt. „Es ist sicher nicht meine Aufgabe, den ganzen Tag in der Küche zu stehen.“ Also betreten sie sie gemeinsam, sie spült, er trocknet ab. „Damit er lernt, wo das Geschirr hinmuss.“ In ihrem Alltag ist Teamwork ein wichtiges Wort. „Wir besprechen morgens, was wir tun wollen und machen es gemeinsam. Den Garten umgraben, kochen, putzen … Liebe machen!“

Und damit zurück zum Thema. „Seit ich mit ihr zusammen bin, kann ich davon gar nicht genug bekommen“, ruft Bert. Es sei nicht mehr die Erfüllung ehelicher Pflichten wie früher, sondern: „Das pure Vergnügen.“ Er wiederholt diesen Satz mehrmals im Gespräch. „Manchmal machen wir die Nacht zum Tag. Ich schaue auf die Uhr und auf einmal ist es drei am Morgen. Wahnsinn!“ – „Das heißt aber nicht, dass wir vier Stunden am Stück Sex haben“, wirft Irene ein. Das käme in Wellen, dazu gehöre auch langes Händchenhalten, zum Beispiel. „Das Tolle dabei ist, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, dass ich schwanger werde.“ Sie kichert.

Sex und Liebe im Alter: Viele Menschen im Rentenalter sehnen sich nach einer neuen Partnerschaft

Ob Sex im Alter sonst noch anders sei? „Mit jedem Partner ist es doch anders.“ Bert ergänzt: „Ich habe viel von ihr gelernt. Ich war meiner Frau immer treu, vieles kannte ich nur vom Hörensagen.“ Nun erlebe er mit seiner neuen Parterin, der zweiten seines Lebens, was möglich sei. Bert schreckt hoch: „Ich bin aber nicht nur wegen des Sex mit Dir zusammen, Irene!“

Einen „Aufpasser“ hatte sich John für seine Frau gewünscht. Bert sieht sich eher als „Gefährte“, „Liebhaber“, „Freund“. Ganz zu Beginn ihrer Beziehung, an einem dieser Nachmittage, den sie auf der Hollywoodschaukel verbrachten, fragte sie ihn, seit wann er sie eigentlich liebe. Er schaute sie an und sagte: „Schon immer.“

Er genieße das Leben jetzt viel viel mehr, sagt er. „Wenn wir nicht im Bett liegen, machen wir manchmal das Wohnzimmer zum Tanzlokal.“ Sie nickt: „Polka, Walzer, Cha-Cha-Cha … So haben wir uns schließlich kennengelernt. Damals musste man als Frau noch warten, dass man zum Tanzen augefordert wird. Da saß ich also, sah diesen gutaussehenden Mann auf der anderen Seite des Raumes und dachte: ‚Ach, wenn er doch zu mir kommen würde.‘“ Und er kam.

In einigen Wochen wollen Irene und Bert in eine kleine Wohnung ziehen, quasi auf neutralen Boden, der zudem altersgerecht ist. Heiraten möchten sie nicht noch mal.

Expertin für Partnervermittlung: „Mit 60 ist man heute nicht mehr alt“

Ingrid Kreuzer betreibt seit 37 Jahren die Partnervermittlung Rhein-Main – Der gemeinsame Weg. Psychologe Markus Ernst berät seit 14 Jahren die Kunden von Parship am Telefon. Was sich Menschen über 60 vom neuen Partner wünschen - im Kurzinterview:

Zählten Ältere schon immer zu Ihren Kunden?

Ingrid Kreuzer: Erst seit etwas mehr als zehn Jahren. Die Gesellschaft hat sich verändert. 60 ist heute nicht mehr alt. Früher hat man die Enkel betreut, heute macht man Reisepläne. Man sucht einen Partner für die Freizeitgestaltung und zum Ausleben gemeinsamer Interessen. Die Menschen wollen nicht zu Hause herumsitzen.

Markus Ernst: Jemand, der 60 ist, hat eventuell noch 30 Jahre vor sich. Nach dem Tod des Partners oder einer Scheidung gestatten es sich heute mehr Menschen, noch einmal eine Beziehung einzugehen. Früher galt das für die Betroffenen und ihr Umfeld stärker als Verrat. Das hat sich geändert und dennoch fragen mich viele, woran sie merken, dass sie wieder bereit sind für eine Beziehung. Es gibt kein Patentrezept. Manchmal dauert es wenige Monate, manchmal fünf Jahre.

Kreuzer: Tendenziell kommen die Männer früher zu mir, manchmal im gleichen Monat nach dem Tod der Partnerin. Manche Frauen kommen erst nach Jahren. Sie konzentrieren sich auf sich selbst, verarbeiten die Trauer, schließen sich mit ihren Freundinnen zusammen, kümmern sich um die Enkel. Mein Appell: Lösen Sie sich früher aus der Trauer, oder bewältigen sie sie gemeinsam mit einem neuen Partner. Das macht es leichter.

Wie wirkt sich die Vorgeschichte auf eine neue Beziehung aus?

Ernst: Einerseits dürfen sich die neuen Partner nicht das Gefühl geben, sie verglichen einander mit den alten. Andererseits darf die Vorgeschichte nicht totgeschwiegen werden, sonst kann die Beziehung nicht funktionieren. Wenn etwa eine Frau traurig ist, weil sich der Todestag ihres verstorbenen Mannes jährt, braucht sie das Verständnis vom neuen Partner. Offenheit und Akzeptanz sind wichtig – übrigens auch in Bezug auf das familiäre Umfeld und den Freundeskreis. Die meisten wünschen sich, dass sich die neue Liebe gut einfügt.

Zieht man im Alter noch mal zusammen?

Kreuzer: Viele Frauen möchten das nicht mehr. Sie haben sich in ihrem Alleinsein eingerichtet, sind vielleicht noch mal beruflich durchgestartet, lernen eine Fremdsprache, haben die Wohnung schick eingerichtet. Die wollen nicht wieder einem Mann die Socken wegräumen. Die Herren hingegen wünschen sich meist einen gemeinsamen Haushalt, dabei spielt es durchaus eine Rolle, dass sie zeit ihres Lebens die Fürsorge einer Partnerin genossen haben und ihnen das jetzt fehlt. Viele denken aber auch um und lernen zum Beispiel kochen.

Schaut man in dem Alter noch auf das Aussehen?

Kreuzer: Durchaus. Der Mann wünscht sich eine attraktive schlanke Frau, die lächelt und ihre Formen zeigt. Die Frau achtet eher darauf: Wie kleidet er sich? Ist er gepflegt? War er beim Friseur? Allerdings merke ich, dass nach fast zwei Jahren Corona und zunehmender Einsamkeit die Ansprüche etwas heruntergeschraubt werden. Männer sind demütiger geworden, sie besinnen sich verstärkt auf das Wesentliche, Hauptsache, sie sind nicht mehr allein. Dann muss die Frau auch nicht mehr unbedingt blond sein.

Ernst: Attraktivität hat keinen ganz so hohen Stellenwert mehr. Viel wichtiger sind gemeinsame Interessen und Hobbies, dass sich der neue Partner für die Lebensgeschichte interessiert. Harmonie spielt eine große Rolle.

Und welche Rolle spielt die Sexualität?

Ernst: Die ist nach wie vor wichtig. Meistens fragen mich die Klienten, ob sie das Thema schon im Profil erwähnen sollen oder wann der beste Zeitpunkt ist, das anzusprechen. Ein Vorteil dieser Altersgruppe: Sie kann Sexualiät ohne Zeitdruck und den Druck der Familienplanung ausleben.

Kreuzer: Rund 70 Prozent meiner weiblichen und 90 Prozent meiner männlichen Klienten wünschen sich Sexualität und Körperkontakt. Allerdings geht es oft vor allem um Händchenhalten und Hautkontakt, wie zum Beispiel, sich in den Arm zu nehmen. Der reine Akt spielt eine geringere Rolle.

Macht man es in dem Alter besser in der Liebe?

Ernst: Menschen über 50 haben den großen Vorteil, dass äußere Zwänge wie Familienplanung oder Karriere wegfallen. Da setzen sich junge Menschen sehr unter Druck, nach dem Motto: Jetzt muss es endlich klappen. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich selbst besser kennt und weiß, was bzw. wer einem guttut, welche Suchmuster sich bewährt haben. Der Nachteil: Man setzt viele Filter eventuell zu früh, beschränkt etwa den Suchradius auf 50 Kilometer oder schließt Raucher per se aus. Da sollte man kompromissbereiter sein.

Interview: Uta Nabert

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