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Istanbul, Juli 2018: Demonstranten fordern „Sag Nein zu Kindesmissbrauch“ (links) und „Verhäng keine Nachrichtensperre, beug dem Missbrauch vor“.

Türkei

Der verleugnete Skandal

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In der Türkei sollen Lehrer an privaten Religionsschulen Kinder missbraucht haben. Die ersten Fälle wurden 2016 bekannt, nun deckt eine Zeitung weitere Vergehen auf. Es gibt Hunderte Opfer. Und die Regierung verhängt erneut Nachrichtensperren.

Gipfel der Ignoranz – mit dieser Schlagzeile überschrieb die oppositionelle türkische Tageszeitung „Cumhuriyet“ Anfang September einen Bericht über den jahrelangen sexuellen Missbrauch von Kindern bei einer Islam-Sekte, der seither das Land erschüttert. Mehr als ein Dutzend Minderjährige seien mutmaßlich von Hodschas, den Koranlehrern einer Religionsschule in Istanbul, sexuell missbraucht und vergewaltigt worden, ohne dass jemand einschritt, heißt es in dem Bericht. Die Kinder besuchten das Internat einer Koranschule der nicht offiziell registrierten Sekte Fikih-Der (Erkenntnis-Verein) im konservativen Bezirk Ümraniye auf der asiatischen Seite Istanbuls. Nachdem sich sechs Jungen und ihre Eltern an die Polizei gewandt hatten, wurden inzwischen drei tatverdächtige Hodschas festgenommen.

Der Fall löste einen Empörungssturm in den sozialen Medien des Landes aus und hebt eine überfällige Debatte wieder auf die Tagesordnung. Sexueller Missbrauch von Kindern in religiösen Einrichtungen wie Koranschulen oder Kinderwohnheimen ist eines der größten Tabus der Türkei. Sobald eine einschlägige Affäre bekannt wird, sprechen Vertreter der Regierung oder der staatlichen Religionsbehörde Diyanet von „Einzelfällen“ und „Perversen“. Doch die immer wieder aufflackernden Medienberichte legen nahe, dass die islamischen Gemeinschaften ein ähnlich ernstes strukturelles Problem mit kriminellen Pädophilen haben könnten wie die katholische Kirche im Westen.

In der ersten gerichtlichen Anhörung stritten die beschuldigten Hodschas alle Vorwürfe ab. Doch die Vorwürfe der mutmaßlichen Opfer stimmen überein und wirken konsistent. So erklärte ein Junge, dass der Chef-Hodscha der Koranschule bestimmte Kinder bevorzugt habe, die er dann in seine Privaträume bestellte. „Er brachte mich dazu, ihn zu massieren. Dann musste ich seine anderen Körperteile berühren.“ Ein 17-jähriger erzählte, derselbe Religionslehrer habe ihn gezwungen, in einem Bett mit ihm zu schlafen, gemeinsam zu duschen und anschließend zu beten. Andere Kinder hätten Ähnliches erlebt, aber gegenüber der Polizei nicht bezeugt, schreibt Cumhuriyet, „weil sie glaubten, dann von bösen Hodscha-Geistern verfolgt zu werden“.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft ermittelt, dass mindestens 20 Jungen in der Einrichtung missbraucht worden seien. Die beschuldigten Hodschas leugnen die Vorwürfe bislang und erklären, die Kinder hätten ihnen lediglich „Fußmassagen gegeben, um einen guten Eindruck zu machen“. Die Staatsanwaltschaft fordert für die Angeklagten zwischen 25 und 145 Jahren Gefängnis. Von einer Reaktion der Regierung ist hingegen nichts bekannt, amtliche Kontrollen für ähnliche religiöse Einrichtungen wurden nicht angeordnet.

„Diese Berichte erinnern sehr deutlich an den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche“, sagt der Berliner Philosoph Matthias Katsch, Sprecher der Initiative „Eckiger Tisch“, die katholische Missbrauchsopfer vertritt. „Es geht um Kleriker, die ihre geistliche Macht und ihre herausgehobene Rolle ausnutzen, um Kinder und Jugendliche zu missbrauchen und Opfer, die nicht wissen, wie sie sich dagegen wehren sollen, weil sie Angst haben müssen, dass ihnen im Zweifel niemand glaubt, weder die Eltern noch die Polizei oder die Öffentlichkeit“.

Der Istanbuler Missbrauchsskandal erinnert auch fatal an einen ähnlichen Fall, der im März 2016 erstmals zu einer breiten öffentlichen Diskussion in der Türkei über sexuell motivierte Verbrechen an Kindern führte. Damals enthüllte die kleine linke Zeitung Birgün, dass der 54-jährige Lehrer Muharrem B. in einem Wohnheim der islamistischen Ensar-Stiftung in der zentralanatolischen Stadt Karaman mindestens 45 Schüler zwischen acht und 14 Jahren vier Jahre lang sexuell missbraucht habe. Nachts sei er in den Schlafsaal gekommen und habe einzelne Schüler mitgenommen. „Jeder im Heim wusste, was Lehrer Muharrem machte“, sagte einer der Jungen. Vor Gericht bezeugten die Kinder auch, dass der Lehrer sie gezwungen habe, „Tier- und Menschenpornos“ mit ihm anzuschauen.

Auf die Frage, warum sie die Taten nicht gemeldet hätten, sagten die Kinder, die meist aus armen Familien der Umgebung stammten, sie seien „verängstigt und verlegen“ gewesen. Außerdem habe sie der Lehrer gewarnt, irgendjemand davon zu erzählen. Der Mann gestand zunächst die Übergriffe, wiederrief sie aber vor Gericht wieder und behauptete, die Jungen hätten „untereinander Sex“ gehabt. Er habe sich in Wahrheit „wie ein Vater“ um sie gekümmert.

Burak Copur ist Politikwissenschaftler und Türkei-Experte an der privaten Hochschule IUBH in Dortmund.

Der Fall war hochpolitisch, da die Wohnheime illegal betrieben wurden und die Ensar-Stiftung für ihre enge Verbindung zur islamischen AKP-Regierung und zur Familie des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan bekannt ist. Trotz des Skandals erhält die Stiftung bis heute lukrative Regierungsaufträge für den Schulunterricht und kommunale Geldzuwendungen in Millionenhöhe. Damals verhängte die Regierung eine Nachrichtensperre und versuchte zunächst auch, eine von der Opposition im Parlament beantragte Untersuchungskommission zu verhindern.

Als der Prozess Mitte April 2016 begann, ergriff der zuständige Regionalgouverneur Sicherheitsmaßnahmen wie bei einem Terrorverfahren. Er befahl, Autos an den Zufahrtsstraßen zur Provinz stoppen, verhängte eine Sperrzone von drei Kilometern um das Gerichtsgebäude, untersagte alle Proteste und sprach ein Medienverbot für die Verhandlung aus. In einem Blitzprozess wurde Muharrem B. zu 508 Jahren Gefängnis wegen sexuellen Missbrauchs von zehn Jungen verurteilt.

Die Ergebnisse der parlamentarischen Untersuchungskommission, die sehr allgemein von Kindesmissbrauch handeln, wurden im Januar 2017 vor fast leeren Abgeordnetenreihen vorgetragen. Heute ist der Kommissionsbericht auf der Webseite des Parlaments nicht mehr zu finden. Die Autoren haben es fertiggebracht, das Wort „Ensar“ gar nicht, die Begriffe „yurt“ (Wohnheim) und „vakfi“ (Stiftung) nur jeweils einmal in den 480 Seiten auftauchen zu lassen.

Der Ensar-Stiftung hat der Skandal auch finanziell nicht geschadet. Die 1979 mit dem Auftrag gegründete Institution, „der Erziehung von Generationen mit humanitären Werten“ zu dienen, ist inzwischen als gemeinnützige Organisation anerkannt, in der gesamten Türkei aktiv und steinreich. Ensar hat ebenso wie die millionenschweren Tügva- und Türgev-Stiftungen der Erdogan-Familie das Erbe der früher mit dem Staatschef verbündeten, dann verfemten Gülen-Bewegung angetreten, die ihr Sektenimperium auf Bildung und außerschulische Betreuung aufgebaut hatte. Inzwischen wurden sogar ehemalige Wohnheime und Nachhilfeschulen der Gülenisten nach der Enteignung an Ensar, Tügva oder Türgev überschrieben.

Mittlerweile ist zudem klar geworden, dass die Missbrauchsfälle bei Ensar- und Fikih-Der nur die Spitze eines Eisbergs darstellen. So ist die bei der Polizei angezeigte Zahl sexuell attackierter Kinder nach einem Report der oppositionellen sozialdemokratischen CHP in der Regierungszeit von Erdogans AKP seit 2002 bis 2016 von rund 4000 auf etwa 18 000 – also um mehr als das vierfache – angestiegen.

Seit dem Ensar-Skandal wurde eine schier endlose Reihe von Missbrauchsfällen in Koranschulen und Wohnheimen bekannt. So wurde im Juli 2016 ein pensionierter Hodscha in Izmir zu langjähriger Haft verurteilt, weil er sechs Schüler im Alter von sechs bis elf Jahren sexuell missbraucht hatte. Im Dezember 2017 berichtete Birgün über einen Missbrauchsskandal im Wohnheim einer unregistrierten islamischen Sekte in der Ägäisstadt Dikili, wo ein Aufseher wegen Vergewaltigung von sieben Jungen verhaftet und das Wohnheim geschlossen wurde. Einen Monat später wurde ein Mitglied der islamistischen Furkan-Stiftung in der Mittelmeermetropole Adana verhaftet, nachdem bei einer gegen die Gruppe gerichteten Polizeirazzia Kinderpornografie auf seinem Handy gefunden worden war.

Die Regierung versucht, die Skandale regelmäßig unter den Teppich zu kehren. Als handele es sich um Staatsgeheimnisse, verhängt Ankara bei Missbrauchsfällen im Zusammenhang mit Imamen und Hodschas offizielle Nachrichtensperren. Einen Zusammenhang zwischen den sexuellen Übergriffen und der frömmlerischen Regierungspolitik Erdogans vermutet denn auch Burak Copur, Politikwissenschaftler und Türkei-Experte an der privaten Hochschule IUBH Dortmund. „Die steigenden Missbrauchsfälle in den islamischen Sekten und Ordensgemeinschaften hängen auch mit einer zunehmenden Politisierung des Islams durch die AKP zusammen“, sagt Copur. „Der Staat setzt ganz klar auf eine Islamisierung der Gesellschaft.“

Tatsächlich hat Erdogan mehr als einmal erklärt, er wolle eine „fromme Generation“ heranziehen. In der AKP-Ära ist die Anzahl islamisch orientierter Bildungseinrichtungen wie der staatlichen Imam-Hatip-Schulen dramatisch angewachsen. Auch staatliche Korankurse haben sich nach offiziellen Angaben des Diyanet-Präsidiums seit Beginn der AKP-Ära von 3400 auf 17 000 vervierfacht. Der Staat selbst treibt die Kinder in die Hände pädophiler Hodschas, indem er den obligatorischen islamischen Religionsunterricht durch pädagogisch ungeprüfte Institutionen und Sekten ausüben lässt. Die Bildungsgewerkschaft Egitim-Sen veröffentlichte jüngst eine Erklärung, in der sie den Einsatz von Ausbildern islamischer Organisationen im staatlichen Bildungssystem strikt verurteilte.

Die bekannt gewordenen sexuellen Übergriffe seien allerdings meist in den privaten illegalen Koranschulen geschehen, erläutert Professor Copur. „Parallel zu den staatlichen wurden eine Vielzahl nichtregistrierter, also illegaler Korankurse durch islamische Sekten gegründet. Diese sind zwar verboten, werden aber vom Erdogan-Regime stillschweigend geduldet. Höchst problematisch ist dabei, dass diese illegalen Korankurse durch die Religionsbehörde Diyanet weder kontrolliert noch sanktioniert werden. Denn seit einer Gesetzesänderung der AKP von 2012 sind für illegale Korankurse keine Strafen mehr vorgesehen.“

Im August veröffentlichte der bekannte türkische Investigativjournalist Ismail Saymaz ein Buch mit dem Titel „Sehvetiye Tarikati“ (Orden der Lüstlinge) über die rund 30 bekannten islamischen Sekten und Orden mit rund 2,6 Millionen Mitgliedern in der Türkei und kam zu dem erschreckenden Ergebnis, dass nicht wenige von ihnen tief in den sexuellen Missbrauch von Kindern – meist Jungen – verstrickt seien. Er zählt zahlreiche gerichtsbekannte Fälle auf. „Einige Scheichs scheuen angeblich nicht einmal davor zurück, geistig behinderte Kinder zu missbrauchen“, schreibt Saymaz.

Die schwelende Krise hat das Potenzial, die Religion selbst zu diskreditieren – wie bei der katholischen Kirche. Inzwischen wird selbst AKP-nahen Medien die Häufung sexueller Übergriffe in islamischen Gruppen unheimlich. Als der Fikih-Der-Skandal vor drei Wochen bekannt wurde, forderte die Erdogan-treue Boulevardzeitung Star, religiöse Gemeinschaften und Sekten durch eine „unabhängige Verfassungsinstitution“ ähnlich dem Verfassungsgericht zu kontrollieren, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen.

Doch bisher findet eine staatliche Kontrolle der Sekten und Islam-Orden überhaupt nicht statt, und wenn den Tätern der Prozess gemacht wird, erhalten sie oft noch einen juristischen Rabatt in Form geringerer Strafen – wegen „guter Manieren vor Gericht“.

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