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Die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Oktober 1962.

Zweites Vatikanisches Konzil

Die „Verheutigung“ der Kirche

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Noch heute gilt das Zweite Vatikanische Konzil im Oktober 1962 als Referenzpunkt für das Selbst- und Weltverständnis der katholischen Kirche heute.

Der Papst bediente sich bei Martin Luther: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen!“ soll der Reformator 1521 auf dem Reichstag von Worms gerufen haben. „Hier sitze ich. Ich kann noch ganz anders. Gott helfe euch! Amen!“ – das ist die Variation im Mund Papst Johannes‘ XXIII. (1958 bis 1963), eines gewichtigen Herrn von 80 Jahren. Dass er mit diesen Worten vor genau 50 Jahren, am 11. Oktober 1962, das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet habe, ist nicht wahr, aber gut erfunden. Denn die Entscheidung des Papstes, nach fast 80 Jahren wieder eine Versammlung aller Bischöfe nach Rom einzuberufen, bedeutete für die katholische Kirche nichts weniger als eine Revolution von oben. In einem fest verrammelten Gebäude von Dogmen, Riten, Traditionen und anti-modernen Affekten wollte der Papst die Fenster zur Welt öffnen und frischen Wind hereinlassen. Sein Programmwort lautete „aggiornamento“ – wörtlich: „Verheutigung“. Die Kirche, so die Intuition des Papstes in seiner Eröffnungsrede, müsse „der Gegenwart Rechnung tragen“, um das Ewige ihrer Botschaft nicht zu verraten. Mit scharfen Worten wandte sich Johannes XXIII. an die „Unglückspropheten“ aus den eigenen Reihen, die in der modernen Gesellschaft „nur Untergang und Unheil“ zu erkennen glaubten und sich benähmen, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt. Ihnen hielt der Papst entgegen: „Wir aber sind völlig anderer Meinung.“
Fortschrittliche Theologen, besonders aus Deutschland und Frankreich, traten beherzt in die vom Papst vorgezeichnete Spur kirchlicher Erneuerung. Unter ihnen waren der Jesuit Karl Rahner sowie die jungen Professoren Hans Küng (Münster) und Joseph Ratzinger (Bonn). Ratzinger beriet den Kölner Kardinal Joseph Frings, dem als einem der dienstältesten Konzilsväter eine Schlüsselrolle für den Verlauf des Konzils zukommen sollte. Die reformunwillige römische Kurie versuchte nämlich, das Konzil in eine ihr genehme Richtung zu lenken, sowohl durch die Besetzung von Kommissionen und Arbeitsgruppen als auch durch Textentwürfe für die späteren Konzilsdokumente. Frings und andere Bischöfe brachten eine große Mehrheit gegen solche Verfahrenstricks hinter sich, sorgten so für einen Korpsgeist unter den Bischöfen und stärkten das Selbstbewusstsein des Bischofskollegiums als einer Art verfassungsgebender Versammlung.

Ringen um die Deutungshoheit

Trotzdem blieb das Konzil bis zu seinem Ende am 8. Dezember 1965 geprägt vom Machtkampf zwischen konservativer Minderheit und progressiver Mehrheit. Nachdem Johannes XXIII. ein Jahr nach Konzilsbeginn gestorben war, fiel seinem Nachfolger, Papst Paul VI. (1963 bis 1978), die Aufgabe zu, die auseinander driftenden Lager beisammen zu halten. Erfahren in Kirchenverwaltung und –regiment, ging Paul VI. in doppelter Weise vor: Er bremste die Ungestümheit der Reformer mit teils ausgesprochen autoritären Eingriffen, und er drängte darauf, dass sich auch die Minderheit in den Konzilsdokumenten wiederfinden könnte. Das Ziel Pauls VI. war es, für alle Texte ein möglichst einmütiges Placet der Konzilsväter zu erhalten. Den Texten ist ihr Kompromiss-Charakter deutlich anzumerken. Eigentlich unvereinbare theologische Positionen finden sich so mitunter in scheinbar einträchtiger Nachbarschaft.

Bis heute dauert darum das Ringen um die Deutungshoheit über den „Geist des Konzils“, denn aus den Buchstaben kann jeder das herauslesen, was ihm gerade zupass kommt. Die Stimmung im Petersdom, der zum Sitzungssaal mit langen Tribünenreihen und sogar einer eigenen Cafébar umfunktioniert war, und in den kirchlichen Häusern Roms gibt nach Auskunft von Zeitzeugen freilich eine eindeutige Interpretationsvorrichtung vor: Es wehte der Wind von Aufbruch, Befreiung und Erneuerung, erinnert sich der heutige Kardinal Karl Lehmann, der zur Konzilszeit in Rom studierte.

Das Ende des Konzils und die Umsetzung seiner Beschlüsse fielen zusammen mit dem Aufbegehren der 68er-Bewegung in der westlichen Welt. Während die innerkatholischen Stürmer und Dränger im Konzil den Anstoß zu einer radikalen Kritik an der Institution Kirche und den „alten Zöpfen“ ihrer Tradition sahen, witterten andere im Konzil das Gift von Anarchie und geistiger Zersetzung. Gegenstand und Symbol dieser Auseinandersetzung ist die Liturgiereform, die Frage nach der rechten Feier des Gottesdienstes. Vieles spricht dafür, dass ein Mann wie Joseph Ratzinger die Abschaffung der alten lateinischen Messe, den liturgischen Wildwuchs mit dem Happening-Charakter von Gottesdiensten schon früh als eine „Häresie der Formlosigkeit“ (Martin Mosebach) empfand und sich fühlte wie Goethes Zauberlehrling: Die Geister, die er rief, die ward er nicht mehr los.

Referenzpunkt für das Selbstverständnis

Allerdings war die Verteidigung „Tridentinischen Messe“ oft auch nur der formale Vorwand einer Kritik, die in Wahrheit die Reformen des Konzils insgesamt ablehnte. Der französische Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991) wurde zum Sprecher und Führer einer traditionalistisch-reaktionären Strömung, die Religions- und Gewissensfreiheit als Teufelszeug verdammt, die Legitimität des Konzils und seiner Beschlüsse bestreitet, ja sogar alle Päpste seit dem Konzil als „Häretiker“, Verräter an der Lehre der Kirche, betrachtet. 1988 vollzog Lefebvre den endgültigen Bruch mit Rom. Die Reintegration seiner „Piusbruderschaft“ in die katholische Kirche ist eines der Herzensanliegen Joseph Ratzingers, auch und gerade nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 2005. Ob und inwieweit Benedikt XVI. den Piusbrüdern bei der Frage der Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Beschlüsse entgegenkommt, gilt als Gradmesser für die Stärke eines „Rollback“ der Kirchenleitung – nicht zuletzt mit Blick auf das Verhältnis zur modernen, säkularen Gesellschaft.

So ist das Konzil auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Beginn der Referenzpunkt für das Selbst- und Weltverständnis der katholischen Kirche heute. Der Streit über die Interpretation des Konzils, sagt der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück, ist gleichbedeutend mit der Frage nach der Zukunft des Katholizismus.
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