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Am Ufer der Maritsa zwischen der Türkei 
und Griechenland im März 2020: Flüchtlinge versuchen, 
per Schlauchboot die EU zu erreichen.
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Am Ufer der Maritsa zwischen der Türkei und Griechenland im März 2020: Flüchtlinge versuchen, per Schlauchboot die EU zu erreichen.

Unwort des Jahres 2021

„Pushback“ und andere verharmlosende Worte

  • VonAndreas Sieler
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„Pushback“ umschreibt das Zurückdrängen Geflüchteter an Grenzen. Damit werde ein menschenverachtender Prozess beschönigt, sagt die Jury für das Unwort des Jahres - und setzt es auf Platz 1.

Es darf von einem Überraschungssieger gesprochen werden. Hatte doch Corona auch 2021 erneut zahlreiche Diskurse bestimmt und viele neue Begriffe hervorgebracht. „Pushback“ aber lautet das Unwort des Jahres 2021 und lenkt so den Blick auf die europäische Flüchtlingspolitik. Es umschreibt das Zurückdrängen von Geflüchteten an den Grenzen zu ihrem Ziel- oder Transitland, ohne dass die Betroffenen dabei ihre Rechte wahrnehmen können wie etwa das Stellen eines Asylantrages.

„Pushback“ erhielt am Mittwoch den Negativpreis, „weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen“, heißt es am Mittwoch in der Begründung der Jury der sprachkritischen Aktion, die seit den 90er Jahren das Unwort des Jahres kürt.

„Pushbacks“ schon lange in der Kritik

Die Kritik an „Pushbacks“ ist nicht neu: Laut Menschenrechtsorganisationen und Kritiker:innen verstoßen „Pushbacks“ etwa gegen die Genfer Flüchtlingskonvention oder die Europäische Menschenrechtskonvention. Insbesondere in Berichten über die europäische „Abschottungspolitik“, wie die Flüchtlingspolitik mitunter bezeichnet wird, wurde der Begriff zuletzt häufig verwendet – aktuellstes Beispiel ist der Umgang mit Geflüchteten an der Grenze zwischen Polen und Belarus.

Amnesty International kritisiert „Pushbacks“ von Schutzsuchenden an den EU-Außengrenzen aber auch in Griechenland, Italien, Malta, Spanien, Frankreich, Bosnien, Kroatien und Slowenien.

Alternativer Begriff zu „Pushback“

Neu ist nun die Kritik an dem Begriff „Pushback“ selbst durch dessen Kür zum Unwort des Jahres. „Den Geflüchteten wird ein faires Asylverfahren vorenthalten und durch die Verwendung des Ausdrucks Pushback wird das nicht deutlich“, kritisiert Jury-Mitglied Constanze Spieß im Gespräch mit der FR. Dass es dabei oft um gewalthafte Handlungen gehe, die sogar den Tod der Schutzsuchenden zur Folge haben könnten, werde mit dem Begriff verschleiert, sagt die Sprachwissenschaftlerin.

Die Jury kritisiert in ihrem Statement auch, dass der Begriff sowohl in den Medien als auch von Kritikerinnen und Kritikern von „Pushbacks“ unreflektiert verwendet werde. Doch welchen Ausdruck könnte man alternativ verwenden? „Das ist sehr schwierig, weil sich die Beschreibung dieser Verhaltensweise gar nicht auf einen Begriff reduzieren lässt“, sagt Spieß. „Und wenn man in der Medienlandschaft einen solch knackigen Begriff hat, verwendet man den natürlich ganz gern.“ So kann die Wortwahl neben Kritik am Vorgehen der EU auch als Schelte an Politiker:innen, Journalist:innen und Organisationen betrachtet werden, die ihren Beitrag geleistet haben, den Begriff im Sprachgebrauch zu verfestigen.

Unwort des Jahres 2021

Das „Unwort des Jahres“ gibt es seit 1991. Die Jury bezeichnet sich als zivilgesellschaftliche, sprachkritische Aktion und arbeitet seit 1994 selbständig sowie politisch und institutionell unabhängig. Zuvor wurde es im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache gewählt. Die Jury will „auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen“ und so das Sprachbewusstsein fördern. Unwörter der vergangenen Jahre sind unter anderem „Rückführungspatenschaften“, „Corona-Diktatur“ (beide 2020), „Klimahysterie“ (2019) und „Anti-Abschiebe-Industrie“ (2018).

Die Jury besteht aus den Sprachwissenschaftler:innen Kristin Kuck (Universität Magdeburg), Martin Reisigl (Universität Wien), David Römer (Universität Trier) und Constanze Spieß (Philipps-Universität Marburg) sowie der Journalistin Katharina Kütemeyer. Hinzu kommt ein jährlich wechselndes Mitglied – dieses Jahr der Journalist Harald Schumann. Die Jury wählte das Unwort 2021 laut eigenen Angaben aus 1308 Einsendungen von Bürgerinnen und Bürgern. FR

Überraschend mag die Wahl der Jury erscheinen, da der Begriff schon seit mehreren Jahren verwendet wird. Das sei aber nicht ungewöhnlich, erklärt Spieß: „Uns ist aufgefallen, dass er im vergangenen Jahr relativ häufig in Diskursen verwendet wurde. Gerade in Debatten um europäische Außengrenzen und die Problematik in Belarus und Polen wurde der Ausdruck vielfach gebraucht.“ Ursprünglich steht der Begriff im Englischen und Amerikanischen für das Zurückschieben eines Flugzeugs auf dem Rollfeld.

Unwort des Jahres: die Plätze 2 und 3

Im Englischen wird er auch verwendet, um verbale Attacken zurückzuweisen. Ab wann der Begriff im Migrationskontext im deutschsprachigen Raum verwendet wird, kann auch die Sprachwissenschaftlerin der Jury nicht genau bestimmen.

Auf dem zweiten Platz des unrühmlichen Siegertreppchens der Unwort-Jury landete für 2021 die „Sprachpolizei“. Damit würden Personen diffamiert, die sich für einen „angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen, der bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschließt“, heißt es in der Pressemitteilung zur Wortwahl. Die Jury bewertet den Begriff als „irreführend, weil er suggeriert, dass es eine exekutive Instanz gäbe, die über die Einhaltung von Sprachregeln ‚wacht‘ und bei ‚Nichteinhaltung‘ Bestrafungen vorsieht.“

Unwort des Jahres: Jury kritisiert Sprachwahl der „Querdenker“

Platz drei vergab die Jury gleich an einen ganzen Sprachkomplex: Vergleiche mit dem Nationalsozialismus. Vielen dürfte dabei noch in Erinnerung sein, wie sich eine junge Frau 2020 auf einer „Querdenker“-Demo medienwirksam mit Sophie Scholl verglich. Es seien viele Einreichungen von Bürgerinnen und Bürgern bei der Jury eingegangen, die sich einen der Vergleiche von Protestierenden gegen Maßnahmen zur Corona-Einschränkung mit dem Nationalsozialismus als Unwort des Jahres gewünscht hätten. Das geht aus der Mitteilung der Jury hervor.

Gemeint sind damit Begriffe wie „Impfnazi“, „Ermächtigungsgesetz“ statt Infektionsschutzgesetz oder den Aufdruck „ungeimpft“ auf gelbem Stern. „Hier findet eine deplatzierte Verwendung dieser Vergleiche statt, weil dadurch der Nationalsozialismus verharmlost wird und die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur verhöhnt werden“, sagt Spieß. „Da kommt es häufig zu einer Opfer-Täter-Umkehr. Wir haben auch den Eindruck, dass dies bei Demonstrationen zunimmt.“

Persönliches Unwort des Jahres des Gastjurors

Explizit erwähnt wurde schließlich noch das persönliche Unwort des Gastjurors und Journalisten Harald Schumann – der „Militärschlag“. Eine, so die Kritik der Jury, „euphemistische Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt“. Wenn Bomben, Raketen und Panzer eingesetzt werden und schlimmstenfalls gar zivile Opfer zu beklagen sind, dann handle es sich um Krieg – nicht um ein paar Schläge.

Wie bei dem Begriff „Pushback“ wird mit dem „Militärschlag“ ein seit längerem verwendeter Ausdruck von der Jury hervorgehoben, der etwas verschleiert, statt es zu benennen.

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