Schwere Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann – Grüne fordern Verbot für „Row Zero“
Junge Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann. Die Band streitet sie ab. Nun wollen die Münchener Grünen handeln.
Update vom 5. Juni, 11.45 Uhr: Die Münchener Grünen wollen nach den schweren Vorwürfen gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann Konsequenzen ziehen. Ab Mittwoch (7. Juni) spielt die Band noch in dieser Woche vier Konzerte in München. Zuvor hatten junge Frauen dem Sänger sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Deshalb will die Partei Musikveranstaltungen sicherer machen, wie eine Sprecherin der Grünen gegenüber FR.de von IPPEN.MEDIA am Montag mitgeteilt hatte. Der Antrag „Sichere Konzerte für alle“ soll am Montag (5. Juni) im Stadtrat eingereicht werden.
Nach Vorwürfen gegen Rammstein-Sänger Lindemann: Grünen wollen Konzerte sicherer machen
Die Grünen würden darin das Kreisverwaltungsreferat auffordern, ein mögliches Verbot der sogenannten „Row Zero“ zu prüfen. Die Band habe diesen Bereich vor Bühne auf Konzerten genutzt, um junge Frauen anzusprechen, bei denen es anschließend zu sexuellen Übergriffen gekommen sein soll.

Inhalt des Antrags sei zudem eine Prüfung, inwiefern die Konzepte von „Sichere Wiesn“ Beratungsstelle Frauennotruf München, AMYNA und „Imma – Initiative für Mädchen“ eine Realisierung von Safe Spaces für Konzerte möglich machen könnte. Zudem soll darüber befunden werden, ob die Fachstelle „Moderation bei Nacht“ den Aufbau von sogenannten Awareness-Teams betreuen könnte.
Rammstein-Vorwürfe: Grüne wollen Awareness-Teams und „SafeNow“-App für Konzerte in München prüfen
Laut Antrag soll auch rechtlich geprüft werden, ob der Einsatz von solchen Awareness-Teams verpflichtend vorgeschrieben werden kann. Zudem sollen die Betreiber der Olympiapark München GmbH und der Messe München einschätzen, ob Apps wie „SafeNow“ eine Option für den Schutz vor sexueller Gewalt auf Konzerten bieten.
Die Sprecherin erklärte: „Ferner fordern wir von beiden Gesellschaften eine Prüfung, inwieweit Veranstaltende vertraglich verpflichtet werden können, dass die eingesetzten Sicherheitsdienste eine Schulung des Personals zum Umgang mit Belästigung, sexualisierten Überbegriffen und Diskriminierung nachweisen müssen“.
„Fragen der Sensibilisierung“: Grünen Fraktionsvorsitzende sieht Handlungsbedarf in Prävention sexueller Gewalt
Die Fraktionsvorsitzende Mona Fuchs sagte: „Womit wir uns als Gesamtgesellschaft beschäftigen sollten und worauf Politik eine Antwort geben muss, sind Fragen der Sensibilisierung, der Bildung und der Prävention. Wie schaffen wir Strukturen, die sexualisierte Übergriffe verhindern? Wie werden wir schnell handlungsfähig, um Betroffenen zu helfen, sie angemessen psychologisch zu begleiten und Vorfälle zu dokumentieren?“
Deshalb sei es die Verantwortung der Stadt München, solche Strukturen aufzubauen und bei Veranstaltungen in städtischen Räumen einzusetzen. „Hier sehen wir noch Handlungsbedarf, sowohl was Strukturen vor Ort als auch die Nutzung digitaler Tools angeht“, so Fuchs. Mitunterzeichnende Parteien des Antrags seien die Linke und die ÖDP.
Kunstfreiheit als Vorwand? Schwere Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann
Erstmeldung vom 2. Juni, 16.45 Uhr: Vilnius/Frankfurt - Februar 2019. Cynthia A. (Name geändert) ist 22 Jahre alt, als sie mit zwei anderen Frauen während eines Solo-Konzerts von Rammstein Frontmann Till Lindemann in einer Disko-Kugel tanzen soll. Die angebliche Anforderung eines Konzert-Mitarbeiters: „Es solle nur geil aussehen“. Gegenüber der SZ beschreibt sich Cynthia selbst als großer Rammstein-Fan zu dieser Zeit, nun erzählt sie ihre Version der Geschichte. Durch das Angebot des Tanzens stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, Lindemann persönlich kennenzulernen. Da habe sie die Chance ergriffen und zugesagt. Im Backstage-Bereich zeigte Lindemann den drei Frauen demnach kurz vor dem Konzert ein Musikvideo der Band mit harten Sexszenen, später habe er die 22-Jährige zu sich herangewunken.
„Ich dachte, kurz vor der Show will er mir wirklich was Cooles zeigen“, erzählt Cynthia der SZ weiter. Doch in der Garderobe, in die er sie laut Cynthias Angaben führt, zeigt er ihr nichts. Stattdessen haben die beiden Geschlechtsverkehr. „Ich will nicht sagen, dass das eine Vergewaltigung war, weil ich ja zugestimmt habe, aber ich war jetzt auch nicht offensichtlich glücklich darüber, was da passiert.“ Sie habe Schmerzen gehabt, sei verkrampft gewesen, habe danach geblutet, berichtet sie gegenüber der SZ. „Aber ich wollte eben auch nicht sagen, dass es wehtut, weil es war eben Till Lindemann.“
Welle losgetreten: Junge Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen Rammstein Frontmann Till Lindemann
Die Geschichte von Cynthia A. ist längst nicht die einzige, mit der die weltbekannte Band Rammstein aktuell konfrontiert wird. Ein anderer Fan, Shelby L., hatte am 25. Mai eine mediale Welle losgetreten, als sie auf Twitter von ihrem Erlebnis bei einem Rammstein-Konzert in Vilnius vergangene Woche berichtet hatte. Bei einer exklusiven Party zur Show habe sie nicht viel Alkohol getrunken, könne sich aber ab einem späteren Zeitpunkt an den Großteil des Abends nicht mehr erinnern und sei am nächsten Morgen mit Blutergüssen an der Hüfte aufgewacht.
Shelby L. hat den Verdacht, dass ihr ungefragt Drogen verabreicht wurden. Die junge Frau betont, dass Till Lindemann sie nie angefasst und vergewaltigt hat. Er habe jedoch aggressiv reagiert, als sie während einer Konzert-Pause auf den Sänger traf und keinen Geschlechtsverkehr haben wollte. Rammstein äußerte sich vier Tage später ebenfalls öffentlich und stritt die Vorwürfe ab. „Zu den im Netz kursierenden Vorwürfen zu Vilnius können wir ausschliessen, dass sich was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat.“
Was wirklich hinter der Bühne auf Rammstein-Konzerten passiert, bleibt offen. Beweisen, was passiert ist, kann niemand. Cynthia A. ging damals nicht zur Polizei, weil sie die Situation erst einige Zeit später durch Gespräche mit Freunden als Übergriff bezeichnete. Doch die Geschichten häufen sich. Ungutes Bauchgefühl auf Aftershow-Partys, Anfragen an junge Frauen vor den Konzerten, ob sie mit Till Lindemann schlafen wollen sowie Dress-Codes für weibliche Fans, die in die erste Reihe wollen, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Berichte, die der NDR und die SZ von Frauen gesammelt haben. Alle hätten unter Eid ausgesagt. Die Fälle lösen eine Diskussion aus, die ein ähnliches Potenzial haben könnte, wie die Metoo-Debatte vor einigen Jahren: Wie sexistisch ist Rammstein? Was für Straftaten resultieren möglicherweise aus so einem Weltbild?
Kiwi-Verlag beendet Zusammenarbeit mit Till Lindemann
Am Freitag zog der Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ Konsequenzen und beendete die Zusammenarbeit mit Lindemann. In einem Statement auf Twitter hieß es: „Unser Mitgefühl und unser Respekt gilt den betroffenen Frauen.“ Lindemann habe „sexuelle Gewalt gegen Frauen zelebriert“, auch in einem Porno-Video, in dem auch sein Buch „In stillen Nächten“ eine Rolle spielt. Das Buch hatte Lindemann bei dem Verlag veröffentlicht.
Kunstfreiheit als Vorwand? Rammstein polarisiert durch sexistische Songtexte
Vor dem Hintergrund der aufkommenden Vorwürfe gegen den Frontsänger der Band geraten vor allem die oft sexuellen und gewalttätigen Inhalte der Songs in den Fokus. Ein bekanntes Beispiel ist das Gedicht „Wenn du schläfst“ von Lindemann. Darin heißt es unter anderem „Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst. Und genauso soll es sein“ und es endet mit der Zeile „Etwas Rohypnol im Wein. Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.“ Der Liedtext ist dabei nur einer von vielen. Hinzu kommen Musikvideos, die harte Sexszenen oder gewalttätige Handlungen zeigen.

Die Inhalte sind von der Kunstfreiheit gedeckt. Der Gesetzestext zum Thema Kunstfreiheit lautet: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.“ Inhalte wie die von Rammstein müssen deshalb grundsätzlich immer vom Künstler oder von der Künstlerin differenziert betrachtet werden. So äußert sich Lindemann in seinem Gedicht offiziell beispielsweise nicht als Privatperson, sondern eben als Künstler, der ein lyrisches Ich für das Gedicht erschaffen hat und aus dessen Perspektive erzählt. Die Texte von Rammstein müssen deshalb allgemein getrennt von den aktuellen Vorwürfen gegenüber Lindemann betrachtet werden. Der Musikjournalist Raphael Smarzoch thematisiert in dem Zusammenhang aber einen elementaren Gedanken.
„Einerseits ist das natürlich Kunst und von der Kunstfreiheit gedeckt und macht noch niemanden zu einem Täter“, so Smarzoch im Deutschlandfunk Kultur über Rammsteins Texte. „Andererseits kann man dieses Argument auch umdrehen: Kunstfreiheit kann auch ein Vorwand sein, sexistische Erzählungen zu verbreiten und Vergewaltigungen zu verherrlichen beziehungsweise zu verharmlosen.“
Lindemann weist Vorwürfe von sich und schaltet Anwälte ein: „Sind ausnahmslos unwahr“
Die Thematik wird die Medien und die Gesellschaft in Deutschland voraussichtlich noch länger beschäftigen. Rammstein zählt zu den erfolgreichsten Bands in der deutschen Geschichte und ist weltweit bekannt. Aktuell steht es Aussage gegen Aussage. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich noch mehr Frauen melden werden und ihre Geschichte erzählen.
Vor dem zweiten Konzert in München schaltete Lindemann aufgrund der schweren Anschuldigungen seine Anwälte ein. Die Vorwürfe seien „ausnahmslos unwahr“, heißt es in einer Stellungnahme der Anwälte. Gegen einzelne Personen, die behaupten, von Lindemann unter Betäubungsmitteln gesetzt und so gefügig gemacht worden zu sein, gehe man rechtlich vor. Auch die Berichterstattung vieler Medien werde geprüft und dagegen gegebenenfalls rechtliche Schritte eingeleitet. (nz)
Transparenzhinweis vom 8. Juni 2023, 18:30 Uhr: Dieser Artikel wurde mit den Aussagen von Till Lindemanns Anwälten ergänzt.
Transparenz-Hinweis: In einer ersten Fassung des Textes haben wir falsch angegeben, wer die Rechtsanwaltskanzlei Schertz Bergmann‘ engagierte. Das ist nun richtiggestellt.